Ausgequetscht UnARTig – aber einzigARTig
Seit 10 Jahren bin ich als DJ international tätig und hatte gerade im Mai 2026 meine erste Ausstellung. Hauptberuflich bin ich Grafikdesigner/Creative Director und das ist quasi die Seite, die mich zur Malerei gebracht hat. Ich mache mir oft Skizzen auf Papier, übertrage diese in den Computer und bearbeite sie digital weiter. Das machte ich bisher für meine Veranstaltungen als DJ, aber auch im queeren Bereich für andere. Ich liebe beide Kunstrichtungen - Musik und Malerei - und finde den Spruch sehr passend: Mit der Musik dekorieren wir unsere Zeit - mit der Malerei unseren Raum. Als Designer arbeite ich aber für andere, die dann mit meinem „Produkt“ arbeiten. Als Künstler arbeite ich für mich selbst. Und diese Seite meiner Kreativität entwickelt sich gerade. Kunst ist Kommunikation, der Künstler „spricht“ und ein anderer „versteht“, genießt und interpretiert, so sollte es zumindest sein.
Ich habe sehr viel Spaß daran, mit Grafikprogrammen zu arbeiten und Collagen zu machen. Dabei lasse ich mich auch von KI-Tools inspirieren, experimentiere und packe das anschließend alles zusammen, bis ich mit meinen Werken zufrieden und glücklich bin und sie mir am Folgetag auch selbst immer noch gefallen.
Es gibt einen Künstler, den ich ungeheuer spannend finde, das ist „Baugasm“, der aus Albanien stammt. Er macht spektakuläre Grafiken, die einen überwältigen. Ich möchte aber keinem einzelnen Künstler nacheifern. Es gab zu keiner Zeit wie heute dank der Digitalisierung und der KI so viele neue Möglichkeiten, sich als Individuum künstlerisch zu verwirklichen. Aber natürlich muss aus der digitalen Kunst wieder reale Kunst werden. Dazu habe ich u. a. auf Keramik-Fliesen, auf Acrylglas und auf Alu-Dibond gedruckt und ich habe das große Glück, einen hervorragenden Partner dafür gefunden zu haben.
Jocham, Köln
Wir leben mehr in Sevilla und Berlin, aber meist sind wir in Sevilla, weil da einfach das schönere Wetter ist. Kunst ist nicht unser Beruf – wir sind Programmierer und Grafikdesigner. Aber was liegt näher bei den heutigen technischen digitalen Möglichkeiten, als sich darin auszuprobieren und kreativ zu werden.
Juan: Ich male, seit ich denken kann, habe mit Comics angefangen und liebe die Pop-Art. Comic-Künstler sind für mich bis heute eine große Inspiration. Inzwischen suche ich die Realität. Obwohl ich lieber mit digitalen Medien arbeite, weil sie einfacher und „sauberer“ sind, liebe und nutze ich ebenso die traditionellen Mittel, wie z. B. Acryl- und Wasserfarben. Als „erfahrenerer“ Künstler habe ich Marco mit der Kunst angesteckt. In meinem Kunststudium hatten wir die Aufgabe, ein Märchen zu zeichnen. Dazu zogen wir zwei Lose, auf denen Worte standen, wie wir die Kindergeschichte umsetzen sollten. Bei mir standen „BLAU“ und „JAGUAR“ auf den Zetteln. Das fand ich für mich inspirierend und zutreffend. So ist mein Künstlername entstanden.
Marco: Ich habe schon in Kindertagen mit Fotografieren und Malen angefangen, arbeite aber künstlerisch erst, seit ich Juan kennengelernt habe. Mein Stil ist eher pragmatisch und minimalistisch, um mit wenig viel zu zeigen. Durch die Fotografie bin ich sehr kontaktfreudig, kommuniziere gern mit Menschen und so ist mein Künstlername „Talkingbuddy“ entstanden.
In unserer Beziehung motivieren und unterstützen wir uns in unserer Kunst und sind gegenseitig unsere besten Kritiker. Für die Zukunft wünschen wir uns, einmal eine Ausstellung zu machen, in der nur Bilder von uns beiden zu sehen sind. Vielleicht als eine Art Zeitfolge, wie sich unsere Kunst über die Jahre verändert hat und was wir alles probiert und geschaffen haben.
Juan und Marco, Berlin
Ich kam vor 32 Jahren aus Venezuela zu meiner Ausstellung nach Deutschland. Berlin hat mir gefallen und so bin ich geblieben und lebe nun schon mein halbes Leben hier.
Meine Mutter hat mir erzählt, schon als ich auf die Welt kam, habe ich angefangen zu malen. Es liegt in meiner Natur. Ich wurde gehörlos geboren. Als ich mein erstes Hörgerät bekam, begann ich Musik zu hören. Die Musik war für mich wie Bilder und ich habe angefangen, der Musik Farbe zu geben. Mit zehn Jahren hat mein Vater eine erste Ausstellung mit meinen Bildern realisiert, 1974 - mit elf Jahren habe ich meinen ersten Malerei-Kurs in einem Museum besucht, das ist sozusagen der Beginn meiner künstlerischen Laufbahn. Seitdem hat mich Kunst ein Leben lang begleitet und ich verdiene mein Geld als Künstler. Angefangen habe ich mit Panoramen in Pastell, nach meinem Kunststudium entwickelte sich die Liebe zur Karikatur. Heute würde ich meine Kunst vor allem als Pop-Art bezeichnen. Durch meine Verbindung von Malerei und Musik habe ich begonnen, die Sänger und Sängerinnen zu malen. Die Musik klang in meinen Hörgeräten eher blechern und schemenhaft. Bei der Sängerin Donna Summer habe ich zum ersten Mal die Emotionen in der Musik gespürt. Ich bin ihr auch begegnet und wir haben künstlerisch zusammengearbeitet.
Als in Berlin lebender Künstler habe ich mir eine Serie zum Thema Bär gemacht. Ich habe bekannte Personen als „Teddy-Bären“ gezeichnet – jeder liebt Teddybären. Viele meiner Porträtierten habe ich persönlich kennengelernt. Aktuell habe ich ein neues Thema: „Mann“. Meine erste Serie zeigt die Spielkartenfiguren der Könige, weil sie gegenüber den Buben die dominanteren sind.
Vorbilder sehe ich für mich in Andy Warhol und ich liebe Frida Kahlo.
Nestor Perez, Berlin
Mein Künstlername ist Nakedgamer, aber da die prüden amerikanischen Social-Media-Plattformen so prüde sind, dass sie mein Profil wegen des Wortes „NAKED“ 2x gelöscht haben, heiße ich nun auch noch NICEGUY mit Künstlernamen. Meine Kunst entsteht nur auf dem iPad, völlig ohne KI. Ich habe dafür ein Programm, mit dem ich meine Kunstwerke male. Meine Modelle, die sich bei mir melden oder die ich anspreche, senden mir ein Foto und ich benutze das Foto als Referenz und zeichne per Hand in meinem Stil. Lieber mache ich aber die Fotos selbst, wenn die Modelle für mich posen. Das Endergebnis ist eine Datei, die ich in verschiedenen Formaten oder auf verschiedene Materialien drucken kann.
Künstler bin ich eher zufällig geworden, mein Beruf, den ich bis heute sehr gern ausübe, ist Reiseleiter. Es war in der Corona-Zeit, da hat mich ein Künstlerfreund gefragt, ob er mich mal zeichnen kann, weil es so furchtbar langweilig sei. Ich habe ihm Nacktbilder von mir aus einem Videospiel gesendet und er hat mich gezeichnet. So ist auch mein Künstlername Nakedgamer entstanden. Die Bilder wurden gepostet und weckten das Interesse anderer Künstler. Es war verrückt - nach zwei Monaten hatten mich über 100 verschiedene Künstler nach meinem Foto gezeichnet. Da habe ich mir gedacht, dann zeichne ich mich doch auch einmal selbst. So hat es angefangen und inzwischen habe ich meinen eigenen Stil gefunden. Ausstellungen hatte ich bisher in Deutschland, Belgien und natürlich in Frankreich.
KI als Künstler finde ich nicht gut. KI macht auch keine Kunst selbst, Kunst braucht immer den Menschen. Schade finde ich nur, dass viele Menschen lieber KI benutzen, anstatt einen richtigen Künstler aufzusuchen. KI wird wirtschaftlich und bei den kreativen Berufen einiges durcheinanderwirbeln.
Romain, Valence
Seit drei Jahren bin ich durch Zufall Künstler geworden. Klaus, der Inhaber eines Fetisch-Shops, feierte seinen fünfzigsten Geburtstag und ich wollte ihm etwas Besonderes schenken, malte Charaktere aus der Fetisch-Szene und bastelte daraus eine Montage. Er war so begeistert, dass er mir vorschlug, eine Ausstellung in seinem Geschäft zu machen. So fing es an, es entstand eine Serie von Glühweintassen und inzwischen habe ich Ausstellungen in Berlin und München gehabt und die nächste Ausstellung wird in Wien sein. Durch meine Kontakte bei den Ausstellungen zu anderen Künstlern entstand die Idee, da es ja viel zu wenig Ausstellungsmöglichkeiten für queere Kunst gibt, selbst etwas zu organisieren. Jede Großstadt braucht eigentlich mehr Gelegenheiten, schwule Kunst zu präsentieren und so entstand diese Kooperation vor einem Jahr. „Best of…“ verwandelte die Kellerräume zu einer Galerie und ich durfte der Kurator sein, die Künstler ansprechen, auswählen und dafür gewinnen. So entstand die Ausstellung „Un-Artig“. Letztes Jahr haben wir es im Kleinen probiert und dieses Mal war es größer und erreichte mehr Öffentlichkeit. Ich habe nicht gedacht, dass es so viel Arbeit, aber auch Spaß macht. Es waren Künstler aus ganz Deutschland, aber auch aus Frankreich, Spanien und Venezuela dabei. Der Erfolg macht mir klar, dass es echt ein Bedürfnis für Kunst gibt und ich möchte die Ausstellung gern zu einem regelmäßigen Event machen und queere Kunst in Köln mehr promoten.
In meinen eigenen Arbeiten probiere ich inzwischen verschiedene Techniken aus, neben Zeichnungen habe ich Linolschnitt dazugenommen und andere Printtechniken. Ich möchte noch viel ausprobieren, gerade versuche ich mich an Siebdruck und Radierungen. Kunst wird mein Hobby bleiben, ich finanziere es über meinen Beruf.
Stefan Lo Sciuto, Köln
Ich, Franz Josef Heumannskämper, habe Thomas 1995 kennengelernt. Er stammte aus NY, lebte damals in Berlin. Ich bin Regisseur im Musiktheater und suchte einen kreativen Kostümbildner. Wir wurden gute Freunde und lebten als Künstlergemeinschaft 25 Jahre bis zu seinem frühen Tod 2020 zusammen. Ich bin der Erbe seines Nachlasses und vertrete sein Werk.
Seine Arbeiten sind feingliedrige Collagen, in denen er seine Theaterarbeit, aber auch sein Leben, sein Schwarzsein und seine Kindheit bei katholischen Nonnen in den Südstaaten der USA einfließen ließ. In vielen Collagen verarbeitete er die Darstellung europäischer pornografischer Darstellungen vom Mittelalter bis zum Jugendstil. Als Künstler wie als Mensch war er frei von allen Vorurteilen und konnte so seine künstlerischen Visionen wertfrei umsetzen. In seiner New Yorker Zeit studierte er Fashiondesign an der School of Visual Arts und dem Fashion Institute of Technology. Die siebziger Jahre waren die Zeiten von Warhol, Mapplethorpe und vielen anderen weltbekannten Künstlern und er gehörte mit zu dieser Clique. Wäre er in New York geblieben, wäre sein künstlerischer Werdegang sicher ein anderer. Er war ständiger Gast im legendären Studio 54 und hatte dort freien Zugang. Er war trotz seiner Schüchternheit eine schillernde Persönlichkeit und er lebte die Bezeichnung „QUEER“ schon lange, bevor sie zum Begriff wurde. Thomas hatte immer das richtige Gespür, am richtigen Ort zu sein - er hat in Tokio für Christian Dior gearbeitet, war in Rom zu Zeiten von Getty oder im kreativen Hotspot West-Berlin, bis die Mauer fiel. Durch Alfred Biolek und Harald Schmidt kam er nach Köln und arbeitete für ihre Produktionen. Er sagte kurz vor seinem Tod: „Mein Leben ist durch die Schere (Scissors) geprägt, egal ob als Schneider, Kostümbildner oder in meinen Collagen.“
F. J. Heumannskämper, Berlin
