Eine spezialisierte Gruppentherapie für Männer mit problematischem Chemsex-Konsum und zwanghaftem Sexualverhalten hat nach Angaben britischer Forscher ermutigende Ergebnisse erzielt. In zwei 2026 veröffentlichten, wissenschaftlich begutachteten Fachartikeln untersuchte ein Team um den klinischen Psychologen Dr. Michael Yates die Erfahrungen und Behandlungsergebnisse von Männern, die an entsprechenden Therapiegruppen teilgenommen hatten.
Das Wichtigste im Überblick
- Ermutigende Therapieergebnisse: 86 Prozent der Teilnehmer, die eine spezialisierte Gruppentherapie abschlossen, berichteten von einer deutlichen Verringerung ihres zwanghaften Sexualverhaltens.
- Hohe Abschlussquote: 84 Prozent der Männer, die das Programm begonnen hatten, nahmen bis zum Ende daran teil.
- Auch bei Chemsex Verbesserungen: Männer mit problematischem Drogenkonsum beim Sex erzielten vergleichbare Fortschritte wie Teilnehmer mit anderen Formen zwanghaften Sexualverhaltens.
- Scham und Einsamkeit als Faktoren: Der britische Psychologe Dr. Michael Yates beschreibt, wie emotionale Belastungen und Heimlichkeit problematische Verhaltensmuster verstärken können.
- Therapie ohne Abstinenzpflicht: Im Mittelpunkt stehen Selbstverständnis, ein bewussterer Umgang mit Sexualität und individuelle Veränderungen statt pauschaler Verbote.
Hoffnungsvolle Studie
Demnach schlossen 84 Prozent der Männer, die das Programm begonnen hatten, die Behandlung ab. Von den Absolventen berichteten 86 Prozent über einen deutlichen Rückgang ihres zwanghaften Sexualverhaltens. Auch Männer, deren Hauptproblem Chemsex war, zeigten ähnliche Verbesserungen wie Teilnehmer mit anderen Formen zwanghaften Sexualverhaltens. Die Ergebnisse sind nach Einschätzung von Yates besonders bemerkenswert, weil Betroffene häufig als schwer für therapeutische Angebote erreichbar gelten. Seine Erfahrungen aus fünf Jahren spezialisierter Gruppenarbeit deuteten jedoch in eine andere Richtung: Wenn Männer Unterstützung erhielten, die sie als sicher, relevant und frei von Verurteilung empfänden, seien viele bereit, sich intensiv mit ihren Schwierigkeiten auseinanderzusetzen. Allerdings handelt es sich bei den genannten Zahlen um die Ergebnisse der untersuchten Therapiegruppen. Aus ihnen allein lässt sich nicht ableiten, dass die Behandlung bei allen Betroffenen gleichermaßen erfolgreich ist oder welche langfristigen Veränderungen erreicht werden.
Sex gegen die Einsamkeit
Yates, der am Londoner Gesundheitszentrum 56 Dean Street tätig ist, arbeitet seit Jahren mit schwulen, bisexuellen und anderen Männern, die Sex mit Männern haben. Der Experte erklärte, dass die meisten seiner Patienten ihre Schwierigkeiten nicht als Problem mit Sexualität selbst wahrnehmen. Vielmehr hätten sie das Gefühl, die Kontrolle über ihr Verhalten verloren zu haben. Dabei könne es um Chemsex-Sessions gehen, die zunehmend ganze Wochenenden beanspruchen, um stundenlange Nutzung von Dating-Apps und Pornografie, häufige sexuelle Kontakte oder bezahlten Sex. Bei manchen Männern stünden Drogen und Sex gemeinsam im Mittelpunkt, bei anderen vor allem das Sexualverhalten.
Nach Beobachtung des Psychologen verbergen sich dahinter häufig Bedürfnisse nach Nähe, Zugehörigkeit und emotionaler Entlastung. Gerade schwule und bisexuelle Männer könnten in ihrer Jugend Erfahrungen mit Ausgrenzung, Heimlichkeit oder der Angst vor Ablehnung gemacht haben. Sex könne dann zu einer wichtigen Möglichkeit werden, Freiheit und Verbundenheit zu erleben. Bei anderen entstünden problematische Muster erst später, etwa nach einer Trennung, durch beruflichen Stress oder größere Veränderungen im Leben. Yates betont ausdrücklich, dass solche Erfahrungen nicht auf alle schwulen und bisexuellen Männer zutreffen und auch nicht zwangsläufig zu Schwierigkeiten führen.
Scham als Problem
Eine entscheidende Rolle spielt nach Yates' Erfahrungen häufig ein Kreislauf aus Scham, Heimlichkeit und Einsamkeit. Betroffene versuchten mitunter wiederholt, ihr Verhalten zu verändern. Sie löschten Dating-Apps, installierten sie später erneut oder nähmen sich vor, keine weiteren Chemsex-Sessions zu besuchen. Wenn diese Vorsätze scheiterten, verstärke sich das Schamgefühl. Die Männer zögen sich zurück und versuchten, ihre Schwierigkeiten zu verbergen. Die daraus entstehende Einsamkeit könne wiederum das Bedürfnis nach Sex, Pornografie, Dating-Apps oder Drogen verstärken, weil diese kurzfristig belastende Gefühle verdrängten.
Im Alltag könne sich das durch mehrtägige Sex- und Drogensessions, wiederkehrende sexuell übertragbare Infektionen, versäumte Arbeitstage oder belastete Beziehungen zeigen. Yates warnt jedoch davor, solche Entwicklungen als bloßes Versagen der Willenskraft zu betrachten. Entscheidend sei vielmehr, die Funktion des Verhaltens zu verstehen: Welche Bedürfnisse erfüllt es? Welche Gefühle lassen sich damit bewältigen? Und welche anderen Möglichkeiten gibt es, mit diesen Gefühlen umzugehen?
Chemsex birgt große Risiken
Der Psychologe unterscheidet ausdrücklich zwischen einem aktiven Sexualleben und einem Verhalten, unter dem Betroffene leiden. Häufiger Sex, Pornografiekonsum oder Chemsex seien nicht automatisch Anzeichen einer Störung. Entscheidend sei, ob Menschen ihr Verhalten selbstbestimmt gestalten könnten und ob es zu ihrem gewünschten Leben passe. Chemsex berge allerdings besondere gesundheitliche Risiken. Dabei werden psychoaktive Substanzen wie Crystal Meth, Mephedron oder GHB beziehungsweise GBL, häufig als „G“ bezeichnet, beim Sex konsumiert. Entsprechende Treffen können viele Stunden oder mehrere Tage dauern.
Besonders bei GHB und GBL ist der Abstand zwischen einer berauschenden und einer gefährlichen Dosis gering. Eine Überdosierung kann zur Bewusstlosigkeit führen. Für manche Männer reduzierten die Substanzen Ängste und Hemmungen und verstärkten das Gefühl von Nähe. Gerade diese Wirkungen könnten es schwierig machen, auf den Konsum zu verzichten. Mit der Zeit könnten Sessions länger werden, die Folgen des Drogenkonsums stärker belasten und Sex ohne Drogen zunehmend als unbefriedigend empfunden werden.
Gruppentherapie kann helfen
Ein wesentlicher Bestandteil der von Yates beschriebenen Behandlung ist der Austausch zwischen Männern mit ähnlichen Erfahrungen. Seit fünf Jahren leitet er entsprechende Gruppen für schwule, bisexuelle und andere Männer, die Sex mit Männern haben. Besonders eindrucksvoll sei häufig der Moment, in dem ein Teilnehmer erstmals offen über Erlebnisse spreche, die er jahrelang verborgen habe, und feststelle, dass andere Männer seine Erfahrungen nachvollziehen könnten. Die Probleme verschwänden dadurch nicht sofort. Das Gefühl, mit ihnen allein zu sein, könne sich jedoch deutlich verringern. Nach Yates' Einschätzung ist diese Erfahrung eine wichtige Voraussetzung dafür, belastende Verhaltensmuster zu verändern. Die Therapie ziele deshalb nicht allein darauf ab, bestimmte Handlungen zu unterbinden. Sie solle den Teilnehmern helfen, sich selbst besser zu verstehen und einen Umgang mit ihrer Sexualität zu entwickeln, der ihren persönlichen Bedürfnissen entspricht.
Individuelle Veränderungen
Die therapeutische Arbeit orientiert sich nach Angaben des Psychologen nicht an einer einheitlichen Vorstellung davon, wie ein gesundes Sexualleben aussehen müsse. Für manche Männer könne Fortschritt bedeuten, bestimmte Verhaltensweisen vollständig aufzugeben. Für andere gehe es darum, gesundheitliche Risiken zu reduzieren, mehr Entscheidungsfreiheit zu gewinnen oder wieder Intimität ohne Drogen zu erleben. Wichtig sei außerdem, dass die Behandlung von Fachkräften durchgeführt werde, die mit den Lebensrealitäten von LGBTIQ+-Menschen vertraut seien. Teilnehmer müssten offen über ihre Sexualität, Beziehungen und Erfahrungen sprechen können, ohne sich verurteilt zu fühlen. Das Angebot orientiert sich deshalb auch nicht am klassischen Zwölf-Schritte-Modell der Suchtbehandlung.
Eine Verpflichtung zu vollständiger sexueller Abstinenz ist nicht vorgesehen. Ebenso müssen Interessierte ihren Drogenkonsum nicht bereits beendet haben, bevor sie therapeutische Unterstützung suchen. Auf Grundlage seiner bisherigen Arbeit startet Yates aktuell in England das Programm „Time To Talk About Sex“. Es soll spezialisierte Unterstützung leichter zugänglich machen, da entsprechende Angebote begrenzt, Wartezeiten häufig lang und private Therapien für viele Betroffene nicht bezahlbar seien. Über die gemeinwohlorientierte Organisation Men's Mental Health Clinical Outcomes CIC werden bis zu 100 kostenlose Plätze angeboten. Die ersten Gruppen sollen im Januar 2027 beginnen.