Direkt zum Inhalt
Obdachlosigkeit unter LGBTI*-Menschen
Foto: iStock / coldsnowstorm
ANZEIGE

Obdachlosigkeit unter LGBTI*s Junge LGBTI*-Menschen geraten schnell in einen Teufelskreis

ms - 27.11.2023 - 11:00 Uhr
Loading audio player...

Die ILGA Europe schlägt jetzt Alarm mit Blick auf die Lage von LGBTI*-Obdachlosen in Europa. Geschätzt sind zwischen 20 und 40 Prozent der aktuell obdachlosen Menschen Teil der LGBTI*-Community. „Ablehnung durch die Familie, höhere Armutsraten, Mangel an institutionelle und gemeinschaftliche Unterstützung sowie Diskriminierung durch Vermieter und Arbeitgeber tragen alle zu dieser erhöhten Gefährdung bei.“

Schweigen aus Angst und Scham

Das besondere Problem dabei laut der ILGA: LGBTI*-Personen sind oft „unsichtbar“ in Gesprächen, wenn es um das Thema Obdachlosigkeit geht, viele zuständige Dienste haben Aspekte wie sexuelle Orientierung oder die Geschlechtsidentität bis heute nicht im Blick. Im Gegenzug würden viele LGBTI*-Menschen aus Angst vor Diskriminierung oder Gewalt immer öfter davor zurückschrecken, überhaupt auf ihre besondere Lage hinzuweisen oder diese generell anzusprechen. Dazu kommt: „Viele politische Maßnahmen zur Bekämpfung von Obdachlosigkeit gehen nicht auf die besondere Situation von LGBTI*-Personen ein, obwohl sie bekanntermaßen ein wichtiger Faktor ist, insbesondere für jüngere Menschen.“

Besonders gefährdet: LGBTI*-Jugendliche

Gerade bei Jugendlichen und jungen LGBTI*-Erwachsenen zeichnet sich die Lage besonders dramatisch ab: „Junge LGBTI*-Wohnungslose gaben an, dass sie aufgrund ihrer Situation als Obdachlose sowie der damit verbundenen Scham und dem Stigma kontinuierlich vom Coming-Out-Prozess abgehalten worden sind. Man kann sich nicht als LGBTI* outen, wenn man Angst um seine persönliche Sicherheit hat, und gleichzeitig kann man sich in der LGBTI*-Community nicht als obdachlos outen, weil man Angst vor Ausgrenzung durch Gleichaltrige hat.“

Geldnot und Familienprobleme

Obdachlosigkeit und LGBTI*, das scheint für viele noch immer nicht zusammen zu passen. Rund zehn Prozent der befragten LGBTI*-Menschen wurden bereits von Vermietern aufgrund ihrer gleichgeschlechtlichen Sexualität oder Geschlechtsidentität diskriminiert, beinahe jeder Fünte (18 Prozent) bekam Probleme als Mieter einer Wohnung und war damit unerwünscht. Die weiteren Hauptursachen für die Wohnungsprobleme waren zudem ein unzureichendes Einkommen (43 %) gefolgt von Problemen in der Familie oder der Beziehung (36 %) sowie der Eintritt in die Arbeitslosigkeit (24 %). „Für ein Viertel der Befragten war Arbeitslosigkeit die Hauptursache, was zeigt, dass unsichere Arbeitsplätze, niedrig bezahlte Arbeit und Diskriminierung am Arbeitsplatz wichtige Auslöser für Obdachlosigkeit in der LGBTI*-Community sind.“

Einmal obdachlos, für immer obdachlos?

Diejenigen, die keine Wohnung finden konnten, hatten dabei auch verstärkt Probleme, überhaupt irgendwo kurzfristig unterzukommen. Fast neun Prozent von ihnen schliefen auf der Straße oder öffentlichen Plätzen, gerade einmal knapp 14 Prozent gingen freiwillig in eine Notunterkunft. Rund 82 Prozent versuchten zumindest kurzfristig bei Freunden unterzukommen. Im Durchschnitt waren LGBTI*-Menschen neun Monate obdachlos, bevor sie eine neue dauerhafte Unterkunft finden konnten. Das Problem dabei: Je länger die Obdachlosigkeit andauert, desto schwieriger ist es, überhaupt noch eine neue Wohnung zu finden.

Die Suche nach einem Job

Die andere Problematik ist die Suche nach einen neuen Job – rund zehn Prozent der LGBTI*-Menschen in Europa wurden dabei bereits diskriminiert, weil sie homosexuell oder queer sind. Kommt dann noch eine Obdachlosigkeit dazu, verdoppelt sich dieser Wert in der LGBTI*-Community auf fast 20 Prozent. Mehr als jede dritte LGBTI*-Person (38 %), die von Wohnungsproblemen betroffen war, war in den letzten fünf Jahren dann zusätzlich mit körperlichen oder sexuellen Angriffen konfrontiert. Jeder vierte (23 %) LGBTI*-Obdachlose erlebte sogar im Gesundheitssystem Diskriminierung und abfällige Bemerkungen.

Zwar hat sich die Lage in einigen Ländern wie Belgien, Italien oder auch Slowenien durch die Einführung von LGBTI*-spezifischen Obdachlosendiensten geringfügig verbessert, doch gebe es noch sehr viel Luft nach oben. Die Daten fußen auf die LGBTI*-Umfrage II der Europäischen Grundrechteagentur (FRA) in Zusammenarbeit mit der Organisation FEANTSA. Die ILGA Europe wertete die Ergebnisse nach speziellen Teilaspekten wie das Thema Obdachlosigkeit aus.

Anzeige
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE

Auch Interessant

Hass-Banner in der Zweitliga

Eskalation bei Spiel mit St. Pauli

Banner-Hetze beim Spiel Energie Cottbus und St. Pauli: „Eure Regenbogenutopie endet in Pädophilie – keine Akzeptanz für eure kranke Welt!“.
„La Bola Negra“ in Toronto

Publikumspreis für schwules Drama

Das schwule spanische Drama „La Bola Negra“ gewinnt den wichtigsten Publikumspreis des Filmfestivals Toronto und setzt ein Zeichen für die Community.
Wiesn-Start in München

Kreislaufprobleme beim schwulen OB

Kreislaufprobleme stoppen Münchens schwulen Oberbürgermeister Krause beim Trachtenzug, während Heidi Klum und Bill Kaulitz beim Gay Sunday feiern.
CDU verliert, AfD im Aufwind

Erste Reaktionen zum Wahlabend

Der Tag danach: Die Wahlen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern bringen schwere Verluste für CDU und SPD, während AfD und Linke deutlich zulegen.
Trey Cunningham selbstbewusst

Hürdenläufer mit Starpotenzial

Der schwule Sportstar Trey Cunningham beendet seine Saison mit Rekord, Modeljobs und viel Selbstbewusstsein – und hat bereits Olympia 2028 im Blick.
Kerle in besonderer Tracht

Lederhose, Lust und Lebensfreude

September ist Oktoberfestzeit. Für schwule Jungs liegt dabei eine besondere Faszination bei Männern in Lederhosen. Doch warum eigentlich?
Netflix und LGBTIQ+

Die zehn erfolgreichsten Serien

Netflix' meistgesehene Serien zeigen viele LGBTIQ+-Figuren und Geschichten – an der Spitze steht ein sexy Werwolf mit rund 252 Millionen Aufrufen.
Mordversuch mit Bierflasche

Junger Mann in Minnesota attackiert

Ein Mann aus Minnesota wurde mit einer zerbrochenen Bierflasche attackiert und schwer verletzt, weil sein Angreifer ihn fälschlich für schwul hielt.
Nationale Krise auf Fidschi

Massiv steigende HIV-Zahlen

Der Staat Fidschi reagiert auf stark steigende HIV-Zahlen mit einem nationalen Notstand und will Tests, Prävention und Behandlung ausweiten.