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Nobelpreisträgerin kritisiert Lehmann

Nobelpreisträgerin kritisiert Lehmann “Herr Lehmann hat vielleicht den Grundkurs in Biologie verpasst.“

ms - 23.08.2022 - 09:30 Uhr
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Scharfe Kritik kommt jetzt von Seiten der Wissenschaft gegenüber dem Queer-Beauftragten der Bundesregierung, Sven Lehmann. Lehmann hatte immer wieder betont, dass es mehr als zwei Geschlechter gäbe und niemand bestimmen könne, welches Geschlecht ein Mensch hat – auch kein Arzt. Das könne nur die betreffende Person selbst bestimmen. Im Interview mit dem Magazin Emma erklärt die Biologin und Nobelpreisträgerin Christiane Nüsslein-Volhard nun, die Forderung nach vielen Geschlechtern sei “Unfug“ und erklärt zu den Äußerungen von Lehmann: Das ist unwissenschaftlich! Da hat Herr Lehmann vielleicht den Grundkurs in Biologie verpasst.“

Nüsslein-Volhard gehört zu den renommiertesten Biologinnen weltweit, sie hat bisher über fünfzig weltweite Ehrungen und Preise verliehen bekommen, neben dem Nobelpreis auch das Große Verdienstkreuz mit Stern der Bundesrepublik Deutschland. Aktuell beschäftigt sie sich mit Genforschung und Entwicklungsbiologie am Max-Planck-Institut für Biologie in Tübingen und ist Träger von über einem Dutzend Ehrendoktorwürden, darunter auch von den beiden weltberühmten US-Universitäten Harvard und Princeton. Im Interview mit der Emma betont Nüsslein-Volhard dabei, dass es nur zwei Geschlechter gibt und erklärt ausführlich, wie es sich mit den zahlreichen Abweichungen beispielsweise auf genetischer oder aber auch hormoneller Ebene verhält, die existieren, aber dadurch noch kein eigenes Geschlecht darstellen. Ferner erklärt sie: „Es gibt sehr ´feminine´ Männer und sehr ´maskuline´ Frauen, was nicht nur mit kulturellen Faktoren, sondern unter anderem auch mit unterschiedlichen Hormonleveln zu tun hat. Da gibt es ein Riesenspektrum. Das ist ja gerade das Spannende.“ Mit Blick auf inter-Menschen betont die Biologin: „Intersexualität entsteht durch sehr seltene Abweichungen, zum Beispiel beim Chromosomensatz. Aber auch intersexuelle Menschen haben die Merkmale beider Geschlechter, sie sind kein drittes Geschlecht.“

Zu dem Plan der Ampel-Koalition, dass mit dem neuen Selbstbestimmungsgesetz jeder Mensch frei sein Geschlecht wählen kann beziehungsweise der Gesetzgeber jeder Person die Möglichkeit geben muss, in seinem Wunschgeschlecht zu leben, sagt die Nobelpreisträgerin: „Das ist Quatsch! Es ist Wunschdenken. Es gibt Menschen, die wollen ihr Geschlecht ändern, aber das können sie gar nicht. Sie bleiben weiterhin XY oder XX. Das Entscheidende dabei ist, dass die Tatsache, ob man ein Y-Chromosom hat, schon in der Schwangerschaft auf die Entwicklung des Embryos wirkt und natürlich auch beim Heranwachsenden. Jungen haben deshalb andere Geschlechtsmerkmale als Mädchen und das kann man nicht rückgängig machen. Menschen behalten lebenslang ihre Geschlechtszugehörigkeit. Natürlich kann man durch Hormongaben erreichen, dass zum Beispiel ein Mädchen, das Testosteron nimmt, eine tiefe Stimme und Bartwuchs bekommt. Aber davon wachsen dem Mädchen keine Hoden und es wird keine Spermien produzieren. Und biologische Männer produzieren auch durch Hormongaben keine Eier und können keine Kinder gebären. Das Problem dabei entsteht, wenn es zu irreversiblen Eingriffen kommt. Bei den Operationen sowieso. Aber man fügt auch mit den Hormonen dem Körper etwas zu, was dort nicht vorgesehen ist. Hormone verursachen im Körper sehr, sehr viel – auf den verschiedensten Ebenen, physisch wie psychisch. Das ordentlich zu dosieren und ständig zu nehmen, halte ich für außerordentlich gewagt. Der Körper kann auf Dauer nicht gut damit umgehen. Jedes Hormon, das man zu sich nimmt, hat Nebenwirkungen. Hormone zu nehmen, ist prinzipiell gefährlich.“ Im Gegensatz dazu plant die Ampel-Koalition im Zuge des Selbstbestimmungsgesetzes auch, dass Jugendliche ab 14 Jahren ihr Geschlecht selbst und eigenverantwortlich bestimmen können und dass bereits auch in jungen Jahren mit der Einnahme von Hormonen oder Pubertätsblockern begonnen werden kann.

Die Pläne dazu in Deutschland stoßen auch deswegen immer mehr auf Kritik, weil immer mehr andere Länder schrittweise gerade solche Bestimmungen wieder zurücknehmen oder überdenken. In Großbritannien beispielsweise wird die bisher einzige Klinik für trans-Jugendliche im Frühjahr 2023 geschlossen, nachdem es dort offenbar zu massenhaftem Missbrauch bei Jugendlichen gekommen war – Kindern sollen viel zu schnell, dogmatisch und unreflektiert Medikamente, Hormone und Pubertätsblocker verabreicht worden sein. Aktuell wird gerade eine Sammelklage vorbereitet mit wahrscheinlich mehr als 1.000 Klägern und Opfern. Nüsslein-Volhard dazu mit Blick auf die Pläne in Deutschland: „Das ist Wahnsinn! Mit 14 sind ganz viele Mädchen in der Pubertät unglücklich.“

Zudem stellt die Biologin klar, dass es auch Sicht der Wissenschaft gar nicht möglich sei, überhaupt eine Geschlechtsumwandlung zu bewerkstelligen: „Der Gesetzgeber kann gar keine Geschlechtsumwandlung ermöglichen. Er sagt nur: Diese Frau darf ab jetzt behaupten, sie sei ein Mann. Und umgekehrt. Die biologischen Grundlagen sind absolut nicht zu ändern. Und wenn jetzt ein Mann behauptet, er sei eine Frau und geht in einen Sportverein, um dort bei den Frauen mitzuspielen, dann ist das ein Problem. Denn aufgrund seiner männlichen Hormone ist dieser Mensch stärker und läuft schneller. Es ist im Grunde wie Doping. Und wenn man das dann noch nicht mal sagen darf – das geht doch nicht.“ Ferner entkräftet die Nobelpreisträgerin die Aussage, dass das Geschlecht nicht allein auf genetischen, anatomischen oder eben chromosomalen Merkmalen beruht, sondern eben inzwischen auch soziale und psychische Faktoren eine wichtige Rolle bei der Definition von Geschlecht spielen würden: „Das ist Unfug. Wie man sich fühlt, das lässt sich durch soziale und psychologische Umstände ändern. Das biologische Geschlecht aber eben nicht. Das ist dort, wo wirklich Wissenschaft betrieben wird, auch völlig unstrittig“, so Nüsslein-Volhard. Abermals betont die Biologin wie einige Kollegen vor ihr, dass es einen Unterschied zwischen Sex und Gender gibt und dies gerne in den Debatten unreflektiert vermischt werden würde. Abschließend erklärt die Nobelpreisträgerin: „Dass Transsexuelle nicht diskriminiert werden sollen, ist ja völlig klar. Wenn Menschen schlecht behandelt werden, ist das schlecht. Aber sie können doch ihre Vorstellungen nicht allen Menschen als Tatsachen aufdrücken.“

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