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Im schwulen Spinnennetz

Im schwulen Spinnennetz Emotionale Manipulation als besondere Bedrohung

ms - 08.01.2026 - 16:00 Uhr
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In Zeiten von schwulen Dating-Apps, Ghosting und künstlicher Intelligenz in der Partnersuche gewinnt ein besonders problematisches Phänomen aktuell immer mehr an Aufmerksamkeit, das sogenannte „Spider-Webbing“. Der Begriff beschreibt eine Kombination manipulativer und missbräuchlicher Verhaltensweisen, mit denen eine Person eine andere schrittweise emotional an sich bindet und an einem Beziehungsende hindert.

Gefangen im emotionalen Spinnennetz

„Spider-Webbing“ bezeichnet laut Fachleuten ein Bündel aus Techniken wie Lovebombing, Gaslighting, Isolation, Schuldumkehr oder das sogenannte Breadcrumbing, bei dem eine Person nur eine minimale, unregelmäßige Aufmerksamkeit zeigt, um beim Gegenüber Unsicherheit, Selbstzweifel und emotionale Abhängigkeit zu fördern. Ziel sei es beim Beziehungs-Spinnennetz, „die andere Person in ihr Netz zu bekommen und es ihr extrem schwer zu machen, die Beziehung zu verlassen“, so die bisexuelle Sexologin und Paartherapeutin Sofie Roos vom Beziehungs­magazin Passionerad.

Der Prozess könne sich über Monate oder Jahre erstrecken. Dabei werde die betroffene Person zunehmend von Freundeskreis und Unterstützungsstrukturen getrennt, während ihr Selbstvertrauen systematisch untergraben werde. Die Folge sei eine emotionale Abhängigkeit vom missbräuchlichen Partner.

Die Journalistin und queere Sexualpädagogin Gabrielle Kassel vergleicht das Phänomen auch mit einem Spinnennetz: „Ähnlich wie bei jedem einzelnen Faden eines Netzes wirkt jede Handlung für sich vielleicht klein oder harmlos. Doch mit der Zeit verbinden sich diese Fäden zu einer Struktur, die jemanden gefangen halten kann.“ Besonders gefährlich sei, dass einzelne Vorfälle oft unauffällig wirkten. „Ein Kommentar, ein scherzhafter Seitenhieb, eine Bitte – über die Zeit hat das massive Auswirkungen“, so Kassel.

Warnsignale im Alltag

Zu den Anzeichen von Spider-Webbing zählen laut Expertinnen und Experten unter anderem das zunehmende Absagen von Verabredungen, der Rückzug aus Freundschaften oder der Kontaktabbruch zur eigenen Community aus Angst vor der Reaktion der Partnerperson. „Wenn du das Gefühl hast, dass Treffen mit Freunden, der Besuch queerer Orte oder Zeit in der Community anschließend zu Hause Konsequenzen haben – etwa Schweigen, Rechtfertigungszwang oder Eifersucht –, dann könntest du spider-webbed sein“, erklärt Kassel.

Typisch sei zudem, dass manipulativ handelnde Personen Freundschaften abwerten, therapeutische Ratschläge infrage stellen und erwarten, selbst im Mittelpunkt des Lebens zu stehen, während sie ihre eigenen sozialen Kontakte aufrechterhalten. Häufig wechselten emotionale Kälte und gleichzeitige Versuche, die Partnerperson eng an sich zu binden, ohne echte Verbindlichkeit einzugehen. „Wichtig ist zu verstehen, dass Spider-Webbing kein einzelner Streit oder Ausrutscher ist“, betont Kassel. „Es ist die kumulative Wirkung vieler kleiner Handlungen, Kommentare und Reaktionen, die langsam in die Isolation führen.“

Besondere Risiken für LGBTIQ+-Menschen

Grundsätzlich könne Spider-Webbing in jeder Beziehung auftreten, unabhängig von sexueller Orientierung oder Geschlechtsidentität. Für LGBTIQ+-Menschen sei das Risiko jedoch besonders hoch. „Viele queere Menschen sind teilweise oder vollständig von ihren Herkunftsfamilien entfremdet – aufgrund von Homo- oder Transfeindlichkeit“, sagt Kassel. Umso wichtiger seien gewählte Familie und Community. Eine gezielte Isolation könne daher „extrem destabilisierend und sogar retraumatisierend“ wirken.

Hinzu kämen queerspezifische Dynamiken, etwa wenn Partnerpersonen mit verinnerlichter Homo- oder Biphobie die queere Identität der anderen Person abwerteten oder einschränkten. Auch unbegründete Eifersucht gegenüber polysexuellen Menschen könne eine Rolle spielen. „Diese falschen Annahmen können dazu führen, dass die missbräuchliche Person ihre Partnerperson von Freundschaften und Community fernhält“, warnt Kassel weiter. 

Umgang mit Verdacht auf Spider-Webbing

Wer vermutet, betroffen zu sein, sollte dem eigenen Bauchgefühl vertrauen. „Vertraue immer deinem Bauchgefühl – es täuscht selten“, sagt Roos. Viele Menschen versuchten, Warnsignale rational zu erklären und ignorierten ihre Intuition. Das erhöhe das Risiko, zu spät aus einer schädlichen Beziehung auszusteigen.

Spider-Webbing sei eine Form emotionaler Gewalt. Bleibe das Verhalten trotz klarer Ansprache bestehen, sei ein Beziehungsende in Erwägung zu ziehen. Roos rät, gezielt klare Fragen zu stellen: „Verwirrung ist oft die größte Stärke von Spider-Webbern. Klare Fragen zu Absichten, Zukunftsplänen und Gefühlen können dieses Machtgefälle ins Wanken bringen.“

Nicht immer ein Trennungsgrund 

Spider-Webbing müsse allerdings nicht zwangsläufig das Ende einer Beziehung bedeuten. „Du entscheidest selbst, welches Maß an Kontrolle, Isolation oder emotionaler Arbeit du akzeptieren willst – oder nicht“, sagt Kassel. Voraussetzung für eine mögliche Fortsetzung sei jedoch, dass die Partnerperson das Verhalten anerkenne, Verantwortung übernehme und bereit sei, schädliche Muster zu verändern.

Weigere sich die betreffende Person, das Problem zu sehen oder stelle das Bedürfnis nach Autonomie als überzogen dar, sei dies ein klares Warnsignal. „In diesem Fall wirst du gebeten, eine Behandlung zu tolerieren, die deine Freiheit einschränkt, dein Selbstgefühl untergräbt und die Fülle deines Lebens reduziert“, so Kassel.

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