Direkt zum Inhalt
Krisenstimmung in den USA

Krisenstimmung in den USA Die landesweite Telefon-Anlaufstelle für suizidgefährdete queere Jugendliche wird heute geschlossen

ms - 17.07.2025 - 10:00 Uhr
Loading audio player...

All die massiven Proteste von Prominenten und von Menschen aus der Community direkt vor dem Trump Tower in New York halfen nichts: Heute wird in den USA die LGBTIQ+ National Suicide & Crisis Lifeline eingestellt. Im Zuge der Sparmaßnahmen der US-Regierung wird das Projekt landesweit nicht mehr angeboten. Die Telefonhotline speziell für queere Jugendliche war die einzige ihrer Art in den USA. 

„Radikale Ideologien“ 

Das US-Gesundheitsministerium betonte, dass die Hotline „radikale Ideologien“ verbreitet und gefördert habe und verwies auf die regulären Krisenanlaufstellen und Hilfs-Telefone, die allen Menschen offen stehen. Zudem erklärte die Behörde, dass es kein Angebot für eine spezielle Gruppe von Menschen mehr brauche. Queere Vereine in den  USA bezweifeln indes stark, dass das mehr als eine Tatsachenbehauptung ist. 

Seit dem Start der queeren Hotline im September 2022 mittels Telefon und SMS wurden rund 1,3 Millionen LGBTIQ+-Jugendliche von speziell geschultem Fachkräften betreut. Angesichts massiv steigender Suizidzahlen in den USA und im Speziellen innerhalb der queeren Community ein lebensrettendes Projekt, wie die größte LGBTIQ+-Jugendorganisation der USA, das Trevor Project, mehrfach betont hatte. „Bei LGBTIQ+-Jugendlichen ist die Wahrscheinlichkeit eines Selbstmordversuchs mehr als viermal so hoch wie bei Gleichaltrigen“, so ein Sprecher der Organisation.

Ein Suizidversuch alle 45 Sekunden 

Nach Angaben der jüngsten Studien haben allein im letzten Jahr laut Trevor Project so rund 1,8 Millionen homosexuelle und queere Jugendliche ernsthaft Selbstmord in Erwägung gezogen. Alle 45 Sekunden will sich in den USA derzeit ein LGBTIQ+-Jugendlicher das Leben nehmen. Die Daten decken sich mit weiteren Untersuchungen der letzten Jahre, die Krise in der Community hat sich massiv verstärkt. Für zahlreiche queere Vereine wie beispielsweise auch GLAAD ist es daher das völlig falsche Signal, gerade jetzt die landesweit einzige Anlaufstelle für junge queere Menschen einzustellen. 

Umverteilung von Not-Anrufen

Hinter der LGBTIQ+-Helpline mit der Telefonnummer 988 steckt die staatliche Organisation CommCARE. Mit großem Bedauern müsse man heute die „Option 3“ einstellen, so die interne Bezeichnung für die LGBTIQ+-Selbstmord-Hotline. „Die Einstellung der Option 3 ändert nichts an unserer konsequenten Ausrichtung auf eine mitfühlende, kulturell sensible und gerechte Betreuung aller Anrufer, einschließlich der LGBTIQ+-Community. Wir sind immer noch da und werden immer noch die Leitung übernehmen“, so ein Sprecher der Einrichtung. Die Anrufe werden nun zudem oftmals an lokale Krisenberater und gegebenenfalls an mobile Krisenreaktionsteams weitergeleitet. Zudem sollen Anrufe von queeren Menschen auch an das Trevor Project weitergegeben werden, obwohl die Organisation bereits jetzt an ihren personellen Belastungsgrenzen angekommen ist. 

Eine politische Entscheidung mit Konsequenzen

Innerhalb der Community wird indes davon ausgegangen, dass das Ende der Helpline die Krise unter jungen queeren Menschen in den USA noch einmal radikal verstärken wird – oftmals fehlt den Jugendlichen schlicht das Vertrauen, sich an eine „normale“ Suizid-Hotline zu wenden. Zu groß sind demnach vielerorts die Bedenken, von dem Berater nicht wirklich verstanden zu werden. 

Zahlreiche Prominente hatten in einem offenen Brief Anfang Juni die Rücknahme der Einstellung gefordert, ohne Erfolg. In den letzten Tagen hatten zudem hunderte Menschen vor dem Trump Tower in Manhattan unter dem Motto „Hands off 988“ demonstriert. Ein wirkliches Einsparungspotenzial stellt die Einstellung dabei überdies nicht dar, die Hotline für LGBTIQ+-Jugendliche kostete rund 50 Millionen US-Dollar im Jahr, kein wirklich hoher Betrag bei einem US-Haushalt in diesem Jahr von voraussichtlich fast 12 Billionen US-Dollar. Queere Vereine gehen daher von einer rein politischen und nicht wirtschaftlichen Entscheidung der US-Regierung aus. 

Anzeige
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE

Auch Interessant

Unvereinbarkeit von Positionen

Rechtspopulistische Strategie

Der Christopher Street Day (CSD) in Erkrath, Nordrhein-Westfalen, hat den Antrag der AfD auf einen eigenen Infostand abgelehnt.
WM-Kuss wird Symbol

Liebesbekundung in Mexiko

Ein spontaner Kuss bei einer WM-Fanfeier in Mexiko-Stadt geht viral und wird für viele zum Symbol für LGBTIQ+-Sichtbarkeit im Fußball.
Nasty Pig-Gründer Lauterstein

Kampf gegen Altersdiskriminierung

Nasty-Pig-Mitgründer David Lauterstein ruft ältere schwule Männer dazu auf, selbstbewusst aufzutreten und ihre Lebenserfahrung als Vorteil zu nutzen.
Bottoming Fever

Grippesymptome nach Analsex

Nach intensivem Analverkehr können bei manchen Menschen grippeähnliche Beschwerden auftreten. Die Forschungen zum „Bottoming Fever“ laufen.
Neue Straftatbestände gelten

Besonders Studierende betroffen

Queere Studierende in Victoria sind auf Dating‑Apps gezielt unter Druck gesetzt, körperlich attackiert und mit „Outing“-Erpressung bedroht worden.
Social Media-Verbote

Klare Absage der Expertenkommission

Die Expertenkommission der Regierung hat sich gegen pauschale Social Media-Verbote ausgesprochen. Ministerin Prien kann sich dies trotzdem vorstellen.
Schule zahlt nach Coming-Out

Streit um Abschluss in Tennessee

Eine christliche Schule in Tennessee hat nach dem Ausschluss einer Schülerin wegen ihres Coming-Outs eine Entschädigung von 10.000 Dollar gezahlt.
Amoklauf in Montreal

Schießerei nahe Pornhub-Hauptsitz

Drei Menschen starben bei einem Amoklauf in Montreal nahe der Pornhub-Zentrale. Der Täter hatte es unter anderem auf Pornodarsteller abgesehen.
Prides in Europa unter Druck

Mehr Hass und weniger Geld

Prides in Europa erleben zunehmend mehr Hass bei zeitgleicher Reduzierung der Finanzen, so der neue EPOA-Bericht.