Mehr als drei Jahre dauerte das Verfahren, nun haben Bence Lakatos und sein Ehemann József Vanyovszki erstmals eine konkrete Perspektive auf eine Adoption. Der 36-jährige Lakatos ist von den ungarischen Behörden als geeigneter Adoptivbewerber anerkannt worden. Den Antrag musste er allerdings als Einzelperson stellen – gemeinsam dürfen die beiden Männer in Ungarn weiterhin kein Kind adoptieren. Trotzdem gilt der mögliche rechtliche Lichtblick als wegweisend für eine positive Veränderung im Land.
Das Wichtigste im Überblick
- Bence Lakatos und József Vanyovszki sind seit 2011 ein Paar und heirateten fünf Jahre später in Dänemark.
- Da gleichgeschlechtliche Paare in Ungarn nicht gemeinsam adoptieren können, stellte Bence im Februar 2023 einen Antrag als Einzelperson.
- Fachleute bescheinigten ihm bereits 2023 die Eignung für eine Adoption. Dennoch lehnten die Behörden seinen Antrag zweimal ab.
- Gerichte hoben die Entscheidungen auf beziehungsweise beanstandeten das Vorgehen der zuständigen Behörde.
- Im April 2026 verhängte ein Gericht wegen weiterer Untätigkeit eine Geldstrafe von umgerechnet rund 2.700 Euro gegen die Behörde.
- Anfang August 2026 erteilte der zuständige Minister schließlich seine Zustimmung. Danach erkannte auch die Adoptionsbehörde Bences Eignung an.
- Nach Angaben der Organisation Háttér ist er die erste Person, die seit den Verschärfungen von 2021 eine solche Anerkennung erhalten hat.
- Ministerpräsident Péter Magyar hat eine Änderung der Adoptionsregeln angekündigt. Ein entsprechendes Gesetz ist bislang jedoch nicht verabschiedet.
- Die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare sowie deren gemeinsame Adoption bleiben in Ungarn weiterhin ausgeschlossen.
Jahrelanger Rechtsstreit
Lakatos und der 41-jährige Vanyovszki lernten sich 2011 kennen. Fünf Jahre später heirateten sie in Dänemark. In Ungarn, wo das Paar lebt und seine Partnerschaft registriert hat, wird ihnen eine gemeinsame Adoption nicht ermöglicht. Deshalb entschied sich Lakatos, das Verfahren allein zu durchlaufen. Der Förderpädagoge stellte im Februar 2023 einen individuellen Adoptionsantrag. Sein Ehemann, der in den Bereichen Grafik und Online-Marketing arbeitet, war nach Angaben der ungarischen LGBTIQ+-Organisation Háttér dennoch in das Verfahren eingebunden. Die Organisation unterstützte das Paar juristisch.
Bereits nach dem ersten Kontakt mit den Sozialdiensten hatten die beiden Männer nach eigenen Angaben Zweifel daran, ob ihr Antrag eine faire Chance haben würde. Vanyovszki sagte der Nachrichtenagentur Reuters: „Wir haben keine offene Feindseligkeit wahrgenommen, aber es war klar, dass es eine unausgesprochene Voreingenommenheit gab, die uns vermuten ließ, dass die Entscheidung gegen unseren Antrag ausfallen würde.“ Tatsächlich folgte ein jahrelanges Verfahren mit zwei ablehnenden Entscheidungen und mehreren gerichtlichen Auseinandersetzungen.
Dabei hatten die zuständigen Fachleute des örtlichen Kinderschutzdienstes Lakatos bereits 2023 positiv beurteilt. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass er für eine Adoption geeignet sei. Nach Darstellung von Háttér erkannte auch die Leitung des nationalen Dienstes an, dass die Fachleute keine Umstände festgestellt hatten, die seine Eignung ausschließen würden. Dennoch wurden seine „familiären Verhältnisse“ als ein Risiko bezeichnet, das berücksichtigt werden müsse. Die zuständige Behörde erklärte Lakatos daraufhin für nicht geeignet, ein Kind zu adoptieren.
Gericht rügt homophobe Behörde
Lakatos akzeptierte die Entscheidung nicht und zog mit Unterstützung von Háttér vor Gericht. Im Juni 2024 hob das Budapester Gericht die ablehnende Entscheidung auf und ordnete eine erneute Prüfung an. Nach Angaben der Organisation machte das Gericht dabei deutlich, dass die Eignung anhand der tatsächlichen und individuellen Lebenssituation eines Antragstellers beurteilt werden müsse. Allgemeine oder lediglich angenommene Risiken seien demnach keine ausreichende Grundlage für eine Ablehnung. Doch auch das neue Verfahren brachte zunächst keine Zustimmung. Im September 2024 erklärte die zuständige Behörde Lakatos erneut für ungeeignet. Wieder verwies sie auf sein Familienmodell sowie auf weitere Risikofaktoren. Der 36-Jährige legte abermals Rechtsmittel ein.
Im folgenden Verfahren stellte das Gericht fest, dass die Behörde aufgrund der ersten Entscheidung die Unterlagen an den zuständigen Minister hätte weiterleiten müssen. Nach ungarischem Recht war dessen Zustimmung erforderlich. Stattdessen hatte die Behörde Lakatos ein zweites Mal für ungeeignet erklärt. Auch danach kam das Verfahren zunächst nicht entscheidend voran. Wegen einer weiteren Phase der Untätigkeit griff das Gericht schließlich erneut ein: Im April 2026 verhängte es gegen die zuständige Behörde eine Geldstrafe von einer Million Forint, umgerechnet rund 2.700 Euro. Erst Ende April wurden die Unterlagen an den Minister weitergeleitet – mehr als drei Jahre nach dem ursprünglichen Adoptionsantrag.
Minister gibt grünes Licht
Diesmal empfahl die Behörde, Lakatos als geeigneten Adoptivbewerber anzuerkennen. Dabei berief sie sich auf die positive Einschätzung der Fachleute aus dem Jahr 2023. Am 3. August 2026 erteilte der zuständige Minister schließlich die notwendige Genehmigung. Anschließend fiel auch die Entscheidung der Adoptionsbehörde positiv aus. Damit kann Lakatos seinen Weg zu einer Adoption fortsetzen. Eine gemeinsame Adoption mit seinem Ehemann ist damit allerdings nicht verbunden. Nach Angaben von Háttér ist Lakatos allerdings trotzdem die erste von der Organisation unterstützte Person, die seit Inkrafttreten der verschärften Regelungen im Jahr 2021 nach einem solchen Verfahren als geeignet anerkannt wurde.
„Schwer in Worte zu fassen“
Für das Paar bedeutet die Entscheidung nach Jahren der juristischen Auseinandersetzungen einen entscheidenden Fortschritt. Lakatos erklärte, die beiden hätten über Jahre davon geträumt, Eltern zu werden und einem Kind ein sicheres Zuhause geben zu können. „Es ist schwer in Worte zu fassen, was diese Entscheidung für uns bedeutet“, sagte er. Das Ergebnis sei nach seiner Einschätzung zugleich ein Signal für alleinstehende Adoptionsbewerber sowie für gleichgeschlechtliche Paare. Auch Vanyovszki äußerte sich gegenüber Reuters zu der Entwicklung. Dabei verwies er auf die politischen Veränderungen nach dem Regierungswechsel im April. „Wir wussten, dass es nach April Veränderungen geben würde, aber sie tatsächlich zu erleben, ist etwas völlig anderes, als lediglich darauf zu hoffen, dass sich etwas ändert.“
Magyar kündigt Reform an
Parallel zu dem Fall hat die neue ungarische Regierung Änderungen an den Adoptionsregeln angekündigt. Ministerpräsident Péter Magyar erklärte Mitte September, die während der Regierungszeit von Viktor Orbán eingeführten Vorschriften ändern zu wollen. Seit März 2021 reicht bei Einzelbewerbern eine positive fachliche Bewertung nicht aus. Für die Anerkennung ihrer Adoptionseignung ist zusätzlich die Zustimmung des für Familienpolitik zuständigen Ministers notwendig.
Diese Vorschrift hat besondere Bedeutung für schwule und lesbische Paare. Da gleichgeschlechtliche Paare in Ungarn weder heiraten noch gemeinsam adoptieren können, bleibt ihnen für eine Adoption nur die Möglichkeit, dass einer der beiden Partner einen Antrag als Einzelperson stellt. Magyar erklärte, über die Eignung zur Adoption sollten Fachleute entscheiden, die beurteilen könnten, unter welchen Bedingungen ein Kind aufwachsen werde. Die Entscheidung solle nicht bei einem Minister liegen. Bislang handelt es sich allerdings lediglich um eine angekündigte Reform. Ein entsprechendes Gesetz ist noch nicht verabschiedet.
Hoffnung auf Ehe für alle
Auch eine Abschaffung der ministeriellen Genehmigung würde nicht bedeuten, dass gleichgeschlechtliche Paare künftig automatisch gemeinsam adoptieren könnten. Ungarn erkennt eingetragene Partnerschaften von Menschen gleichen Geschlechts an. Eine gleichgeschlechtliche Ehe ist dagegen nicht vorgesehen. Dass Lakatos und Vanyovszki in Dänemark geheiratet haben, ändert daran nichts. Ihre dort geschlossene Ehe ermöglicht ihnen in Ungarn keinen gemeinsamen Adoptionsantrag.
Sollte die zusätzliche ministerielle Genehmigung für Einzelbewerber tatsächlich abgeschafft werden, könnte dies das Verfahren für Menschen wie Lakatos vereinfachen. Eine automatische rechtliche Anerkennung beider Partner als Adoptiveltern wäre damit jedoch nicht verbunden. Lakatos hofft deshalb auf weitergehende Veränderungen und die Einführung der gleichgeschlechtlichen Ehe. Gegenüber Reuters sagte er: „Das würde es uns ermöglichen, diese zusätzlichen Schwierigkeiten und Rechtsverletzungen vollständig zu beseitigen.“