Tausende Angriffe dokumentiert Beratungsstellen warnen vor Folgen
Die Beratungsstellen für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt haben im vergangenen Jahr bundesweit 3.167 Angriffe registriert. Nach Angaben des Bundesverbands der Beratungsstellen (VBRG) waren insgesamt 4.298 Menschen betroffen. Die grundsätzliche Entwicklung deckt sich mit Daten des BKA, demnach die Angriffe auf LGBTIQ+-Menschen zuletzt binnen eines Jahres um rund 13 Prozent zugenommen haben.
Das Wichtigste im Überblick
- Beratungsstellen dokumentierten 2025 insgesamt 3.167 rechte, rassistische und antisemitische Angriffe.
- 4.298 Menschen waren nach Angaben des Verbands von den Taten betroffen.
- Rassismus blieb das häufigste Tatmotiv, LGBTIQ+-Feindlichkeit war in 325 Fällen ausschlaggebend.
- Die Beratungsstellen beobachten einen zunehmenden Rückzug Betroffener aus dem öffentlichen Leben.
Rassismus und LGBTIQ+
Rassismus war mit 1.729 dokumentierten Angriffen das häufigste Tatmotiv und machte mehr als die Hälfte aller Fälle aus. Es folgten Angriffe auf „politische Gegner“ (639), LGBTIQ+-Feindlichkeit (325) sowie antisemitische Übergriffe (180). Immer wieder kommt es auch zu vielen, in denen sich mehrere Tatmotive vermengen beziehungsweise überschneiden. Nach Angaben des Monitorings registrierten die Beratungsstellen außerdem 20 versuchte Tötungsdelikte. Zwei Betroffene überlebten die Angriffe nicht.
Nach Einschätzung von Beratungsstellen und Wissenschaftlern verändern die Übergriffe zunehmend den Alltag der Betroffenen. Der Sozialwissenschaftler Cihan Sinanoğlu vom Deutschen Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (Dezim) sieht gegenüber der Frankfurter Rundschau eine gesellschaftliche Entwicklung, in der sich die Grenzen dessen verschieben, was öffentlich gesagt und getan werde. Viele Betroffene mieden inzwischen bestimmte Orte, beteiligten sich seltener am gesellschaftlichen Leben und verlören Vertrauen in staatliche Institutionen. „Dadurch verändert sich unsere ganze Gesellschaft.“
Rückzug von queeren Menschen
Besonders queere Menschen zögen sich zunehmend aus der Öffentlichkeit zurück, wie der LSVD+ bestätigt. Kerstin Thost vom Verein betont, dass LGBTIQ+-Menschen immer mehr von den sozialen Medien, politischen Ämtern und öffentlichen Räumen zurückziehen würden oder direkt übers Auswandern nachdenken. Grund davor sei die gestiegene Angst vor Übergriffen. Diese Bedenken spiegeln sich auch bei den CSDs in diesem Jahr wider. 2025 war etwa jede zweite Pride-Veranstaltung bereits Ziel von Attacken unterschiedlicher Art geworden.
Unterschiede der Fallzahlen
Die vom VBRG veröffentlichten Zahlen unterscheiden sich nach Angaben des Verbands teilweise von der Statistik des Bundesinnenministeriums. Nach Angaben von Judith Porath liegt das unter anderem daran, dass der Verband auch Fälle dokumentiert, die Betroffene den Beratungsstellen melden, ohne Anzeige bei der Polizei zu erstatten. Zudem würden aus Sicht des Verbands rassistische Motive von Behörden nicht immer entsprechend eingeordnet.
Dem VBRG gehören nach eigenen Angaben 19 Beratungsstellen mit mehr als 40 Anlaufstellen sowie Online-Beratungsangeboten an. Neben der Unterstützung von Betroffenen dokumentieren sie rechte Gewalttaten und bilden Berater aus. Nach Angaben von Judith Porath läuft die bisherige Bundesförderung zum Jahresende aus. Selbst im günstigsten Fall einer erneuten Förderung im Rahmen einer Ausschreibung stünde dem Verband nach ihren Angaben künftig nur noch etwa die Hälfte der bisherigen Mittel zur Verfügung.