Direkt zum Inhalt
Streit beim Napoli Pride

Streit beim Napoli Pride Massive Antisemitismus-Vorwürfe gegen queere Gruppe

ms - 30.06.2026 - 10:30 Uhr
Loading audio player...

Der Napoli Pride 2026 ist von heftigen Auseinandersetzungen, gegenseitigen Anschuldigungen und widersprüchlichen Schilderungen überschattet worden. Im Zentrum des Konflikts stand die Teilnahme der jüdischen LGBTIQ+-Organisation Keshet. Während das Organisationskomitee und die queere Organisation Arcigay Napoli von einer antisemitischen Attacke sprechen, weist die Gruppierung Arrevutamm Pride diese Darstellung entschieden zurück. 

Das Wichtigste im Überblick

  • Der Napoli Pride 2026 zog nach Angaben der Veranstalter mehr als 100.000 Menschen an.
  • Im Mittelpunkt der Kontroverse steht die Teilnahme der jüdischen LGBTIQ+-Organisation Keshet.
  • Arcigay Napoli spricht von einer antisemitischen Attacke, Arrevutamm Pride weist die Vorwürfe zurück.

Heftige Auseinandersetzungen 

Nach Angaben der Organisatoren beteiligten sich mehr als 100.000 Menschen an der Pride-Veranstaltung, die Gruppierung Arrevutamm Pride widerspricht indes dieser Darstellung und betonte in einer Stellungnahme, es seien weniger als 10.000 Teilnehmer gewesen. Nach Darstellung von La Repubblica verschlechterte sich die Stimmung beim Eintreffen der Pride-Parade auf der Piazza Dante weiter. Rund 50 pro-palästinensische Demonstranten blockierten demnach den Zug und warfen den Teilnehmern vor, israelfreundlich zu sein sowie den „Völkermord in Palästina“ nicht zu verurteilen. Dabei seien Rufe wie „Mörder, Mörder“ zu hören gewesen. Nach Angaben der Zeitung verlief die minutenlange Protestaktion zunächst ohne Gewalt. Im weiteren Verlauf entwickelten sich daraus jedoch weitreichende Konflikte innerhalb der Pride-Veranstaltung.

Streit um jüdische LGBTIQ+-Teilnehmer

Im Mittelpunkt der Auseinandersetzungen stand die Teilnahme der jüdischen LGBTIQ+-Organisation Keshet, die bereits im Vorfeld des Roma Pride kontrovers diskutiert worden war. Hintergrund war die Weigerung der Organisation, ein politisches Manifest zu unterzeichnen, in dem ausdrücklich von einem „Völkermord“ in Gaza durch die israelische Regierung die Rede war. Der Präsident von Keshet Europa, Ariel Heller, hatte zuvor in einem Interview erklärt, er verurteile sowohl das „Massaker“ in Gaza als auch die „Verbrechen“ der israelischen Regierung. 

Gleichzeitig betonte er allerdings auch das Recht jüdischer LGBTIQ+-Menschen, sicher an Pride-Veranstaltungen teilnehmen zu können – beim Pride in diesem Jahr waren in Tel Aviv rund 100.000 Teilnehmer dabei. In keinem anderen Land in der Region wäre dies so möglich gewesen. Nach Angaben von Napoli Today erklärte die Associazione Trans Napoli (ATN) trotzdem, für „die Zionisten von Keshet“ habe beim Pride kein Platz sein dürfen. Innerhalb des Organisationskomitees sei vereinbart worden, dass Keshet weder einen eigenen Wagen noch einen Redebeitrag auf der politischen Bühne erhalten solle.

Ariel Heller von Keshet erklärte indes nach der Pride gegenüber dem Magazin Adnkronos, eine Gruppe von ATN-Demonstranten habe den Wagen, auf dem sich die vier Mitglieder befanden, blockiert und sie als „Mörder“ beschimpft. „Es war nicht unser Wagen und wir hatten weder politische Symbole noch Fahnen. Wir trugen lediglich die jüdische Kippa und wurden deshalb ausschließlich angegriffen, weil wir Juden sind“, so Heller. Nach seinen Angaben seien die Mitglieder im Backstage-Bereich zusätzlich mit den Worten „Ihr seid Müll“ immer wieder beleidigt worden. Aus Sicherheitsgründen habe man sie anschließend gebeten, auf ihre Redebeiträge zu verzichten.

Arcigay spricht von „offenem Antisemitismus“

Die deutlichste Kritik äußerten Arcigay Napoli und das Komitee Napoli Pride. In einer jetzt veröffentlichten Erklärung sprechen sie von einer „gewalttätigen Aggression gegen Juden und das Komitee des Napoli Pride“. Nach Darstellung des Komitees habe eine Gruppe von etwa 20 Personen von Arrevutamm Pride den Demonstrationszug gezielt angegriffen. Auslöser sei ausschließlich die friedliche Anwesenheit von vier Mitgliedern der jüdischen LGBTIQ+-Organisation Keshet gewesen.

Das Komitee berichtete weiter von Schubsereien und Beleidigungen sowie von „reiner Gewalt und offenem Antisemitismus“. Demnach seien Teilnehmer bespuckt und mit Wasserballons sowie einer reizenden Flüssigkeit beworfen worden. Außerdem sei einem jüdischen Teilnehmer die Kippa vom Kopf gerissen worden. Auch im Bereich der Bühne sei die Situation weiter eskaliert. Nach Angaben von Arcigay habe eine Gruppe versucht, Absperrungen zu durchbrechen, dabei seien erneut reizende Flüssigkeiten geworfen worden. Erst der Einsatz der Polizei habe die Lage beruhigt. Das Komitee kündigte Strafanzeigen sowie ein Treffen mit Präfekt, Polizeipräsident, Bürgermeister und Regionalpräsident an. Arrevutamm Pride weist sämtliche Vorwürfe zurück. Man habe nur eingegriffen, um „die Zionisten endgültig zu vertreiben“. 

Eigentlich sollte der Napoli Pride 2026 vor allem das 30-jährige Bestehen der Veranstaltung feiern. Die Parade erinnerte an den ersten Pride Süditaliens und war außerdem einem schwulen Sohn und seiner Mutter gewidmet, die im Juni in der Toskana vom eigenen Familienvater wahrscheinlich aus homophoben Gründen ermordet worden waren. Von diesen edlen Motiven blieben am Ende des Pride laut den örtlichen Medien nicht mehr viel übrig,

Anzeige
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE

Auch Interessant

Regeln für Frauenbereich klarer

Kundgebung blieb friedlich

Im Berner Marzilibad wurde eine trans* Frau nach Beschwerden mehrerer Badegäste durch die Polizei aus dem Frauen-FKK-Bereich abgeführt.
Todesfall Ed Cornes

Ermittlungen neu aufgenommen

Fast fünf Jahre nach dem Tod des schwulen Studenten Ed Cornes werden die Ermittlungen neu aufgerollt – zuvor entschuldigte sich die Londoner Polizei.
Mordfall Sam Nordquist

Schuldbekenntnis vor Gericht

Im grausamen Mordfall des trans* Mannes Sam Nordquist gab es jetzt ein wichtiges Schuldeingeständnis der Hauptangeklagten vor einem New Yorker Gericht
Homophober WM-Fangesang

Mexiko erneut in der Kritik

Erneut sorgen homophobe Schmährufe mexikanischer Fans bei der Fußball-Weltmeisterschaft für Kritik – trotz jahrelanger Warnungen und Sanktionen.
Streit um CSD-Teilnahme

BSW weist Linken-Kritik zurück

Das BSW wird trotz Kritik der Linken am Kölner CSD teilnehmen und weist Vorwürfe der Queerfeindlichkeit zurück. Die Teilnahme wurde demnach bestätigt
Verfassungsschutzbericht 2025

Gefahren für die LGBTIQ+-Community

Der Verfassungsschutz registriert so viele Extremisten wie nie zuvor, gerade Rechtsextreme und Islamisten sind dabei eine große Bedrohung für LGBTIQ+.
Hinrichtungen in Saudi-Arabien

Amnesty International schlägt Alarm

Seit Jahresbeginn wurden in Saudi-Arabien rund 100 Menschen hingerichtet. Amnesty International warnt vor einer dramatischer Entwicklung.
Neue Proteste in Tel Aviv

Streit um LGBTIQ+-Rechte

Ein alternativer Pride in Tel Aviv rückte die Debatte über Israel in den Mittelpunkt und sorgte für viel Unverständnis in der LGBTIQ+-Community.
Debatte Grundgesetzergänzung

Saarland votiert für Änderung

Der saarländische Landtag hat sich mehrheitlich für einen besseren verfassungsrechtlichen Schutz queerer Menschen ausgesprochen.