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Zwangsouting durch Affenpocken? Dramatisch wird die Lage in homophoben Ländern

Von ms - 07.09.2022 - 15:00 Uhr
Dramatisch wird die Lage in homophoben Ländern
Foto: IMAGO / Pacific Press Agency
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Der Umgang mit den Affenpocken (MPX) wird in den letzten Wochen immer wieder von allen Seiten kritisiert – zum einen hängt dies mit einem Engpass des Impfstoffes zusammen, zum anderen wird aber auch immer wieder der mediale Umgang an der Virus-Infektion selbst hinterfragt. Was ist noch Berichterstattung, was bereits Stigmatisierung? In diesem Umfeld kommt dann auch noch Kritik innerhalb der Community auf, gerade mit Blick auf den manchmal vielleicht zu leichtfertigen, sex-positiven Umgang mit der oftmals äußerst schmerzhaften Erkrankung.

Eines wird dabei gerne vergessen: In den meisten Fällen bedeutet eine Ansteckung mit den Affenpocken auch ein gewisses Zwangsouting, sei es vor der eigenen Familie, den Freunden oder auch im beruflichen Umfeld, denn bis auf wenige Ausnahmen infizieren sich nach wie vor beinahe ausschließlich schwule und bisexuelle Männer mit dem Virus und fast immer geschieht dies während eines Sexualkontakts. Die meisten Arbeitgeber beispielsweise fragen besorgt nach, wenn ein Mitarbeiter von heute auf morgen für vier Wochen krankgeschrieben wird. Auch wenn keine Auskunftspflicht besteht, bleiben bei einem Schweigen viele offene Fragen. Ähnlich problematisch ist die Situation, wenn sich ein Mann beim Seitensprung infiziert und nun vor seinem Partner oder der Partnerin mit der Wahrheit rausrücken muss.

Dabei ist eines auch klar: Noch dramatischer zeichnet sich die Lage allerdings in Ländern ab, in denen der Umgang mit Homosexualität weitaus schwieriger ist oder gleichgeschlechtliche Liebe sogar noch strafbar oder zumindest stark tabuisiert ist. Indien ist aktuell so ein Fall – in dem Land wurden vor mehr als zwei Monaten die ersten Fälle von Affenpocken verzeichnet, seitdem steigen auch dort die Fallzahlen rapide an, während Homosexualität im Land nach wie vor stark negativ bewertet wird. Diese Stigmatisierung sorgt so zudem dafür, dass sich viele schwule und bisexuelle Inder gar nicht erst testen lassen, sodass sie unwissend das Virus weitergeben können. Das geht in vielen Fällen soweit, dass sich Männer selbst bei sichtbaren Anzeichen wie Pusteln und Pocken auf der Haut weiterhin standhaft weigern, sich testen zu lassen – solange das Ergebnis nicht eindeutig belegt ist, lässt sich offiziell immer noch von einer “seltsamen Hauterkrankung“ schwadronieren.

Ähnlich wie in Deutschland betonten Gesundheitsexperten auch in solchen Ländern immer wieder, dass die Affenpocken grundsätzlich jeden Menschen befallen können – eine Infektion ist also in der Tat kein Beweis für eine mögliche Homosexualität. Allein die Fakten kommen diesem Statement trotzdem ein aufs andere Mal in den Weg, denn die offizielle Ausbreitung zeigt nun leider nach wie vor eine überdeutliche Konzentration auf die sex-positive Gay-Community. Beobachter verschiedener Menschenrechtsorganisationen sehen dabei ein weiteres Problem: In Ländern wie Indien oder anderen, stark religiös geprägten und teilweise noch immer homophoben Ländern halten sich Vorurteile gegenüber Homosexuellen viel länger als in liberalen und weltoffenen Ländern. Kommt dann noch ein, teilweise schwieriger Zugang zu Bildung für einen Teil der Bevölkerung hinzu, kann sich eine Stigmatisierung über Jahre oder gar Jahrzehnte festigen – ähnliches erlebten viele Forscher im Bereich HIV. Noch heute gibt es Regionen, in denen die Virus-Epidemie vornehmlich als “Schwulenseuche“ definiert wird, allen Aufklärungskampagnen zum Trotz.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat inzwischen bereits bestätigt, dass es in Ländern wie Indien so deutlich schwieriger sein dürfte, die Affenpocken langfristig in den Griff zu bekommen im direkten Vergleich mit den meisten europäischen Ländern. Dabei ist klar, auch in Europa kann ein positiver MPX-Test auch noch dramatische Konsequenzen nach sich ziehen, besonders mit Blick auf die Familie und den Beruf des Betroffenen, gerade in teils stark homophob geprägten Ländern wie Ungarn, Polen oder Rumänien. Ärzteverbände fordern deswegen inzwischen auch, es bedürfe breit gestreuter Kampagnen, um gegen die Stigmatisierung anzugehen und Menschen bei ersten Symptomen dazu zu ermutigen, zeitnah einen Arzt aufzusuchen.

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