Direkt zum Inhalt

Ende von Konversionstherapien! Religionen darf keine Sonderrolle eingeräumt werden

Von ms - 16.02.2023 - 10:00 Uhr
Ende von Konversionstherapien!
Foto: IMAGO / Horst Galuschka
ANZEIGE
Loading audio player...

Mit klaren und eindringlichen Worten hat sich jetzt die Menschenrechtskommissarin des Europarats, Dunja Mijatovic, an die Europäische Union gewandt und fordert ein komplettes Verbot von Konversionstherapien in allen EU-Mitgliedsstaaten. Bis heute würden in der EU in vielen Ländern noch immer solche menschenverachtenden Praktiken Anwendung finden, deren Ziel es zumeist ist, Homosexualität zu “heilen“.

Mijatovic dazu: „Eine solche Vorstellung ist gefährlich und hat in einer auf Menschenrechten basierenden Gesellschaft keinen Platz. Dennoch finden diese Eingriffe in ganz Europa weiterhin statt, oft rechtmäßig und häufig unter dem Deckmantel medizinischer oder religiöser Grundsätze. Trotz der tiefgreifenden und langanhaltenden schädlichen Auswirkungen, die diese Praktiken haben können, erhalten viele Opfer weder eine Anerkennung der erlittenen Schäden noch eine Wiedergutmachung. Dies muss ein Ende haben.“

Kein Platz für “Homo-Heilungen“ in der EU!

Die Konversionstherapien würden dabei oftmals auch im Geheimen stattfinden. Schätzungen zufolge haben sich zwei Prozent aller LGBTI*-Personen in der EU solchen Praktiken bereits unterzogen, weiteren fünf Prozent wurden solche Praktiken angeboten, so Mijatovic, die davon ausgeht, dass die tatsächlichen Zahlen noch einmal viel höher sein könnten. Es bedarf daher jetzt einer klaren Botschaft der EU, dass alle Mitglieder willens sind, die internationalen Menschenrechtsstandards einzuhalten und zu verdeutlichen, dass in Europa kein Platz für Konversionstherapien ist.

Verheerende Folgen für die Opfer

Diese Praktiken stehen auch im Widerspruch zu einem überwältigenden Konsens der internationalen Menschenrechts- und Wissenschaftsgremien, so die Kommissarin weiter, die zudem bekräftigt: „Die Auswirkungen dieser Praktiken können verheerend sein. Die Betroffenen können erhebliche psychische Schäden erleiden, darunter Depressionen und Angstzustände, Scham oder Selbsthass, Selbstmordgedanken oder Selbstmordversuche, posttraumatische Belastungsstörungen sowie körperliche Gesundheitsschäden wie Magengeschwüre, Sexual- und Essstörungen und Migräne. Die Eingriffe selbst können auch zu dauerhaften körperlichen Schäden führen.“

Derartige Behandlungen seien mit mehreren Garantien der Europäischen Menschenrechtskonvention schlicht unvereinbar. Menschen, die bereits Opfer von Konversionstherapien geworden sind, sollten durch öffentliche Mittel, psychosoziale Unterstützung und Rehabilitationsmaßnahmen unterstützt werden – zudem solle ihnen leichter die Möglichkeit gegeben werden, auch juristisch eine Widergutmachung einzufordern.

Staaten müssen Freiheiten der Menschen schützen

In einigen Ländern wurde zuletzt immer wieder auch gegenargumentiert, die Heilungspraktiken würden zumeist im privaten Bereich stattfinden, weswegen es schwierig wäre, von staatlicher Seite dagegen vorzugehen. Dem widerspricht Mijatovic vehement: „Auch wenn Konversionspraktiken häufig von privaten Akteuren durchgeführt werden, entbindet dies die Mitgliedstaaten nicht von ihren positiven Verpflichtungen, die Rechte und Freiheiten aller Menschen in ihrem Hoheitsgebiet zu gewährleisten. Unter anderem sind die Staaten verpflichtet, dafür zu sorgen, dass ein angemessener rechtlicher Rahmen vorhanden ist, dass Klagen über Verstöße wirksam untersucht werden und dass Rechtsmittel wirksam und zugänglich sind.“

Keine Sonderrolle für Religionen

Auch die oftmals vorgebrachte Erklärung, Konversionstherapien würden unter die Religionsfreiheit fallen, da sie in Europa zumeist von christlichen Organisationen angeboten und durchgeführt werden, hält die Menschenrechtskommissarin für falsch: „Es ist wichtig zu betonen, dass ordnungsgemäß formulierte Verbote von Konversionspraktiken nicht in das Recht eingreifen sollten, einen Glauben zu haben oder eine Meinung zu LGBTI*-Themen zu äußern. Im Gegensatz zur Freiheit, eine Religion zu haben und eine Überzeugung zu vertreten oder nicht, kann das Recht, seine Religion oder Überzeugung zu bekunden, Einschränkungen unterworfen werden, um die Grundrechte anderer zu schützen, wenn diese Einschränkungen gesetzlich vorgeschrieben, in einer demokratischen Gesellschaft notwendig und verhältnismäßig sind.“

Medizinische Diagnosen müssen möglich bleiben

Allerdings räumt Mijatovic auch ein, dass auch mit einem Verbot von Konversionstherapien medizinische und therapeutische Untersuchungen beispielsweise bei Jugendlichen mit der Selbstdiagnose trans weiterhin möglich sein müssen: „Gleichzeitig sollten die Verbote klarstellen, dass sie sich nicht auf Beratungen beziehen, die tatsächlich darauf abzielen, eine Person bei der Erforschung ihrer sexuellen Orientierung und Geschlechtsidentität zu unterstützen.“

Verbot europaweit angedacht

Malta war das erste europäische Land, das 2016 ein Verbot von Konvertierungspraktiken verabschiedete. In Deutschland gibt es seit 2020 ein Verbot von Konversionstherapien, allerdings nur für Minderjährige. Andere Länder wie beispielsweise Frankreich sprachen sich für ein generelles Verbot zum Schutz für alle Menschen aus. Mehrere weitere Verbote werden derzeit von Regierungen in Belgien, Zypern, Finnland, Irland, den Niederlanden, Norwegen, Spanien, der Schweiz und dem Vereinigten Königreich geprüft.

Anzeige
ANZEIGE

QUEERE PRESSESCHAU

Süddeutsche ZeitungVeranstaltung in Garching: Fundamentalistische Hassbotschaften im BürgerhausDER STANDARDMit Troye Sivans "She’s The Best" auf der etwas anderen PartytazRazzien gegen Queers in der Türkei: Finsternis am BosporusGALAJorge González: Schwierige Kindheit in KubaAlle Meldungen ansehen
ANZEIGE

Umfrage der Woche

Sollte die geplante automatische Weitergabe sensibler Daten in Baden-Württemberg verhindert werden?

Choices
Artikel zur Umfrage lesen
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE

Auch Interessant

Frauen und Schwulenpornos

Besonderer Reiz für die Damenwelt

Die Hälfte des Publikums schwuler Pornos auf Pornhub ist inzwischen weiblich. Studien zeigen, warum Frauen Sex zwischen Männern so interessant finden.
Spätes Coming-Out mit 40

Saunabesuche, Sex und Politik

Der bekannte britische Radiomoderator Iain Dale spricht über Homophobie bei den Tories, sein spätes Coming-Out und sein früheres Sexleben.
Polizeieinsatz bei Halk TV

Türkei geht erneut gegen Medium vor

Nach einer Razzia bei Halk TV in der Türkei übernimmt der Staat jetzt die Kontrolle. Die Opposition kritisiert den Eingriff in die Pressefreiheit.
Social-Media-Verbot kommt

Regierung verschärft Jugendschutz

Die Bundesregierung plant strengere Social-Media-Regeln für Minderjährige. Für queere Jugendliche geht es dabei auch um wichtige Schutzräume.
Pentagon-Chef unter Druck

Kritik an US-Verteidigungsminister

Der schwule Demokrat Pete Buttigieg wirft US-Verteidigungsminister Pete Hegseth strategisches Versagen im Iran-Krieg vor und fordert seinen Rücktritt.
Kein Geld mehr für LGBTIQ+

Florida streicht Museumsförderung

Das bekannte LGBTIQ+-Museum in Florida verliert seine Förderung. Die Leitung kritisiert den Einfluss neuer Gesetze und fordert politischen Widerstand.
Kuss-Foto löst Hasswelle aus

Todesdrohung nach Familienfeier

Ein harmloses Kuss-Foto eines schwules Paares löst im Netz homophobe Hetze bis hin zu Todesforderungen aus. Das Paar lässt sich nicht einschüchtern.
Droht ein neues LGBTIQ-Verbot?

Aserbaidschans neue Gesetzespläne

Aserbaidschan soll ein Verbot sogenannter „LGBT-Propaganda“ nach russischem Vorbild planen. Einige Abgeordnete dementieren bisher eher halbherzig.
Kampf um die Ehe

Klage gegen die Slowakei

Zwei in Österreich verheiratete Männer kämpfen vor Gericht um die Anerkennung ihrer Ehe in der Slowakei – und berufen sich auf EU-Recht.