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Im Fokus Affenpocken
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Im Fokus Affenpocken Befeuert die Stigmatisierung die Ausbreitung der neuen Mpox-Mutation?

ms - 29.08.2024 - 15:00 Uhr

Die LGBTI*-Organisation Human Rights Campaign arbeitet aktuell zusammen mit der amerikanischen Seuchenorganisation CDC daran, möglichst effektiv zu versuchen, eine neue Welle von Affenpocken mit dem deutlich gefährlicheren Virusstamm Klade Ib zu verhindern. Das Problem: Gerade in Afrika mit einer sehr hohen Fallzahl von Betroffenen verhindern in immer mehr Ländern homophobe Gesetze eine sinnvolle Prävention. 

Homophobie befeuert Ausbreitung

„Wir haben den Ansatz gewählt, mit der CDC und den afrikanischen Gesundheitsämtern zusammenzuarbeiten, um darüber nachzudenken, wie sie die Gemeinschaft informieren können, aber auch, wie wir sicherstellen können, dass homosexuelle und LGBTI*-Personen, insbesondere Schwarze und Latinos, im Mittelpunkt der Präventivreaktionen stehen“, so Torrian Baskerville, Direktor für HIV & Health Equity bei der Human Rights Campaign.

Noch problematischer wird es, wenn Regierungen die betroffene LGBTI*-Community nicht ignorieren, sondern sie im Gegensatz dazu für politische Zwecke instrumentalisieren. Immer wieder verzeichnet die HRC, wie afrikanische Politiker auf eine „beschämende und stigmatisierende Weise“ über Mpox berichten, die Mär der Schwulenseuche greift einmal mehr um sich. 

„Trotz der gefährlichen Lage hat es insbesondere konservative Politiker nicht davon abgehalten, unangemessene Verbindungen zwischen einer hauptsächlich sexuell übertragbaren Krankheit und der Gay-Gemeinschaft herzustellen. Hier wird buchstäblich eine Botschaft vermittelt, die von Homophobie durchdrungen ist, und die oftmals auch die Stigmatisierung der ganzen LGBTI*-Community aufrechterhält“, so Baskerville weiter. 

Neue Stigmatisierung wie einst bei HIV

Ein drittes Problem betrifft indes nicht nur Afrika, sondern auch die USA und Europa – mit Mpox geht nach wie vor eine Stigmatisierung einher, die auch Risikopersonen wie sexuell sehr aktive schwule Männer von einer Impfung oder einer adäquaten Behandlung bei einer Infektion abhält, schlicht aus Angst davor,  beruflich oder gesellschaftlich gebrandmarkt zu werden. Der HRC werden weltweit solche Beobachtungen gemeldet. 

Baskerville zieht Vergleiche zur HIV-Lage zu Beginn der 1980er Jahre: „Wir haben dies bei der Stigmatisierung der HIV-Epidemie gesehen. Die Art und Weise, wie Beamte über das Virus im Zusammenhang mit den Auswirkungen in bestimmten Gemeinschaften, insbesondere LGBTI*, sprachen. Viele Jahre lang sprach auch die Bundesregierung nicht darüber, und wenn sie doch darüber sprach, dann war sie von Homophobie durchdrungen und trug nicht dazu bei, die Menschen dazu zu bringen, Dienstleistungen in Anspruch zu nehmen, um ihre Gesundheit zu erhalten.“ 

Man müsse daher dringend aus den Fehlern der Vergangenheit lernen – und zwar weltweit, so der Experte weiter: „Wir müssen uns mit strukturellem und systemischem Rassismus und Homophobie auseinandersetzen und dabei sicherstellen, dass diese Gemeinschaften und die Gesundheitssysteme, mit denen sie oft zu tun haben, die Ressourcen erhalten, die sie brauchen.“

Deutlich höhere Sterberate

Die HRC geht es dabei im Kern darum, die Fallzahlen nicht weiter ansteigen zu lassen. Dazu zeigt die Erfahrung der letzten Jahre auch eindringlich, dass es in einer globalen Welt oftmals nur eine Frage von Zeit ist, bis sich ein Virus weltweit verbreitet hat. Die neue gefährliche Mpox-Mutation ist bereits in diesem Sommer in Schweden aufgetreten, Gesundheitsexperten gehen davon aus, dass das Virus auch in anderen europäischen Ländern bereits präsent ist und nur noch nicht offiziell registriert werden konnte. Auch das deutsche Robert-Koch-Institut hält eine erneute Ausbreitung in Deutschland in kleinerem Ausmaß wie 2022 für gut möglich. 

Grundsätzlich kann sich jeder mit Mpox infizieren, gerade bei der neuen Variante reichen auch einfach zwischenmenschliche Kontakte. Die Pandemie 2022 wurde allerdings größtenteils außerhalb Afrikas von schwulen Männern bei sexuellen Kontakten weitergetragen. „Wir sind immer noch dabei, herauszufinden, wie es im Vergleich zu dem Anstieg vor zwei Jahren aussieht. Was wir jedoch  bereits jetzt sagen können, ist, dass das neue Virus gefährlicher ist als das, was wir vor zwei Jahren erlebt haben, und es führt zu viel mehr Todesfällen.“ Besonders betroffen neben Kindern sowie Jugendlichen sind vor allem Menschen mit HIV oder einem geschwächten Immunsystem. Nach bisherigen Stand liegt die Sterberate bei rund fünf Prozent.

Das Epizentrum des Ausbruchs ist derzeit die Demokratische Republik Kongo, mehr als 1.000 Menschen erkranken hier derzeit pro Woche, rund 530 Personen starben bisher daran. Ebenfalls wurden Fälle aus der Zentralafrikanischen Republik, Burundi, Ruanda, Uganda, Kenia und Südafrika gemeldet. Weitere Fälle wurden zudem bereits auch in Burundi, Asien und Europa registriert. Aktuell verzeichnet Unicef mit Stand von August fast 16.000 Infektionen

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