Direkt zum Inhalt

Mehr Vielfalt in der Kirche? Bischofe empfehlen Einbindung auch von homosexuellen Mitarbeitern

Von ms - 23.11.2022 - 08:04 Uhr
Mehr Vielfalt in der Kirche?
Foto: IMAGO / Emmanuele Contini
ANZEIGE
Loading audio player...

Die deutschen katholischen Bischöfe haben sich auf ein neues kirchliches Arbeitsrecht verständigt, bei dem künftig die private Lebenswirklichkeit der rund 800.000 Angestellten und Mitarbeiter keine Rolle mehr spielen darf. Damit gleicht sich das kirchliche Arbeitsrecht den ansonsten allgemein gültigen Arbeitsschutzbestimmungen in der Bundesrepublik ein Stück weit an. Künftig soll im Kirchendienst nicht mehr darauf geachtet werden, ob eine Person homosexuell, geschieden oder wieder verheiratet ist – alles Aspekte, die bisher bei Kirche und Caritas zu einer Kündigung haben führen können. Der Beschluss ist aktuell allerdings nur eine Empfehlung, soll aber alsbald in den Bistümern in diözesanes Recht nach eigenem Ermessen umgewandelt werden.

Teilerfolg für Aktion OutInChurch

Die deutsche Bischofskonferenz macht damit in dieser Woche einen Schritt gerade auch auf Homosexuelle zu, nachdem die Bischöfe erst letzte Woche beim Treffen mit dem Papst in Rom mit ihren Reformvorschlägen wie einer neuen Sexualethik, Frauen als Priesterinnen oder Segnungen von homosexuellen Paaren durchwegs auf strikte Ablehnung gestoßen waren. Für viele homosexuelle Menschen, die beispielsweise als Erzieher oder Arzt in kirchlichen Einrichtungen arbeiten, dürfte der jetzige Beschluss trotzdem eher positiv bewertet werden – die Achtung der Intimsphäre von Seiten des Arbeitsgebers Kirche war auch eine der zentralen Forderungen der Aktion #OutInChurch, die zu Beginn des Jahres medial für Aufmerksamkeit gesorgt hatte. Rund 500 kirchliche Mitarbeiter hatten sich größtenteils als schwul oder lesbisch geoutet, zudem hatte eine Petition mit rund 117.000 Unterschriften ein Umdenken gefordert. 

Wunsch nach Vielfalt als Bereicherung

Künftig, so der Beschluss der Bischöfe, liege es an den Führungskräften der jeweiligen Einrichtungen, den kirchlichen Charakter und die katholische Identität zu stärken. Man wünsche sich eine Art von Leitbildfunktion, durch die die christlichen Werte vermittelt werden sollen. Die Religionszugehörigkeit eines Mitarbeiters soll auch nur dann noch von Bedeutung sein, wenn dies die Position erfordert, beispielsweise also im Bereich Seelsorge. Ausdrücklich wollen die deutschen Bischöfe mit dieser Empfehlung auch ein Statement zum Thema Vielfalt in der Kirche abgeben: "Alle Mitarbeitenden können unabhängig von ihren konkreten Aufgaben, ihrer Herkunft, ihrer Religion, ihrem Alter, ihrer Behinderung, ihrem Geschlecht, ihrer sexuellen Identität und ihrer Lebensform Repräsentantinnen und Repräsentanten der unbedingten Liebe Gottes und damit einer den Menschen dienenden Kirche sein“, so die Erklärung weiter.

Kritik von OutInChurch und queeren Organisationen

Kritik kommt trotzdem von verschiedener Seite, auch von den Mitgliedern der Aktion #OutInChurch, wie der Würzburger Hochschulpfarrer Burkhard Hose gegenüber der Süddeutschen Zeitung erklärt: „Es ist nur die Rede von sexueller, nicht aber von geschlechtlicher Identität. Das heißt, Menschen, die nicht ins binäre Geschlechtersystem passen, werden davon nicht erfasst." Zudem bleibe die Kirche sehr vage bezüglich möglicher Kündigungsgründe, lapidar ist die Rede von “kirchenfeindlichem Verhalten“ – ein Feld mit vielen Interpretationsmöglichkeiten. Dieser Kritikpunkt wurde auch von verschiedenen anderen LGBTI*-Vereinen aufgegriffen, zudem bestehe die Gefahr, dass die neuen Richtlinien sehr unterschiedlich in den einzelnen Bistümern umgesetzt werden würden, denn eine verbindliche neue Grundordnung ist die Erklärung der Bischöfe nicht, es bleibt bei einer Empfehlung. 

Hoffnung auf Erneuerung

Für viele Mitarbeiter bestehe trotzdem ganz praktisch die Hoffnung, dass sich jetzt vieles zum Besseren in der katholischen Kirche in Deutschland wenden könne. Christian Weisner von der Aktion “Wir sind Kirche“ dazu: "Dies bedeutet hoffentlich ein Ende von Diskriminierungen und ein Ende der Heimlichtuerei aus Angst um den Verlust des Arbeitsplatzes zum Beispiel für geschiedene wiederverheiratete Paare oder homosexuell lebende Menschen." Auch Bundesjustizminister Marco Buschmann begrüßte den Schritt und freute sich darüber, dass die Kirche sich der “Wirklichkeit liebender Menschen“ öffnen würde. Die Vorsitzende des Caritas-Verbands, Eva Welskop-Deffaa, spricht direkt von einem "Paradigmenwechsel".

Ob und wie die Empfehlung nun landesweit umgesetzt werden wird, muss die Zeit zeigen. Das kirchliche Arbeitsrecht aus dem Jahr 1994 war bereits 2015 erstmalig unter dem Druck weltlicher Rechtsprechung vor Arbeitsgerichten reformiert worden, sodass eine Scheidung und Wiederheirat nicht automatisch zu einer Kündigung führen musste. Eine verbindliche Rechtssicherheit gab es aber 2015 wie auch heute nach wie vor nicht.

Anzeige
ANZEIGE

QUEERE PRESSESCHAU

tazNeue ZDF-Serie: Das Geisterhaus im SchwarzwaldhessenschauTanzen gegen die Einsamkeit: Ein Ort, an dem sich queere Menschen nicht erklären müssenBerliner MorgenpostDie Sehnsucht im Italien der bleiernen Jahre: „Buch der Träume“WDRComing-Out-Days: Queeres Leben auf dem LandAlle Meldungen ansehen
ANZEIGE

Umfrage der Woche

Wo würdest du ein erstes Date am liebsten verbringen?

Choices
Artikel zur Umfrage lesen
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE

Auch Interessant

Queere Vielfalt im Tierreich

Wenn Widder auf Widder stehen

Manche Widder bevorzugen andere Männchen. Gleichgeschlechtliches Verhalten ist weit verbreitet – was Studien zeigen und wo Vergleiche hinken.
Ältere Brüder, schwule Söhne?

Was die Forschung wirklich zeigt

Ältere Brüder und schwule Söhne: Studien finden Zusammenhänge. Doch die Ursache ist nicht bewiesen – und die Statistik bleibt umstritten.
Dresden holt den EuroPride

Rückkehr nach 25 Jahren

Dresden richtet den EuroPride 2029 aus. Nach 25 Jahren kehrt das europäische Pride-Event nach Deutschland zurück. Das Motto setzt auf Brücken.
Streit um Pornoseiten

Sperren vorerst gestoppt

Pornhub und YouPorn müssen vorerst nicht gesperrt werden. Das OVG NRW verweist auf EU-Recht. Der Streit um wirksamen Jugendschutz geht weiter.
Empörung auf Bestellung

Ragebait ist Jugendwort 2026

„Ragebait“ ist das Jugendwort 2026. Was der Begriff bedeutet, warum Provokation Reichweite bringt und was die LGBTIQ+-Community daraus lernen kann.
Warnung von Andrew Scott

Kein Vergessen der Aids-Krise

Der schwule Schauspieler Andrew Scott fordert, die Aids-Krise nicht zu vergessen. Sein neuer Film „Elsinore“ erinnert an jene Zeit.
Schwuler Politiker wehrt sich

BDSM-Fotos sorgen für Wirbel

Alte BDSM-Fotos bringen den schwulen US-Politiker Chris Gallant in die Schlagzeilen. Doch der Kongresskandidat denkt nicht an Rückzug.
Coming-Out bleibt ein Tabu

Schwule Profis schweigen weiter

Thomas Hitzlsperger sieht kleine Fortschritte gegen Homophobie im Fußball. Doch viele schwule Profis fürchten ein Coming-Out selbst nach Karriereende.
Schutz für queere Jugendliche

Mamdani finanziert trans* Medizin

New York stellt neun Millionen Dollar für die Behandlung trans* Jugendlicher bereit, nachdem mehrere Kliniken ihre Angebote eingestellt haben.