Zweite Spezialklinik in den USA Streit um trans* Gesundheitsversorgung nimmt zu
Die Cleveland Clinic hat sich im Rahmen einer Einigung mit dem US-Justizministerium verpflichtet, medizinische Leistungen im Wert von zwei Millionen US-Dollar für trans* Jugendliche bereitzustellen, die eine sogenannte Detransitionierung anstreben. Die renommierte Klinik betont, dass sich an ihrer bisherigen Praxis kaum etwas ändere. Die Klinik ist innerhalb eines Monats nach dem Texas Children's Hospital die zweite Gesundheitseinrichtung in den USA, die einen Vergleich mit der Bundesregierung schließt und sich dabei zur Bereitstellung von Detransitionsleistungen verpflichtet. Queere US-Organisationen sehen in der Entwicklung ein politisches Signal gegen die Gesundheitsversorgung von trans* Menschen.
Das Wichtigste im Überblick
- Cleveland Clinic schließt Vergleich mit dem US-Justizministerium.
- Klinik sagt Leistungen im Wert von zwei Millionen US-Dollar für Detransitionsangebote zu.
- Vorwürfe betrafen angeblich fehlerhafte Abrechnungen geschlechtsbejahender Behandlungen bei Minderjährigen.
- Die Klinik weist die Vorwürfe zurück und spricht von einem unbeabsichtigten Kodierungsproblem.
- Trans* Organisationen kritisieren die Vereinbarung scharf.
- Geschlechtsbejahende Behandlungen für Minderjährige sind in Ohio bereits gesetzlich verboten.
Einigung mit US-Justizministerium
Auslöser der Einigung war eine Untersuchung des US-Justizministeriums aus dem Jahr 2025. Aus dem Vergleichsdokument geht hervor, dass die Generalstaatsanwaltschaft von Ohio der Klinik vorgeworfen hat, gegenüber dem staatlichen Medicaid-Programm wissentlich falsche Diagnosecodes verwendet zu haben, um „die tatsächlichen Gründe“ der Behandlungen – also Geschlechtsdysphorie – zu verschleiern. Laut Vereinbarung umfasst dieser Begriff Pubertätsblocker, Hormontherapien, chirurgische Eingriffe und Maßnahmen zur Veränderung der Stimme. Diese Behandlungen werden in der medizinischen Praxis üblicherweise unter dem Begriff geschlechtsbejahende Gesundheitsversorgung („gender-affirming care“) zusammengefasst.
Neben den zugesagten Leistungen zahlt die Klinik nun 308.000 US-Dollar zur Beilegung der Abrechnungsvorwürfe. Das Geld fließt sowohl an die Bundesregierung als auch an den Bundesstaat Ohio. Darüber hinaus verpflichtete sich die Klinik, an ihren Standorten in Ohio, Florida, Nevada, Kanada, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Großbritannien für die kommenden zwanzig Jahre die meisten medizinischen Maßnahmen der sogenannten geschlechtsbejahenden Versorgung für trans* Minderjährige weder anzubieten noch durchzuführen.
Das US-Justizministerium erklärte, die Vereinbarung werde dazu beitragen, „wichtige medizinische Versorgung für Menschen bereitzustellen, die mit den schädlichen Folgen solcher fehlgeleiteten medizinischen Eingriffe leben, die an ihnen als Kinder und Jugendliche vorgenommen wurden“. Die Klinik selbst spielte die Tragweite des Vergleichs herunter. Geschlechtsbejahende Behandlungen für Minderjährige sind in Ohio bereits gesetzlich untersagt. Eine Sprecherin erklärte, die Einrichtung habe schon bisher Leistungen für Menschen angeboten, die eine Detransitionierung anstreben, und die Vereinbarung bestätige lediglich die Fortsetzung dieses Angebots. Nach Angaben der Klinik wird die geschlechtsbejahende Gesundheitsversorgung für Erwachsene unverändert fortgeführt.
Angebote für Jugendliche
Laut Vereinbarung sollen unter anderem Hormonregulierung, endokrinologische Betreuung, operative Korrekturen und Rekonstruktionen, Maßnahmen zur Wiederherstellung der Fruchtbarkeit, psychologische Unterstützung einschließlich Trauerbegleitung sowie Hilfe bei Versicherungsfragen angeboten werden. Anspruchsberechtigt sind Personen, die vor ihrem 19. Lebensjahr entsprechende medizinische Maßnahmen erhalten haben. Darüber hinaus verpflichtete sich die Klinik, die Öffentlichkeit über die Verfügbarkeit dieser Leistungen zu informieren. Vorgesehen sind eine eigene Internetseite, eine spezielle Telefonnummer sowie ein eigener Koordinator für diese Angebote. Die Maßnahmen sollen innerhalb von 30 Tagen umgesetzt werden.
Scharfe Kritik von queeren Verbänden
Queere sowie trans* Organisationen in den USA betonen, dass Detransitionsangebote grundsätzlich Teil der geschlechtsbejahenden Versorgung seien. Kritik richtet sich deswegen vor allem gegen die politische Inszenierung des Themas. „Detransitionsleistungen waren schon immer Teil geschlechtsbejahender Versorgung. Es gibt weiterhin keinen erhöhten Bedarf, und es ist eine voreingenommene, traurige Inszenierung, dass die Klinik sich entscheidet, dies nun besonders hervorzuheben. Die Klinik stellt sich an die Spitze derjenigen, die nicht Wissenschaft und Medizin folgen, sondern Grausamkeit und transfeindlichem Hass“, so Dara Adkison, Geschäftsführerin der Organisation Trans Ohio. Die Debatte fällt in eine Zeit, in der der Zugang zu geschlechtsbejahender Gesundheitsversorgung für Minderjährige in Ohio bereits stark eingeschränkt ist. Die republikanische Mehrheit im Parlament verabschiedete 2023 den sogenannten SAFE Act, der entsprechende Behandlungen für trans* Minderjährige verbietet.
Republikanische Politiker begrüßten die Einigung mit der Cleveland Clinic. Der Abgeordnete Gary Click, Hauptinitiator des SAFE Act, erklärte auf der Plattform X, fehlerhafte Kodierungen seien „ein bekanntes Problem“, und äußerte die Hoffnung, dass andere Kinderkliniken die Entwicklung aufmerksam verfolgen würden. In einer Stellungnahme sagte Click, Gesundheitsdienstleister müssten die geltenden Gesetze unabhängig von ihrer persönlichen Haltung beachten. „Es ist ein Makel für eines der führenden Krankenhäuser des Landes, dass es das Gesetz missachtet hat, um eine politische Ideologie zu verfolgen“, so Click.
Trans* Aktivisten weisen die Einschätzung zurück. Die Vereinbarung werde trans* Jugendliche nicht daran hindern, später als trans* Erwachsene zu leben. „Ohio ist in hohem Maße trans* und queer, und keine einzelne Person, kein Krankenhaus und keine Behörde wird das ändern. Wir wissen, wer wir sind, wir werden aufeinander achten, und das ist heute und immer das Wichtigste“, so Adkison abschließend.