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LGBTIQ+-Medium im Exil
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LGBTIQ+-Medium im Exil Russische Journalisten kämpfen weiter

ms - 30.07.2026 - 11:30 Uhr
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Die meisten Mitarbeiter von Parni+, der größten russischsprachigen LGBTIQ+-Publikation, sind in den letzten Wochen nach und nach aus Russland geflohen, nachdem ihre Plattform im April dieses Jahres von einem russischen Gericht nach einer Klage des Justizministeriums als „extremistische Organisation“ eingestuft wurde. 

Das Wichtigste im Überblick

  • Das russischsprachige LGBTIQ+-Medium Parni+ wurde in Russland als „extremistische Organisation“ eingestuft.
  • Die Einstufung erfolgte nach einer Klage des russischen Justizministeriums.
  • Ein Großteil des Teams musste das Land verlassen, einige Mitarbeiter leben weiterhin in unsicheren Situationen.
  • Die Journalisten berichten von Verfolgung, Strafverfahren und schwierigen Bedingungen im Exil.
  • Parni+ will trotz des Drucks weiterarbeiten und LGBTQ+-Menschen in Russland erreichen.

Flucht aus Russland 

Parni+ wurde 2008 gegründet und berichtete zunächst über HIV für schwule und bisexuelle Männer. Später entwickelte sich die Plattform zu einem umfassenden Medium für Themen rund um LGBTIQ+-Leben, darunter Diskriminierung, Menschenrechte und Migration. Grund für die Einstufung als „extremistisch“ war nach Angaben der Behörden die Berichterstattung über LGBTIQ+-Menschen und entsprechende Themen. Hintergrund ist die zunehmende Anwendung russischer Gesetze gegen sogenannte „LGBT-Propaganda“, darunter auch das Anti-Homosexuellen-Gesetz.  Seit der Entscheidung musste der Großteil des Teams ins Ausland gehen. Einige Mitarbeiter befinden sich dabei weiterhin in Ländern, in denen die Situation für russische LGBTIQ+-Aktivisten schwierig ist.

Der Gründer und Chefredakteur von Parni+, Jewgeni Pissemski, zeigte sich von der Einstufung nicht überrascht. Er äußerte jedoch große Sorge um Leser des Mediums in Russland. „Wenn jemand in Russland unseren Beitrag oder Artikel teilt, uns schreibt oder uns seine Geschichte schickt, geht er ein potenzielles Risiko ein. Der Staat versucht, schon die Verbindung zwischen uns und unserem Publikum gefährlich zu machen“, so Pissemski. Er habe zwar immer für eine gewisse Zeit im Ausland leben wollen, aber nicht unter diesen Umständen. „Ich hatte nur 24 Stunden Zeit, nachdem ein Strafverfahren gegen mich eröffnet worden war. Ich kaufte ein Ticket, flog nach Großbritannien und beantragte politisches Asyl.“ Die größte Belastung sei nicht die Eingewöhnung in einem neuen Land. „Es ist der Verlust des beruflichen und persönlichen Lebens, das man über Jahre aufgebaut hat.“

Zurückgelassenes Leben 

Auch Mitarbeiterin Itil Tjomjnaja berichtete von den Folgen der Repressionen. Nach der Klage habe sie ein „gewisses Gefühl der Erleichterung“ verspürt. „Ich glaube nicht, dass ich jetzt noch in der Lage bin, viel darüber persönlich zu empfinden. Ich kann nur die Fakten registrieren, fast so, als würden sie jemand anderem passieren.“ Seit 2019 habe sie eine „Notfalltasche“ vorbereitet, aber gehofft, sie nie nutzen zu müssen. „Im Jahr 2022, eine Woche nach Beginn der umfassenden Invasion, wurde meine Wohnung durchsucht. Der Durchsuchungsbefehl war tatsächlich bereits drei Monate zuvor ausgestellt worden. In diesem Moment wurde klar, dass ich gehen musste.“ Sie habe in Russland ihr gesamtes Leben zurückgelassen: ihre berufliche Laufbahn, Freundschaften seit ihrer Jugend, eine ihr nahestehende Person sowie persönliche Projekte. „Ich liebte dieses Leben und trauere noch immer um seinen Verlust. Egal, wie komfortabel mein Leben jetzt ist, diese Trauer verschwindet nicht einfach.“

Exil zwischen Notunterkünften

Damir Musin, der seit August 2023 als Peer-Berater bei Parni+ arbeitet, schilderte seine schwierige Fluchtgeschichte. Er musste zwischen Unterkünften in Georgien, Montenegro, der Türkei, Tschechien, Armenien und Spanien wechseln. „Meine Auswanderung war die Hölle“, sagte Musin. „Ich lebte in Notunterkünften, manchmal hungerte ich, kaufte die billigsten keimenden Kartoffeln, die ich finden konnte, und aß nur diese.“ In Madrid habe er drei Monate in einer Obdachlosenunterkunft gelebt. Dort sei seine Gesundheit zusammengebrochen. „Ich wurde ohnmächtig, erlitt eine hypertensive Krise und mein Asthma verschlimmerte sich stark.

Der Tiefpunkt kam, als ich ausgeraubt wurde. Sie nahmen meinen Rucksack mit all meinen Dokumenten, meinem Laptop und einer Festplatte mit 20 Jahren Arbeit. Ohne Hilfsorganisationen und normale Menschen wäre ich auf den Straßen von Madrid gestorben.“ Die Aussage, nach der Ausreise aus Russland sei man sicher, weist Musin zurück. „Versuchen Sie, im Exil ohne Ersparnisse und ohne Unterstützung zu leben. Das Einzige, was man wirklich hat, ist Freiheit. In jeder anderen Hinsicht wird das Leben auf null zurückgesetzt. Hier draußen sind wir nur vor dem russischen Staat sicher.“

Angst vor Abschiebung und viel Druck

Jaroslaw Rasputin, seit Dezember 2022 Teil des Teams, berichtet ebenfalls von großer Unsicherheit. „Jedes Land könnte mich abschieben. Kein anderes Land als Russland ist verpflichtet, mich zu schützen – und Russland wäre es, aber es wird es nicht tun.“ Er sagte weiter: „Es ist sehr schwer. Ich bin erschöpft, und meine Depression ist schlimmer geworden. Ich sehe regelmäßig meinen Psychotherapeuten und nehme unter ärztlicher Aufsicht Medikamente.“ Auf die Frage, ob er die Situation bewältige, antwortete er: „Ich weiß es nicht, deshalb ist es schwer zu sagen.“

Vadim Waganow, der seit 2021 bei Parni+ arbeitet, berichtete von mehreren Verfahren gegen ihn. „Gegen mich wurden fünf separate Verfahren nach dem Gesetz über ‚ausländische Agenten‘ eröffnet und sieben weitere wegen ‚LGBT-Propaganda‘. Im Mai eröffneten die Behörden außerdem ein Strafverfahren gegen mich und setzten mich auf die föderale Fahndungsliste Russlands.“ Die Konsequenzen beträfen auch Menschen aus seinem Umfeld. „Mein Onkel wurde wegen eines Regierungsjobs abgelehnt, weil er einen Verwandten hat, der als ‚ausländischer Agent‘ gilt. Grenzbeamte befragten einen meiner Freunde, nachdem sie meine Kontaktdaten in seinem Telefon gefunden hatten.“ Ein weiterer Freund sei später in das russische Register für Terroristen und Extremisten aufgenommen worden. Waganow sagte, dieser vermute einen Zusammenhang mit seiner öffentlichen Unterstützung. „Der Staat versucht, allein die Tatsache, jemanden zu kennen, giftig zu machen.“

Parni+ will weiterarbeiten

Trotz der erzwungenen Veränderungen wollen die Journalisten ihre Arbeit fortsetzen. Pissemski sagte: „Wir wissen, dass es Menschen in Russland gibt, die uns lesen, und sie haben Angst und sind einsam. Sie müssen sehen, dass jemand noch immer in einer normalen menschlichen Stimme mit ihnen spricht.“ Die Einstufung als „Extremisten“ sei aus seiner Sicht ein Versuch, LGBTIQ+-Menschen aus der Öffentlichkeit zu verdrängen. „Der Staat versucht, LGBTIQ+-Menschen aus dem öffentlichen Leben zu löschen. Er möchte, dass Menschen wieder allein mit ihrer Angst irgendwo in Russland sitzen und denken: ‚Vielleicht stimmt etwas nicht mit mir.‘“ 

Die Aufgabe von Parni+ sei dadurch noch wichtiger geworden. „Parni+ ist nicht nur eine Website, es ist eine Verbindung für die Gemeinschaft.“ Musin sieht vor allem finanzielle Schwierigkeiten als mögliche Gefahr für die Zukunft des Mediums. „Rechtlich gesehen liegen wir bereits außerhalb der Reichweite des russischen Rechts. Die einzige echte Bedrohung ist nicht die Regierung, sondern Geld.“ Sollte Parni+ eines Tages nicht mehr veröffentlichen, werde dies nicht bedeuten, dass der Staat gewonnen habe, sondern dass die Ressourcen ausgegangen seien. „Und ehrlich gesagt wäre das von allen möglichen Ergebnissen das schmerzhafteste.“ Parni+ veröffentlicht weiterhin Artikel und arbeitet trotz des Vorgehens der russischen Behörden weiter.

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