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Wie sicher sind unsere CSDs noch?

Wie sicher sind unsere CSDs? Einschätzungen des Bundeskriminalamtes

ms - 05.06.2026 - 16:00 Uhr
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„Das sicherheitspolitische Staatsversagen bei der Bekämpfung von Hasskriminalität gegen LSBTIAQ* muss enden!“ Mit diesen Worten meldete sich zu Beginn der diesjährigen Pride-Saison Andre Lehmann vom LSVD+ zu Wort. Der landesweite Verein fordert zum Pride-Monat Juni die Bundes- und Landesregierungen dazu auf, queerfeindliche Hasskriminalität gerade im Rahmen von CSDs entschieden zu bekämpfen. „Andernfalls droht ein nachhaltiger Vertrauensverlust der queeren Community gegenüber öffentlichen Institutionen und Sicherheitsbehörden. 

Trotz seit Jahren steigender Zahlen bleiben ein gesellschaftlicher Aufschrei und entsprechende politische Folgen weitgehend aus“, attestiert Lehmann weiter. Dieses Jahr wird auf rund 250 CSDs in ganz Deutschland für Demokratie und Vielfalt eingestanden, ein besonderer Rekord. Die starke Sichtbarkeit der Community auf den Straßen und widergespiegelt dann auch in den sozialen Netzwerken sind einerseits besonders wichtig für die LGBTIQ+-Bewegung, sorgt aber andererseits auch dafür, dass Homosexuelle und queere Menschen immer stärker in den Fokus von gewaltbereiten Menschen rücken, sowohl aus dem rechtsextremen Spektrum wie auch seitens religiös-fanatischer Gruppen. 

Angriff auf jeden zweiten Pride

Ende letzten Jahres zeigte der Sicherheitsreport der Amadeu Antonio Stiftung auf, dass 2025 im Durchschnitt mehr als jede zweite Demonstration der Community das Ziel von Angriffen wurde, insgesamt kam es bei 110 CSDs zu Übergriffen, mindestens 53 davon wurden von rechtsextremen Gruppen oder Tätern attackiert. Dabei zeigte sich im letzten Jahr ein starkes Ost-West-Gefälle, 66 Prozent der CSDs in Ostdeutschland wurden Ziel von Attacken, in West-Deutschland waren es „nur“ 38 Prozent. Bei Rechtsextremen zeige sich dabei immer mehr, dass sich die Mobilisierung gerade von Jugendgruppen zunehmend immer weiter professionalisiert. „Diese Angriffe sind keine zufälligen Provokationen, sondern Teil einer strategischen Eskalation: Rechtsextreme Gruppen versuchen, öffentliche Räume zurückzuerobern, demokratische Akteur*innen einzuschüchtern und Gleichstellungspolitiken zu delegitimieren. CSDs werden dabei gezielt als Symbole einer offenen Gesellschaft angegriffen“, so Timo Reinfrank, Vorstand der Amadeu Antonio Stiftung. 

Gerade im Osten der Bundesrepublik braucht es insbesondere so wohl auch in diesem Jahr wieder viel Mut und Entschlossenheit, um in kleineren Orten und Kleinstädten Pride-Paraden und CSD-Demonstrationen zu veranstalten. Dabei sind sie gerade dort so wichtig, so Reinfrank weiter: „Besonders im ländlichen Raum und in Ostdeutschland dienen CSDs als Schutz- und Empowermenträume. Sie tragen zur Sichtbarkeit von Minderheitenrechten bei und stärken gleichzeitig die Zivilgesellschaft.“ Grundsätzlich ist der schwarz-roten Bundesregierung die Bedrohungslage für queere Menschen auch bewusst, bereits 2025 betonte Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) so eine „besorgniserregende Entwicklung“ und stellte überdies klar: „Auf Basis ihrer Weltanschauung lehnen Rechtsextremisten Diversität im Hinblick auf sexuelle Orientierung sowie entsprechende Partnerschafts- und Familienmodelle größtenteils ab. Sie sehen Heterosexualität und die Vorstellung einer damit verbundenen ‚traditionellen Kernfamilie‘ als alternativlos und biologisch ‚natürlich‘ an“. Zu religiös-fanatischen Gruppen erklärte Dobrindt überdies: „Gegen die LSBTIQ-Gemeinschaft gerichtete Äußerungen sind im Islamismus weit verbreitet und scheinen aktuell – in Wechselwirkung zu der hohen öffentlichen Aufmerksamkeit für das Thema – noch einmal an Bedeutung zu gewinnen (…) Es ist davon auszugehen, dass islamistische Internetpropaganda gegen Menschen mit anderen geschlechtlichen und sexuellen Identitäten in Deutschland zu Gewalt bis hin zu terroristischen Anschlägen führen kann.“ 

Von Beleidigungen bis zu Gewalt 

Die Delikte im letzten Jahr reichten so bereits von Beleidigungen, Bedrohungen und Sachbeschädigungen bis hin zu körperlicher Gewalt. Besonders häufig betroffen sind nebst kleinen Prides in Ost-Deutschland auch Großstädte mit einer deutlich sichtbaren LGBTIQ+-Community und Pride-Veranstaltungen. Berlin, Köln, Hamburg und München verzeichnen nicht gerade wenige Vorfälle, vielfach direkt in Zusammenhang mit CSD-Events. Die Aufklärungsquote bei diesen Straftaten liegt derzeit bei rund 30 Prozent, was die Schwierigkeit unterstreicht, Tätergruppen zu identifizieren. 

Die Dunkelziffer wird von Fachorganisationen wie dem LSVD+ als sehr hoch eingeschätzt, da viele Opfer aus Angst vor Stigmatisierung oder Repression keine Anzeige erstatten. Die EU-Grundwerteagentur sowie die ILGA Europe bestätigen durch Umfragen der letzten Jahre, dass rund 90 Prozent der Fälle von Hasskriminalität gar nicht erst angezeigt werden. Vieles, was im Umfeld von Prides und CSD-Paraden geschieht, bleibt so undokumentiert, gerade auch dann, wenn die Angriffe nicht direkt während der Veranstaltung, sondern beispielsweise auf dem Weg nach Hause oder bereits während der Anreise geschehen. 

Eskalierende Gewalt

Es gibt dabei noch einen weiteren Aspekt zu bedenken: Die Angriffe auf CSDs und Pride-Teilnehmer werden nicht nur jedes Jahr mehr, auch die Qualität der Gewalt ist inzwischen eine andere. Noch vor wenigen Jahren mussten CSD-Besucher, wenn überhaupt, dann mit verbalen Entgleisungen rechnen oder einer eher harmlosen Rangelei, inzwischen lässt sich ganz direkt von Anschlägen, Mordplänen und drastischen Gewaltfantasien der Täter sprechen. Im letzten Jahr schockte so unter anderem ein Fall aus Wernigerode – der Polizei war ein 20-jähriger Mann aufgefallen, der offenbar gedroht haben soll, während des CSD um sich zu schießen. Laut Medienberichten äußerte er demnach: „70 Schuss habe ich noch übrig.“ Die Staatsanwaltschaft Magdeburg bestätigte gegenüber dem ZDF, dass bei einer Hausdurchsuchung Munition sowie ein Tresor mit zwei Schreckschusswaffen sichergestellt wurden. Ein Fall von mehreren, die die Attacken auf ein neues Negativ-Niveau anheben. 

Anderenorts in Gelsenkirchen wurde die Pride-Parade im letzten Jahr unmittelbar vor Beginn direkt abgesagt. Anfangs war die Rede von einer „vagen Gefährdungslage“, in diesem Frühjahr wurde dann publik, dass die akute Bedrohung wohl islamistisch motiviert gewesen war. Am Morgen des geplanten Events hatte das Landeskriminalamt Nordrhein-Westfalen einen TikTok-Beitrag entdeckt, in dem ein männlicher jugendlicher Verdächtiger einen Angriff ankündigte. Die Behörden stuften die Bedrohung als ernstzunehmend ein. Laut Recherchen des Spiegel zeigte der Profil-Avatar des Verdächtigen eine schwarze Fahne sowie den Tauhid-Finger, Symbole, die von Islamisten verwendet werden. Es geht daher vielerorts nicht mehr um bloße Bedenken, möglicherweise beleidigt zu werden, sondern um eine pure Überlebensangst. 

Falko Jentsch, Sprecher des CSD Sachsen-Anhalt, beschrieb die Lage für die Organisatoren 2025 deutlich: „Eine Moderatorin hatte wirklich Angst, auf die Bühne zu gehen. Und die Menschen in unserem Team, wir haben Angst um Leib und Leben.“ Dazu konzentrieren sich die Attacken nicht „nur“ auf den CSD selbst, bereits Wochen vorher finden CSD-Organisatoren immer öfter beispielsweise Aufkleber an ihren Wohnungen aus der rechtsextremen Szene. Die Botschaft ist klar: „Wir wissen, wo du wohnst!“ Immer wieder ist dabei von Pride-Veranstaltern auch zu hören, dass Ehrenamtliche wegbleiben, spätestens dann, wenn bereits Vorbereitungstreffen inzwischen tatsächlich mancherorts unter Polizeischutz stattfinden müssen. Michael Nattke, Experte für Extremismus, erläuterte gegenüber dem ZDF: „Queerfeindlichkeit ist spätestens seit dem vergangenen Jahr für die extreme Rechte zu einem der wichtigsten Themen geworden.“ 

Forderungen nach einer echten Veränderung

 

Die logische Schlussfolgerung vieler Fachleute und CSD-Kenner sowie Vereinen ist es daher auch, dass mehr passieren muss zum Schutz von queeren Menschen. Der LSVD+ fordert deswegen zehn Sofortmaßnahmen, damit die LGBTIQ+-Community besser geschützt werden kann. Konkret geht es um eine unabhängige bundesweite Experten-Kommission zu LGBTIQ+-Feindlichkeit, eine vollständige Umsetzung der Handlungsempfehlungen der Innenministerkonferenz durch Polizei, Justiz, Bildungs- und Sozialbehörden sowie eine Reform der polizeilichen Erfassungsmethoden. Zudem müsse bei Gewaltprävention LGBTIQ+ direkt und stärker mitgedacht werden und tatsächlich wirksame Schutzkonzepte für Aufnahmeeinrichtungen erarbeitet werden. 

Mit Blick auf juristische Aspekte bedürfe es auch einer Anpassung der Strafprozessordnung und einer Änderung des Strafrechtsparagrafen zur Volksverhetzung. In der digitalen Welt sollten darüber hinaus Plattformbetreiber stärker in Verantwortung genommen werden. Zuletzt betont der LSVD+ einmal mehr den Wunsch nach einer umfassenden und wirksamen Reform des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes sowie der Ergänzung von Artikel 3 des Grundgesetzes als verstärkten Handlungsauftrag gegen LGBTIQ+-Feindlichkeit. Das Problem: Viele dieser Maßnahmen brauchen Zeit, nicht alles ist tatsächlich zeitnah selbst bei politisch besten Willen schon für diese Pride-Saison umsetzbar, gerade dann nicht, wenn verschiedene Behörden involviert sind. So sehen sich Pride-Besucher in diesem Jahr deutlich verstärkt der Frage ausgesetzt: Mitgehen oder doch lieber zuhause bleiben? Flagge und Sichtbarkeit zeigen oder möglichen Angriffen eher ausweichen? Allein die Tatsache, dass sich viele queeren Menschen diese Fragen 2026 stellen müssen, zeigt, dass sich etwas ändern sollte und müsste in diesem Land. 

Sicherheit für CSD-Teilnehmer 

Befragt im Freundeskreis trifft man in diesem Jahr auf ganz unterschiedliche Statements, einige Freunde „trauen sich kaum noch raus“ in der CSD-Zeit. „Allein die Vorstellung, von einem rechten Mob oder religiösen Fanatikern angegriffen zu werden, macht mich nervös“, betont ein guter Freund. Ein anderer indes entgegnet: „Natürlich weiß ich, dass es Risiken gibt. Aber genau deshalb gehe ich hin. Sichtbarkeit schützt uns auf lange Sicht. Wenn wir uns verstecken, geben wir denen die Macht.“ Fakt ist darüber hinaus, in mehreren Städten haben die Behörden bereits auf die steigenden Gefahren reagiert. In Berlin, Hamburg und Köln beispielsweise patrouillieren Polizeikräfte gezielt verstärkt entlang der Parade-Routen. Mobile Überwachungsteams sollen schnelle Hilfe leisten, während vielerorts Einsatzleitungen in ständiger Verbindung mit CSD-Organisatoren stehen. Doch selbst diese Maßnahmen bieten keine absolute Sicherheit, denn Tätergruppen suchen sich oft gezielt kleine, isolierte Gruppen heraus, wenn sie es auf Gewalt abgesehen haben. Angesichts dieser Realität ist es für CSD-Teilnehmer entscheidend, die eigenen Sicherheitsvorkehrungen bewusst zu gestalten. 

Die Vorbereitung auf einen CSD beginnt bestenfalls deswegen schon Wochen vor der Parade. Als Erstes empfiehlt es sich, die Route der Veranstaltung genau zu studieren und sich über die Sicherheitsmaßnahmen zu informieren. Viele Städte wie Berlin, Köln, Hamburg oder München veröffentlichen im Vorfeld auch Karten mit Sammelpunkten, Erste-Hilfe-Stationen und Treffpunkten für Notfälle. Darüber hinaus kann es hilfreich sein, in Gruppen zu gehen, denn das Zusammensein mit Freunden oder Community-Bündnissen erhöht die Sichtbarkeit und bietet gegenseitige Unterstützung, falls eine kritische Situation entsteht. Wichtig ist auch, Notfallkontakte und relevante Telefonnummern griffbereit zu speichern, darunter die 110 für Polizeinotrufe sowie gegebenenfalls lokale Ansprechpersonen von CSD-Organisationen oder queeren Beratungsstellen. Am Tag der Parade selbst sollten Teilnehmer ihre Umgebung stets genau beobachten und auf ungewöhnliche Verhaltensweisen anderer achten. Viele CSDs arbeiten mit deutlich sichtbaren Ordnern sowie geschulten Security-Teams, die in Konfliktsituationen schnell eingreifen können. Es empfiehlt sich, Treffpunkte für Gruppen im Vorfeld festzulegen und regelmäßig über Handy in Kontakt zu bleiben. Wer sich unsicher fühlt, sollte nicht zögern, sich an Sicherheitskräfte oder Erste-Hilfe-Stationen zu wenden. Zudem können Gegenstände wie Pfeffersprays oder Taschenalarme in manchen Bundesländern als persönliche Sicherheitsmaßnahme dienen – immer unter Beachtung der lokalen Gesetzeslage. 

Während der Parade ist auch die eigene Sichtbarkeit ein zweischneidiges Schwert. Einerseits signalisiert auffällige Kleidung und Regenbogen-Symbole Stolz und Zugehörigkeit zur Community, andererseits kann sie Angriffsfläche bieten. Hier gilt: wer sich unsicher fühlt, sollte überlegen, wie stark die eigene Präsenz nach außen sichtbar ist, ohne auf die Feierlichkeit verzichten zu müssen. Auch ein ständiges Bewusstsein für Fluchtwege und Notausgänge entlang der Route ist ratsam. Nach dem Ende der Veranstaltung ist im Falle eines Vorfalls die Nachsorge ebenso wichtig. Übergriffe sollten dokumentiert werden, zum Beispiel durch das Festhalten von Zeugenaussagen, Fotos und Videos oder kurzen Notizen über den Vorfall. Diese Dokumentation kann im Falle einer Anzeige bei der Polizei oder im Rahmen rechtlicher Schritte von Bedeutung sein. Queere Beratungsstellen bieten nach CSDs vertrauliche Gespräche und psychologische Unterstützung an, um mit Traumatisierungen, Angst oder dem Gefühl der Unsicherheit umzugehen. Der Austausch innerhalb der Community kann zusätzlich helfen, Erfahrungen zu verarbeiten und Solidarität zu erfahren. Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Nutzung von Feedback-Kanälen der CSD-Organisationen. 

Viele Städte sammeln nach den Paraden Rückmeldungen zur Sicherheit, zur Polizei-Präsenz und zu Problemen, die während der Veranstaltung auftraten. Teilnehmer können so aktiv dazu beitragen, dass künftige Events noch sicherer gestaltet werden. Die Teilnahme an CSDs bleibt trotz der Risiken für viele Menschen ein zentraler Ausdruck von Freiheit und Identität. Die Kombination aus sorgfältiger Vorbereitung, bewusster Wahrnehmung während der Parade und strukturierter Nachbereitung kann also dabei helfen, die persönlichen Risiken zu minimieren und gleichzeitig die Feier der queeren Gemeinschaft voll auszukosten. Die aktuellen Zahlen der Polizeilichen Kriminalstatistik und Empfehlungen zeigen, dass Sicherheitsmaßnahmen nicht nur sinnvoll, sondern leider notwendig sind, um queere Menschen auf CSDs in Deutschland zu schützen. 

Beurteilung des Bundeskriminalamtes

Auch das Bundeskriminalamt blickt in diesem Zusammenhang mit Sorge auf die aktuellen Entwicklungen rund um Pride-Paraden. SCHWULISSIMO wollte es genauer wissen und fragte nach bei René Geist, Sprecher des Mitarbeitendennetzwerks Queer beim BKA. 

Wie bewertet das BKA die Sicherheitslage für queere Menschen während der Pride-Saison 2026? Hat sich die Gefährdungslage im Vergleich zu den Vorjahren verändert?

Grundsätzlich haben wir in den letzten Jahren einen deutlichen Anstieg queerfeindlicher Straftaten festgestellt: 2024 wurden 2.108 Straftaten gegen LGBTIQ+ erfasst, was einen Anstieg von rund 18 Prozent gegenüber dem Vorjahr ausmacht. Die tatsächliche Zahl der Straftaten dürfte deutlich höher sein, da wir davon ausgehen, dass viele Taten nicht angezeigt werden und das Dunkelfeld daher hoch ist. Beunruhigend ist außerdem die Entwicklung im Netz: Das Internet hat sich zu einem Resonanzraum für Hass und Hetze entwickelt. Wir stellen dort eine massive Verrohung der Sprache fest. Diese verbale Radikalität bleibt dabei nicht immer digital; sie kann Radikalisierungsprozesse beschleunigen und im schlimmsten Fall zu Straftaten im analogen Raum führen. Gerade bei öffentlichkeitswirksamen Veranstaltungen, wie den CSDs, kann die Szene verstärkt ins Visier von Akteuren aus dem Bereich der politisch motivierten Kriminalität geraten. 

Welche Rolle spielen internationale Entwicklungen, zum Beispiel eine Anti-LGBTIQ+-Politik in anderen Ländern, für die Sicherheitslage in Deutschland?

Auch ausländische Akteure, die sich gegen die Rechte der LGBTIQ+-Gemeinschaft stellen und ihre Narrative in Deutschland verbreiten, können eine ablehnende Haltung hierzulande verstärken. Eine generelle Erhöhung der Gefährdung für in Deutschland lebende queere Menschen geht damit jedoch aktuell nicht einher. 

Welche Formen von Gewalt sind für queere Menschen auf CSDs inzwischen am wahrscheinlichsten?

Die Statistik zeigt: In den letzten zwei Jahren waren Propagandadelikte die häufigste Form von Straftaten rund um die CSD-Veranstaltungen. Dahinter folgen Sachbeschädigung, Beleidigung und Bedrohung. Körperverletzungen gab es in geringerem Maße, sie kommen aber vor. 

Sind Cyberangriffe oder Hassbotschaften in sozialen Netzwerken in der Pride-Saison eine wachsende Gefahr? 

Soziale Netzwerke spielen eine große Rolle bei der Verbreitung von Hass – auch gegen queere Menschen. Und sie bieten den Nährboden für Radikalisierung und können so auch einen Beitrag zu analogen Straftaten führen. 

Welche Rolle spielen extremistische Organisationen, religiöse Fundamentalisten oder stark konservativ-heteronormative Netzwerke bei Bedrohungen gegen Pride-Veranstaltungen?

Extremistische Gruppen – egal ob politisch oder religiös motiviert – fußen in ihrer Weltanschauung oft auf einem Freund-Feind-Denken. Sie schaffen ein Klima gegen Vielfalt, das Radikalisierung fördert. Wir beobachten, dass seit 2024 bundesweit rechtsextremistische Jugendgruppen in Erscheinung treten, die eine aggressive Ablehnung der LGBTIQ+-Community eint. Das führte in den letzten zwei Jahren zu rechtsextremistisch motivierten Straftaten und auch zu physischer Gewalt bei Veranstaltungen. Anfang Mai hat das Bundeskriminalamt mit Unterstützung durch die Landespolizeien im Auftrag des Generalbundesanwalts in zwölf Bundesländern Durchsuchungen in dieser rechtsextremistischen Szene durchgeführt. Auch im Bereich des religiösen Fundamentalismus sehen wir eine Ablehnung: In der salafistischen und jihadistischen Szene beispielsweise gilt die queere Lebensweise als Feindbild, das propagandistisch genutzt wird, um den Westen als ‚moralisch verkommen‘ darzustellen. Straftaten aus diesem Bereich blieben bisher jedoch meist Einzelfälle.

Gibt es bekannte Taktiken oder Muster, die Angreifer in der Vergangenheit bei CSDs angewendet haben?

Ein gezielter ‚Modus Operandi‘ lässt sich bisher nicht feststellen. Auch zwischen Aufrufen zur Gewalt im Netz und tatsächlichen Taten sehen wir bislang keinen systematischen Zusammenhang.

Werden Sicherheitskonzepte für größere Pride-Events vom BKA überprüft oder unterstützt?

Nein, hier hat das BKA keine Zuständigkeit, denn die Polizeiarbeit in Deutschland ist grundsätzlich föderal organisiert. Das heißt: Für Gefahrenabwehr und Strafverfolgung sind in erster Linie die Polizeien der Bundesländer zuständig. Sie handeln auf Grundlage der jeweiligen Landespolizeigesetze und können regionale Besonderheiten berücksichtigen. Die operative Sicherheit von CSD-Veranstaltungen vor Ort und der Schutz von Veranstaltungen liegen daher in der Verantwortung der jeweiligen Landespolizei. Das Bundeskriminalamt ist Zentralstelle der deutschen Polizei und stellt den Landespolizeien beispielsweise Informationen und Analysen zu Kriminalitätsentwicklungen zur Verfügung – auch was politische motivierte Kriminalität und Hasskriminalität gegen LGBTIQ+ angeht. 

Welche Regionen in Deutschland gelten aus Sicht des BKA als besonders risikobehaftet für Angriffe auf CSDs?

Auch konkrete Angaben zu regionalen Schwerpunkten oder auch Gefährdungsaspekte fallen in die Zuständigkeit der jeweiligen Bundesländer. In vielen Bundesländern gibt es bei den Landeskriminalämtern oder Landespolizeien Präventionsangebote oder Ansprechstellen für die LGBTIQ*-Community. Auf polizei-beratung.de gibt es eine Übersicht aller spezialisierten Ansprechstellen. 

Inwieweit arbeitet das BKA mit lokalen Polizeibehörden, Veranstaltern und zivilgesellschaftlichen LGBTIQ+-Organisationen zusammen?

Das BKA analysiert als Zentralstelle der deutschen Polizei regelmäßig die Lage und veröffentlicht entsprechende Zahlen. Teilweise werden auch für Großveranstaltungen anlassbezogen Gefährdungsbewertungen erstellt, um die Landespolizeien zu unterstützen. Außerdem ist das BKA mit den LGBTIQ+-Ansprechpersonen der Polizeien des Bundes und der Länder vernetzt. Gemeinsames Ziel ist es, voneinander zu lernen und Impulse für eine zukunftsgerichtete, vielfältige Polizeiarbeit zu setzen. Auch das Mitarbeitendennetzwerk Queer@bka steht in engem Austausch mit den Netzwerken der anderen Polizeien.  Darüber hinaus bringt das BKA seine Expertise in verschiedenen Arbeitsgruppen und Gremien ein und kooperiert etwa im Rahmen von Forschungsprojekten auch mit zivilgesellschaftlichen LGBTIQ+-Organisationen. Gemeinsames Ziel ist es, den Schutz der Community zu verbessern und Betroffene zu ermutigen, Straftaten konsequent anzuzeigen. 

Welche Botschaft möchte das BKA an queere Menschen und Veranstalter zur Pride-Saison 2026 senden?

Vielfalt ist Teil unseres gelebten Selbstverständnisses und unserer Werte im BKA. Wir setzen uns jeden Tag für eine offene und vielfältige Gesellschaft ein. Wir schützen die freiheitlich demokratische Grundordnung und damit auch das Recht, für Respekt, Sicherheit und Gleichberechtigung auf die Straße zu gehen. Mit Blick auf die Pride-Saison 2026 möchten wir alle Teilnehmenden und Veranstalter ermutigen: Setzen Sie sich aktiv für Ihre Rechte ein! Arbeiten Sie eng mit der Polizei vor Ort zusammen und melden Sie jeden Vorfall. Nur so kann die Polizei Straftaten verfolgen und Sicherheitskonzepte stetig verbessern.

Herr Geist, vielen Dank für das Gespräch. 

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