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Welt-Aids-Tag
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Welt-Aids-Tag Die HIV-Diagnose ist auch für junge Schwule heute noch ein Schock

ms - 01.12.2022 - 08:00 Uhr

AIDS – die einstmals tödliche Krankheit ist heute für die meisten Betroffenen in Deutschland zu einer chronischen Erkrankung geworden, die sich gut behandeln lässt. Am heutigen Welt-Aids-Tag gedenken wir dabei nicht nur den mehr als rund 40 Millionen Menschen, die bisher weltweit an AIDS gestorben sind, sondern fragen auch praktisch nach, mit welchen Problemen sich Menschen mit HIV heute beschäftigen müssen.

Das Stigma

Zwei Aspekte werden von Ärzten, Fachleuten und Forschern immer wieder genannt, wenn die Frage nach Problemen bei einem Leben mit HIV aufkommt: Die meisten Betroffenen kämpfen immer wieder und teilweise über viele Jahre lang mit einer Form der Stigmatisierung, sei es im eigenen Freundes- oder Familienkreis oder aber auch im alltäglichen Leben, wann immer die Virusinfektion zur Sprache kommt. Auch in vielen Allgemeinpraxen reagiert das medizinische Personal oftmals noch vorurteilsbefangen, wie die Bundesärztekammer vor kurzem erklärte und deswegen zu mehr Schulungen des Fachpersonals aufrief.

Das bestätigte auch die HIV-Expertin Harriet Langanke gegenüber SCHWULISSIMO: „Wir erleben das nach wie vor sehr oft, dass Ärzte und auch medizinisches Personal Einzelheiten zu Ansteckung mit HIV nicht genau wissen. Es gibt hier Fachpersonal, das wirklich gar nicht informiert oder aufgeklärt ist und dann oftmals in ganze alte Verhaltensmechanismen zurückfällt. Da gibt es noch einen ganz großen Aufklärungsbedarf. Es gibt auch unter der jungen Generation viele, die diese Aufklärung noch brauchen.“

Wissen und Solidarität gegen HIV-Diskriminierung

Ähnlich sieht das auch die queer-politische Sprecherin der Linken, Kathrin Vogler: „Häufig ist es die Angst vor Diskriminierung, die Menschen von einem HIV-Test abhält. Deswegen ist der Kampf gegen Diskriminierung, vor allem auch im Gesundheitswesen, notwendiger Teil jeder Präventionsstrategie. Es ist erschütternd, wie viele HIV-positive Menschen beim Arzt, bei der Zahnärztin oder im Krankenhaus nicht angemessen behandelt werden. Dass sie keine Ansteckungsgefahr für medizinisches Personal darstellen, wenn sie medikamentös gut eingestellt sind, ist noch viel zu wenig bekannt. Auch, wenn es noch kein Heilmittel gegen AIDS gibt, gegen Diskriminierung gibt es sogar zwei: Wissen und Solidarität."

Die späte Diagnose

Das zweite Problemfeld ist auch heute noch eine oftmals zu spät erfolgte Diagnose der Krankheit; rund 33 Prozent der Diagnosen erfolgen erst bei einem bereits fortgeschrittenen Immundefekt, 18 Prozent sogar erst mit dem Vollbild AIDS, so das Robert-Koch-Institut (RKI) Natürlich lässt sich auch diesen Menschen helfen und natürlich können auch hier Therapien hilfreich ansetzen und wirken, generell gilt aber das Credo: Je früher die HIV-Infektion erkannt und therapiert wird, desto leichter gelingt auch ein langes und gutes Leben mit HIV.

Wie wichtig das ist, zeigen auch die Forschungsergebnisse der letzten Jahre mit Bezug auf den Alterungsprozess: HIV-positive Menschen altern nicht nur anders, sie haben auch ein erhöhtes Risiko für Krebs– und Herzerkrankungen. Dr. Stefan Esser vom Universitätsklinikum Essen forscht seit 2004 als Leiter der HIV HEART Aging Studie daran und erklärte gegenüber SCHWULISSIMO: „Eines der wichtigsten Schritte, um das Risiko von anderen Erkrankungen für HIV-Positive zu minimieren, ist, so früh wie möglich die HIV-Infektion zu diagnostizieren. Wichtig ist auch, eine medizinische Betreuung zu haben, die Risikofaktoren erkennt und diese auch behandelt. Das Allerwichtigste ist die regelmäßige Einnahme der antiretroviralen Therapie. Wir konnten in unserer Studie ganz klar zeigen, dass diejenigen, die immer wieder Therapiepausen machen, auch ein massiv erhöhtes Risiko haben, schwerwiegend zu erkranken.“

Schamfrei HIV-positiv? 

Bei vielen älteren schwulen Männern mit HIV hat sich oftmals mit den leidvollen Erfahrungen der letzten Jahrzehnte auch ein gewisses Schuldgefühl sowie eine Scham manifestiert, denen oftmals bis heute sehr schwer rational beizukommen ist, wie mehrere Fachärzte gegenüber SCHWULISSIMO weiter bestätigen. Auch wenn junge Menschen heute nicht mehr mit dem Damoklesschwert der “Schwulenseuche“ konfrontiert sind, bleibt eine positive HIV-Diagnose zumeist noch immer ein wesentlicher Einschnitt im Leben, wie Protagonist Oliver von der Welt-Aids-Kampagne der Deutschen Aidshilfe erklärt, der mit Anfang 20 seine Diagnose bekam – ein “ziemlicher Schock“, so Oliver.

Auf Anraten eines Freundes behielt er die Diagnose lange Zeit für sich: „Der Rat war fürsorglich gemeint und sollte mich vor Zurückweisung schützen. Aus heutiger Sicht war es aber total falsch. Dieses Nicht-darüber-Reden hat mich ziemlich krank gemacht.“ Oliver rutschte in eine Depression, geriet sogar in Suizidgefahr, bis eine Psychotherapie glücklicherweise die Wende brachte. Vor allem aber baute ihn der Kontakt mit anderen HIV-Positiven auf: Der Austausch hat mir wahnsinnig geholfen, ein entspanntes Verhältnis zu meiner Infektion aufzubauen. Nach und nach habe ich gelernt, dass offen über HIV zu sprechen mir selbst die Macht gibt mitzubestimmen, wie andere mich sehen.“

Ein Tag im Jahr ist nicht genug

Am Ende hilft den meisten Menschen mit HIV wahrscheinlich die Tatsache, offen und ehrlich miteinander darüber reden zu können, frei von Vorurteilen, Diskriminierung oder Ausgrenzung. Insgesamt leben in Deutschland rund 90.800 Menschen mit HIV, wobei bis zu 8.600 weitere Personen mit HIV nichts von ihrer Infektion wissen. Seit 1983 sind in Deutschland rund 30.000 Menschen an den Folgen von AIDS bisher gestorben. Rund 1.800 Menschen haben sich binnen eines Jahres zuletzt neu mit dem Virus infiziert (2021/RKI), rund 1.000 davon sind homosexuelle Männer. Weltweit leben rund 39 Millionen Menschen aktuell mit HIV, mehr als jeder sechste von ihnen weiß nichts von seiner Infektion (16 %, Quelle Deutsche Aidshilfe) – ein wesentlicher Grund, warum weltweite HIV-Kampagnen sowie auch der Welt-Aids-Tag bis heute eine so große Wichtigkeit besitzen. Dabei sollte die Devise gelten: Es reicht bei weitem nicht aus, nur einmal im Jahr über HIV zu sprechen.

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