Cybermobbing vor Gericht Labile Jugendliche bewusst in den Suizid getrieben
Ab heute muss sich ein 21-jähriger Tatverdächtiger in Hamburg vor dem Landgericht verantworten, der unter dem Online-Decknamen „White Tiger“ bekannt geworden ist. Er soll ein führendes Mitglied eines Sadisten-Netzwerks im Internet gewesen sein, die über mehrere Jahre lang Kinder und Jugendliche gequält und in den Suizid getrieben haben sollen. Da die schwerwiegenden Taten, darunter ein vollendeter und fünf versuchte Morde, von ihm offenbar als 16-jähriger Jugendlicher begangen wurden, wird der Fall vor einer Jugendkammer verhandelt – unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Der Deutsch-Iraner wurde im Sommer 2025 in Hamburg in der Wohnung seiner Eltern festgenommen.
Mindestens 30 jugendliche Opfer
Die Staatsanwaltschaft wirft ihm 204 Straftaten im Zeitraum zwischen Januar 2021 und September 2023 vor und spricht von mehr als 30 Opfern aus Deutschland, Großbritannien, Kanada und den USA. Details zu den Betroffenen sind nicht bekannt, in der Presse gibt es Hinweise darauf, dass womöglich auch homosexuelle oder queere Minderjährige unter den Opfern sein könnten – LGBTIQ+-Jugendliche sind besonders anfällig für Cybermobbing. Der Prozess umfasst insgesamt 82 Verhandlungstermine bis Dezember 2026.
Anfällige Jugendliche ausgenutzt
Der Angeklagte soll bei den Tötungsdelikten in mittelbarer Täterschaft gehandelt haben, indem er seine Opfer dazu überredete, sich selbst das Leben zu nehmen. In einem Fall soll dies bei einem 13-jährigen Jungen aus den USA gelungen sein, der sich während eines Livechats das Leben genommen hat. Eine 14-jährige Kanadierin habe ebenfalls versucht, Selbstmord zu begehen, überlebte aber. Der mutmaßliche Täter gilt dabei als Kopf einer Gruppe von Cyberkriminellen, die aus sexuellen Motiven heraus Kinder im Alter von 11 bis 15 Jahren im Internet zu Selbstverletzungen gezwungen haben soll. Dabei soll er besonders anfällige Kinder über soziale Medien und Online-Computerspiele emotional manipuliert und ihre Abhängigkeit ausgenutzt haben, unter anderem auch für die Produktion von kinder- und jugendpornografischem Material.
Selbstverletzungen in Livechats
Um den Forderungen des Angeklagten nach immer extremeren Inhalten zu entsprechen, sollen sich die Kinder in Livechats schwer verletzt oder sich selbst sexuell misshandelt haben. „White Tiger“ soll Aufnahmen von diesen Handlungen angefertigt haben, um die Kinder später mit der Veröffentlichung zu erpressen, falls sie sich nicht noch schwerer verletzten oder weitere Selbstverletzungen vor der Kamera vollzogen.
Die Hamburger Polizei hatte bereits 2021 gegen den heute 21-Jährigen ermittelt. Damals ging es um den Verdacht des Besitzes jugendpornografischer Inhalte, allerdings wurde das Verfahren nach einer Befragung des Verdächtigen wegen Geringfügigkeit eingestellt. Im Jahr 2023 teilte das FBI seine Ermittlungsakten zu „White Tiger“ mit den deutschen Behörden. Ein ehemaliger FBI-Ermittler gab gegenüber dem „Spiegel“ an, dass er die Identität des Verdächtigen im Februar 2023 bei einem Treffen mit dem Landeskriminalamt Hamburg mitgeteilt habe. Gleichzeitig warf er den deutschen Ermittlern vor, es versäumt zu haben, den damals 17-jährigen Verdächtigen rechtzeitig festzunehmen.
Hier gibt es Hilfe
Die Berichterstattung über Suizid ist ein überaus sensibles Thema. Wir möchten es in KEINSTER Weise glorifizieren oder romantisieren. Viele Menschen, die durch Suizid sterben, leiden an einer psychischen Erkrankung. Wenn es dir nicht gut geht oder du daran denkst, dir das Leben zu nehmen, versuche mit anderen Menschen darüber zu sprechen. Das können Freunde oder Verwandte sein. Es gibt aber auch eine Vielzahl von Hilfsangeboten, bei denen du dich melden kannst. Die Telefonseelsorge ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr erreichbar. Die Telefonnummern sind 0800/111 0 111 und 0800/111 0 222.
Mit Beratung steht dir auch der Coming Out Day Verein via Messenger, E-Mail und Videochat unter www.coming-out-day.de sowie www.comingoutundso.de zur Seite. Weiterhin gibt es von der Telefonseelsorge das Angebot eines Hilfe-Chats. Außerdem gibt es die Möglichkeit einer E-Mail-Beratung. Die Anmeldung erfolgt – ebenfalls anonym und kostenlos – auf der Webseite. Informationen findest du unter: www.telefonseelsorge.de