Die türkischen Behörden gehen seit Mitte September unter dem Slogan „Meine Familie ist sicher“ massiv gegen die queere Community vor.
Mikhail, aus der Ukraine – lebt in Köln
Dazu habe ich meine persönliche Geschichte. 2009 traf ich mich in Istanbul mit meinem damaligen Freund. Er war ukrainischer Jude, der in Köln wohnte. Ich lebte damals im Süden Russlands, in den ich mit 7 Jahren aus der Ukraine kam. Ich war erstaunt – in der Istanbuler Innenstadt konnte man schwule Bars sehen, die an der Regenbogenfahne zu erkennen waren. So etwas gab es damals in Russland schon nicht mehr. Ich dachte mir: Wow, ein muslimisches Land und keiner macht sich Sorgen wegen der Schwulen.
Ich habe diese fortschrittliche Entwicklung damals in Russland miterlebt, war 18 und dachte, wir werden irgendwann genauso frei wie die westliche Gesellschaft. Wir konnten damals offen reden und ich habe mich vor meinen Freunden geoutet. Ich habe Repressionen in Russland erlebt und jetzt ist die Türkei dran. Heute, 17 Jahre später, herrschen annähernd die gleichen Zustände wie in Russland. Das macht mir schon Angst – auch vor der Zukunft in Deutschland.
Vor zehn Jahren dachte ich: Wow, der Westen ist so progressiv, das Ganze wird nie wieder rückgängig gemacht werden können. Ein älterer Freund, der in Israel wohnt, meinte jedoch damals schon: „Misha, alles kann zurückgehen. Auch das.“ Ich hatte so eine Hoffnung und war voller Idealismus, dass der Westen es besser kann.
Aber der Konservatismus gepaart mit Rechtspopulismus gewinnt gerade weltweit an Kraft.
Heute habe ich weniger Angst wegen mir, sondern wegen nachfolgender Generationen. Wir hatten ein freies Outing, wir konnten uns bekennen, ohne Angst haben zu müssen. In Zukunft werden viele versteckt leben und werden wieder in den Suizid getrieben, weil sie nicht offen damit umgehen dürfen.
Aber ehrlich gesagt, das ist nicht das einzige Problem in der Türkei.
Sascha, empirischer Kulturwissenschaftler oder queerer Anthropologe
Ich wurde auf die Geschehnisse in der Türkei Anfang September durch verschiedene queere Medienseiten auf Instagram aufmerksam. Infolge der Recherche für einen Vortrag habe ich das noch mal aufgegriffen als: Okay, da passiert queerfeindliche Politik international. Wie können wir darauf reagieren? Beruflich forsche ich zu Solidarität und queeren Perspektiven auf solidarisches Zusammenleben. Und Solidarität lässt sich für mich nur in einem internationalen Zusammenhang verstehen. Wenn irgendwo was passiert, Türkei ist jetzt gar nicht mal so weit weg, hat das auch Auswirkungen auf uns hier in Deutschland. Wenn so massive Repressionen gegen queere Organisationen, Vereine, Aktivist*innen etc. geschehen, hat das auch Auswirkungen auf uns, vor allem, da wir in Deutschland eine große türkische Community haben.
Ich glaube, wir müssen wieder lauter sein und müssen uns auf harte Zeiten einstellen, sichtbarer sein, uns nicht unsichtbar machen lassen. Unsere ganzen Streitereien um Kleinigkeiten, die haben auch Wert, aber wir haben gerade größere Kämpfe vor uns. Wir müssen wieder mehr zusammenfinden und schauen: Wie können Schwule, Lesben, trans Personen, Queers alle mehr zusammenhalten und gegen den Rechtsruck kämpfen? Ich würde empfehlen, hier lokal zu schauen, was queere Vereine, Organisationen sagen, die sich damit auseinandersetzen, oder türkischsprachigen Menschen in meiner Umgebung erst mal zuzuhören und ggf. Unterstützung anzubieten.
In den öffentlich-rechtlichen und privaten Medien ist leider so gut wie nichts publiziert worden. Es ist wohl aktuell nicht strategisch angesagt, viel über queere Geschehnisse zu berichten, weil unsere Politik in eine andere Richtung geht und andere Themen gerade wichtiger erscheinen. Diese ganzen „Randthemen“ stoßen gegen den aktuellen Mainstream und werden eher als Störthemen wahrgenommen. Es ist ein Anzeichen für den gesamtgesellschaftlichen Rechtsruck und auch Teile der queeren Bewegung oder der queeren Communitys bewegen sich mit nach rechts.
Sonja aus Leverkusen, Geschäftsführerin von HennaMond – Mut, Rat und Lebenshilfe e. V.
Von 1985 bis heute habe ich zur Situation queerer Menschen in der Türkei recherchiert. Ich habe mit den Menschen gesprochen, sie Tag und Nacht begleitet, um zu erfahren, wie es ihnen wirklich geht – mit welcher Diskriminierung, welchem Rassismus und welcher Gewalt sie konfrontiert sind.
In den vergangenen Jahren habe ich zunehmend erlebt, wie sich die Lage durch das Handeln der Regierung verschlechtert. Rechte werden eingeschränkt. Räume, in denen sich queere Menschen trafen, wurden geschlossen, verwüstet oder sogar angezündet. Was jetzt durch das Gesetz festgeschrieben wird, hat schon lange im Verborgenen stattgefunden.
Mich macht wütend, dass darüber in Deutschland und auch in der EU so wenig berichtet wird. Viele Menschen in der Türkei fragen uns: „Was sollen wir tun? Wir werden zusammengeschlagen, verprügelt und eingesperrt.“
Und die ganze Welt lässt das zu. Es gibt kaum Kritik an der Türkei, weil viele wissen, wie Erdoğan auf Kritik reagiert. Ich selbst darf seit 2017 nicht mehr in die Türkei, weil ich Tabuthemen angesprochen habe und auch weil ich mit queeren Menschen arbeite.
Ende der 1980er-Jahre sagten Menschen nach ihrem Coming-out nicht: „Ich bin schwul“ oder „Ich bin lesbisch“. Sie bezeichneten sich selbst als „Haram“, als „beschmutzt“. Wenn ich als türkische Kurdin sagte, dass man sich selbst nicht so bezeichnen sollte, konnten manche das zunächst nicht verstehen. Niemand ist schmutzig oder sündig. Jeder Mensch hat Würde. Auch ich selbst habe die Erfahrung einer geplanten Zwangsehe gemacht und bin deshalb aus meiner Familie geflohen.
Früher dachte ich: Im 21. Jahrhundert werden wir ganz woanders sein. Heute habe ich das Gefühl, dass wir nur noch zurückgehen. Besonders erschreckt mich die Wortwahl „Schutz der Familie“. Sie nimmt diesen Menschen ihre Würde und vermittelt ihnen: Du gehörst nicht dazu. Du bist ein Problem der Gesellschaft.
Als HennaMond gegründet wurde, gab es deutschlandweit kaum Anlaufstellen, die auch jungen Männern offenstanden, die von Zwangsverheiratung, drohendem sogenannten Ehrenmord, familiärer Gewalt oder Gewalt wegen ihrer Sexualität betroffen sind. Das wollten wir ändern. Zu uns kann jede Person kommen, die Gewalt erlebt – wegen einer Zwangsverlobung, einer Zwangsverheiratung oder einer Kinderehe. Rund 90 Prozent unserer Anfragen und Hilferufe kommen aus einem muslimisch geprägten Umfeld.
Durch meine Arbeit an Schulen mit Jugendlichen erschreckt mich besonders, dass die Unterdrückung queerer Menschen längst auch hier spürbar ist. Wir müssen nicht warten, bis ein Problem aus der Türkei nach Deutschland kommt. Es ist bereits da. Ich habe in Deutschland viele Imame und Moscheegemeinden erlebt, in denen Homosexualität weiterhin als Krankheit dargestellt wird. Manche konservativen Familien geben solche Vorstellungen und das Gesetz aus der Türkei unmittelbar an ihre Kinder weiter. Das deutsche Recht schützt sie eigentlich, aber diese Gesetze und Werte werden von manchen Familien nicht akzeptiert.
In Deutschland machen wir einen Fehler, wenn wir glauben, wir müssten aus falsch verstandener politischer Korrektheit über solche Probleme schweigen. Zugleich gibt es hier eine Partei wie die AfD, die solche Entwicklungen politisch ausnutzt. Menschen, die sich nicht an unser Grundgesetz, unsere Werte und unsere Demokratie halten, tragen dazu bei, dass die AfD Zulauf erhält. Diese Tabuthemen müssen klar benannt werden. Das hat nichts mit Rassismus zu tun.
HennaMond setzt sich deutschlandweit gegen Rassismus, Diskriminierung und Mobbing sowie gegen Kinderehen, Zwangsverlobungen, Zwangsverheiratungen, sogenannte Ehrenmorde und Genitalbeschneidung ein. Wir stellen uns gegen jede Form familiärer Gewalt und familiären Zwangs. Wir kämpfen dafür, dass jeder Mensch selbstbestimmt leben kann, und unterstützen Jugendliche dabei, sich gegen Fremdbestimmung zu wehren.
Tilly aus Berlin
Über Social Media habe ich mitbekommen, dass Erdogan sämtliche Unterstützerbüros und Einrichtungen queerer Einrichtungen durchsuchen ließ und es mehrere Verhaftungen von langjährigen Unterstützern dieser Einrichtungen gab.
Wenn es, wie geschehen, aus den Medien verschwindet, verschwinden auch diese Menschen einfach, bis man sie vergisst. Durch dieses Stillhalten lässt man den Support einschlafen, macht den Menschen immer mehr Angst, öffentlich sichtbar zu sein. Da muss man nur nach Russland gucken. Letztendlich ist das der gleiche Strom, auf dem Erdogan schwimmt, ebenso ein orangefarbenes Frettchen aus den Staaten. Trump vernichtet einfach alles, was er hasst, was ihm irgendwann mal irgendwas angetan hat. Erdogan dagegen versucht einfach nur, seinen Staat wieder „sauber zu machen“ im Sinne einer Zeit vor Atatürk.
Und ich sehe, dass viele queere Personen immer noch in die Türkei fahren, in ein Land, das gerade queeren Menschen die Lebensgrundlage entzieht. Da muss viel mehr als ein Aufschrei aus der Community kommen. Aber es gibt weltweit überhaupt keinen Aufschrei. Es wäre ja auch ein Politikum für viele Staaten. Wenn selbst aus der queeren Szene Menschen heute sagen: „Ich verstehe, warum die Menschen keine Regenbogenfahne mehr sehen wollen, weil wir sie damit überfordern“, sage ich NEIN. Momentan müssen wir den Menschen das einfach ins Gesicht halten und sagen: Wir sind da, wir lassen uns nicht vertreiben.
Und ich ahne, wie viele Menschen aus der queeren Szene die AfD wählen, weil sie sagen, wir müssen doch da irgendwann mal ... Ich sage: NEIN, schaut bitte nach 1933 zurück.
Aufgrund der Probleme, die wir im Moment im eigenen Land haben, vergessen wir die Menschen, die noch größere Probleme haben. Und da fehlt mir eben dieser Aufschrei in Richtung Türkei. Das finde ich beängstigend.
Tobias aus Köln
Als das in der Türkei passierte, war mein Mann gerade in Istanbul zu einem Orchesteraustausch. Als er direkt sah, wie auf demonstrierende Menschen eingeknüppelt wurde, bekam er eine Gänsehaut. Eigentlich sind Schwule einem Herrn Erdogan völlig egal. Aber es ist ein Instrument, seine Macht zu festigen, wenn er Menschen gegen Minderheiten aufhetzt.
Ich habe definitiv vermisst, dass unsere Regierung in irgendeiner Art und Weise Stellung dazu nimmt. Das darf nicht sein. Wenn wir jetzt schweigen, wird auch uns keiner helfen, wenn es bei uns passiert.
Als in Uganda die Gesetze geändert wurden, um homosexuelle Handlungen zu bestrafen, haben wir einen Brief an unseren Außenminister geschrieben und gefordert, dass wir irgendwie die Entwicklungshilfe daran koppeln müssen. Aber außenpolitisch funktioniert das leider so nicht.
Ich habe mich seit 2012 bei einem Antidiskriminierungsprojekt engagiert, in relativ großem Umfang. SCHLAU heißt es und ich behaupte, dass ich dadurch eine gewisse Sensibilität für dieses Thema habe. Alles, was Menschenrechte einschränkt, egal, ob es um queere Menschen geht oder Richtung Rassismus, ist mir ein Gräuel. Wir beobachten Entwicklungen im Ausland, die uns sicherlich ein paar Jahre voraus sind. Aber wir merken auch bei uns, dass sich die Dinge verändern. Wenn man hört, dass sich CDU und AfD zusammentun, um Stolpersteine zu verbieten, sind wir eigentlich schon mittendrin in dieser Geschichte. Jugendzentren werden geschlossen und diese ehrenamtlichen Projekte sind ja auf Förderungen angewiesen und die werden immer weiter zurückgefahren.
Wenn es bei uns so weit kommen sollte, haben wir darüber nachgedacht, nach Spanien auszuwandern. Aber ich glaube, es ist der falsche Weg, auszuweichen. Das kennen wir aus unserer Geschichte, das führt halt nur dazu, dass es noch schneller schlimmer wird. Und dagegen muss man sich stellen.