Direkt zum Inhalt
Schweigen der Regierung
ANZEIGE

Schweigen der Regierung Gay-Aktivist Peter Tatchell kritisiert mit scharfen Worten die Labour-Regierung: Wo bleiben die rechtlichen Verbesserungen für LGBTIQ+?

ms - 08.07.2025 - 15:00 Uhr
Loading audio player...

Vor einem Jahr wurde Keir Starmer von der Labour-Partei der neue Premierminister von Großbritannien. Nebst einem verstärkten Einsatz gegen Hassverbrechen gegenüber LGBTIQ+-Menschen wurde der Community auch ein neues Gesetz über das Verbot von Konversionstherapien versprochen. Geschehen ist bisher nach Auffassung von Aktivist und Gay-Ikone Peter Tatchell (73) nichts. 

Stillstand seit 2018 

Seit rund sieben Jahren wird im Königreich über ein Verbot der umgangssprachlichen „Homo-Heilungen“ debattiert, mehrere Premierminister scheiterten an dem Gesetzesvorhaben – im Zentrum des Problems stand dabei stets die Frage, ob auch trans* Personen mit eingeschlossen werden sollten in den Gesetzestext; einige Ärzte und Therapeuten befürchteten so, eine Selbstdiagnose eines Patienten dann nicht mehr hinterfragen oder medizinisch abklären lassen zu dürfen. 

Fakt ist: Konversionstherapien sind Folter, wie die Vereinten Nationen dies klar definiert haben. Und: 31 Prozent der homosexuellen Briten mussten in ihrem Leben bereits eine solche Therapie über sich ergehen lassen. In absoluten Zahlen sind das so rund 650.000 Schwule und Lesben. Jeder zehnte Betroffene erlebte Exorzismus und sogenannte „korrigierende Vergewaltigungen“ im Vereinigten Königreich.

Konsultationen und Kulturkämpfe 

„Trotz der Beweise, die zeigen, dass Konversionspraktiken mentalen und emotionalen Schaden verursachen, gibt es ein Jahr nach den letzten Parlamentswahlen immer noch kein Verbot; nicht einmal eine Gesetzgebung in Vorbereitung. Kein Gesetzesentwurf. Nichts., Um es klar zu sagen: Dieses Thema ist nicht neu. Die Verpflichtung, die Konversionstherapie zu verbieten, wurde wiederholt versprochen – zuerst von Theresa May im Jahr 2018, dann von Boris Johnson, und sogar kurz von Rishi Sunak. Aber jede konservative Regierung hat bisher nicht gehandelt und sich hinter ´mehr Konsultationen´ und Ablenkungsmanövern im Kulturkampf versteckt“, so Tatchell in seiner Kritik. 

„Untätigkeit ist nicht neutral“

Die Labour-Partei, die bis vor einem Jahr in der Opposition war, wollte es besser machen und kritisierte jahrelang die Untätigkeit der Regierung. „Keir Starmer hatte nun zwölf Monate Zeit, um seine innenpolitische Agenda darzulegen. Doch wenn es darum geht, LGBTIQ+-Menschen vor den psychischen und physischen Schäden von Konversionspraktiken zu schützen, hat sich seine Regierung entschieden, nichts zu tun. Untätigkeit ist nicht neutral. Sie ermutigt diejenigen, die glauben, dass LGBTIQ+-Menschen, insbesondere trans* Personen, ´geheilt´ werden müssen“, betont der schwule Aktivist weiter. 

Tatchell führt dabei zudem auf, dass ein Verbot von Konversionstherapien keine gar „extreme Forderung“ sei, denn in mehr als zwanzig Ländern existiert dies bereits, darunter seit Mai 2020 auch in Deutschland. Im Mai dieses Jahres nun schaffte es sogar eine Petition mit mehr als einer Million Unterschriften, dass sich auch die Europäische Union verpflichtend mit dem Thema beschäftigen muss. Für Großbritannien ist auch das allerdings keine Lösung, seitdem das Land vor fünfeinhalb Jahren aus der EU ausgetreten ist. 

Lebenslange Schäden bei Betroffenen

Tatchell berichtet in seinem Statement dabei auch von einem sehr persönlichen Fall: „Ich werde nie vergessen, welchen Schaden und Schmerz die Konversionstherapie meinem schwulen Freund John zugefügt hat. Als Teenager wurde er von seiner Familie und der Kirche unter Druck gesetzt, seine Sexualität zu ändern, und musste sich verschiedenen entwürdigenden und aggressiven Beratungs- und Gebetssitzungen unterziehen. Er verglich sie mit einer Form von ´geistiger Folter´, ´emotionalem Mobbing´ und ´religiöser Gehirnwäsche´. Dies führte dazu, dass er glaubte, er sei ´krank´ und ´pervers´. Man sagte ihm, er sei ein ´Sünder´ und dazu bestimmt, ´in der Hölle zu schmoren´, wenn er nicht ´Buße tue´ und seinen ´satanischen homosexuellen Lebensstil´ aufgebe. John erlitt daraufhin einen Nervenzusammenbruch. Die Sitzungen haben seine Homosexualität nicht ´geheilt´ und ihn heterosexuell gemacht. Aber sie machten ihn sexuell funktionsgestört und unfähig, gleichgeschlechtliche emotionale Bindungen einzugehen.“

Jeden Tag leiden Menschen

Noch habe die Regierung Zeit, endlich das Richtige zu tun, betont Tatchell abschließend, denn noch immer leiden viele Menschen bis heute an diesen „bösartigen Praktiken“. Es gehe dabei um grundlegende Menschenrechte und den Schutz schutzbedürftiger Menschen. „Mit jedem Tag, an dem die Regierung zögert, leiden mehr Menschen. Worte sind nicht genug. Wir müssen handeln – und zwar jetzt. Diese Untätigkeit vermittelt die Botschaft, dass das Leben und die Würde von LGBTIQ+-Menschen nicht so wichtig und in der britischen Politik immer noch verhandelbar sind.“

Anzeige
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE

Auch Interessant

KI-Brillen sorgen für Kritik

Warnung vor Überwachungsrisiko

KI-Brillen von Meta könnten laut Kritikern neue Formen staatlicher Überwachung ermöglichen und besonders Minderheiten wie LGBTIQ+ gefährden.
Rätselhafter Tod in Dublin

Leiche in Recyclinganlage entdeckt

Ein obdachloser schwuler Mann wurde tot in einer Müllanlage in Dublin gefunden. Die Polizei schließt ein mögliches Verbrechen nicht aus.
Hardcore in Österreich

Alterscheck für alle Pornoseiten

Österreich plant ab 2027 verpflichtende Alterskontrollen für Pornoseiten. Kritiker warnen vor Risiken für Datenschutz und Anonymität.
Uni-Rauswurf in Nigeria

Schwule Studenten exmatrikuliert

Eine nigerianische Universität hat jetzt zwei männliche Studenten wegen einer homosexuellen Beziehung von der Hochschule geworfen.
Neue Razzia in der Türkei

Festnahmen in Schwulenbar

Nach einer weiteren Razzia in einer Schwulen-Bar in Ankara sind jetzt sieben Menschen festgenommen worden. Die Behörden betonten „Sitte und Moral“.
Eklat bei Aids-Konferenz

Kritik an Trump-Regierung

Eine fehlerhafte Afrika-Karte der Trump-Regierung auf der Aids-Konferenz sorgte für Spott und neue Kritik an der US-Gesundheitspolitik.
Streit nach Statement

LSU erhöht Druck auf Pantisano

Nach Äußerungen von Alfonso Pantisano zum Islamismus fordert die Berliner LSU seine Abberufung und löst eine neue politische Debatte aus.
Debatte über Islamismus-Gefahr

CSD-Attentat verschärft Diskussion

Aktivistin Düzen Tekkal fordert nach dem Berliner CSD-Anschlag einen ehrlichen Umgang mit Islamismus und kritisiert Versäumnisse bei der Sicherheit.
Comeback von Glee

Ryan Murphy macht Fans Hoffnung

"Glee" könnte ein Comeback feiern – Serienmacher Ryan Murphy hält eine Neuauflage der Musicalserie inzwischen für denkbar.