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Leserumfrage // © Tony Marturano
Rubrik

Leserumfrage Sex, Drugs & Alkohol

vvg - 06.03.2020 - 10:00 Uhr
André & Reinhard // © vvg

André: Bis vor sechs Jahren passte sogar Sex, Drugs und Alkohol. Alkohol war der Einstieg, weil meine Familie mich bei meinem Outing ablehnte. Als meine Eltern, aufgrund anderer Probleme, dann noch einen gemeinschaftlichen Suizid begangen haben, den meine Mutter überlebte, riss mir das den Boden unter den Füßen weg. Wie risikoreich sich der Alkoholkonsum bei mir entwickelte, bemerkte ich zunächst gar nicht. Ich ging einer geregelten Arbeit nach und trank auch nicht täglich. Mit 25 Jahren lernte ich meinen Mann Reinhard kennen. Wie viele andere haben wir am Wochenende gefeiert und es ordentlich krachen lassen. Ich konnte, im Gegensatz zu ihm, aber nie ein Ende finden. Ich wollte immer noch eine Steigerung. Das hatte Folgen. Als er sagte, dass es so für ihn nicht weiter ging, holte ich mir Hilfe und unterzog mich einer Therapie. 

Reinhard: Für mich war das natürlich auch nicht leicht, aber ich hatte begriffen, dass er ernsthaft erkrankt war und ärztlich behandelt werden musste. 

André: Als das überstanden war, hatten wir viele Jahre später erneut eine Krise - allerdings aus anderen Gründen. Wir hatten beschlossen uns räumlich erstmal zu trennen. 

Ein Date bei Gayromeo brachte mich zu meiner ersten privaten Sexparty auf der alle möglichen Drogen konsumiert wurden. Als ich die Wirkung bei den anderen sah, wollte ich das auch probieren. Anfänglich fand ich es gigantisch. Ich konsumierte selten, aber wenn dann maßlos. Allerdings folgten schnell massive psychische Probleme. Aufgrund dessen beschloss ich mich wieder in ärztliche Hände zu begeben und bin Mitglied bei SHALK-NRW geworden - eine Selbsthilfegruppe für homosexuelle Menschen. Durch Psychotherapie, Sport und meinem Willen abstinent zu leben, habe ich es geschafft, ein suchtmittelfreies Leben zu führen. Mittlerweile bin ich sogar Nichtraucher.

André & Reinhard aus Essen

Jo & Andy // © vvg

Andy: Wir sind seit 2008 ein Paar und seit 3 Jahren verheiratet. Ich bin seit 12 Jahren trockener Alkoholiker, also ein Jahr bevor wir uns kennen gelernt haben, habe ich meine Entgiftung gemacht. Ich habe mit meinem Mann von Anfang an offen über das Thema gesprochen. Vor Jo hatte ich dreizehn Jahre lang eine Beziehung. Wir lebten im eigenen Haus, aber leider nur noch nebeneinander her. Es gab keinen Sex mehr, ich durfte ihn nicht einmal mehr anfassen. Dadurch fing ich an, meine Gefühle mit Alkohol zu betäuben. Es wurde immer mehr Alkohol, so dass ich am Ende täglich zwei Flaschen Korn brauchte. Mein Tag bestand nur noch aus Arbeit, Trinken und Schlafen – bis ich zum Schluss selbst die Reißleine zog und für vier Monate einen Entzug machte.

Worauf ich heute achte, ist, dass ich keine Produkte wie Zahncreme oder Mundspülung mit Alkohol einkaufe, Da gibt es ja auch Produkte ohne Alkohol. Angst rückfällig zu werden habe ich nicht, weil ich auf mich aufpasse.

Wir sind ja auch in diversen Vereinen, zum Beispiel im Schützenverein. Während die anderen dann beim Schützenfest immer betrunkener werden, fällt es mir schon manchmal schwer, clean zu bleiben, Ich ziehe mich dann zwar zurück, fühle mich aber als Aussenseiter, weil ich nicht mittrinke.

Jo: Ich bin recht locker mit dem Problem umgegangen. Als Andy mir davon erzählte, dass er trockener Alkoholiker ist, hatte ich so etwas schon geahnt, weil er, was Alkohol betraf, immer sehr abstinent war. Er hatte aber auch nie ein Problem, wenn ich mal auf Veranstaltungen allein was trank. Hin und wieder trinken wir auch ein Glas Wein zusammen, Andy natürlich den alkoholfreien.

Jo & Andy aus Kalkar bei Kleve

Marco // © vvg

Eine „Sexsucht“ ist weitaus schneller behauptet, als sie sexualwissenschaftlich festgestellt werden kann. Vor allem Gegner eines liberaleren Umgangs mit Sexualität wähnen oftmals „Sexsucht“, wo keine ist und offenbaren dadurch auch ihre eigene Besessenheit von dem als schmutzig und gefährlich geltenden Sex.

A propos schmutzig: In jeder ‚gesunden‘ Sexualität steckt auch eine perverse, zwanghafte und fetischistische Zutat. Die Frage, wann welches Sexualverhalten als süchtig oder krankhaft gelten soll, ist demnach ziemlich kompliziert. Alle Menschen leiden nämlich phasenweise an ihrer Sexualität oder klagen über eine als dramatisch erlebte zu hohe oder zu niedrige Anzahl der sexuellen Akte. Anzeichen für eine Suchtproblematik, so sagt es der Sexualforscher Volkmar Sigusch, können sein: Die Einschränkung des Lebensalltags durch zwanghafte Sexualisierung, ein süchtiges Erleben, Entzugserscheinungen oder auch eine stark zunehmende Frequenz bei abnehmender Befriedigung. Eine Sucht jedweder Art – Drogen-, Spiel-, Kauf-, Sex- - ist immer auch ein unglücklicher und schädigender Versuch sich zeitweise ins Gleichgewicht zu retten. Hinweise darauf, warum diese Dynamiken entstehen oder psychisch notwendig und quasi sinnvoll werden, lassen sich meist in der Lebensgeschichte, den Konflikten und den Leidenschaften der Betroffenen finden. Wer also derart an seiner Sexualität leidet, kann in Psychotherapie oder Sexualberatung Hilfe suchen – und durchaus wieder zu einem zufriedenstellenden Leben zurückfinden. Die „Schwester“ der Sexsucht ist im Übrigen die Lustlosigkeit. Nicht wenige Menschen leiden an sexueller Unlust oder Funktionsstörungen. Sehr viel oder gar kein Sex – in beidem kann, muss aber nicht, Leidensdruck stecken. Worüber alle – „sexsüchtig“ oder nicht – nachdenken können, ist eine Frage, die sich in modernen sexuellen Verhältnissen deutlicher stellt: Wie viel Leistungsdruck lastet auf der eigenen Sexualität? Und welche Gestalt würde eine schwule Sexualität annehmen, die weniger optimiert, aber umso verfeinerter wäre?

Marco Kammholz, freiberuflicher Sexualpädagoge

Paul // © vvg

Die Suche nach Rausch gehört zum Menschsein. Sei es durch (Extrem-)Sport, Sex oder mithilfe von Rauschmitteln. Schon seit Jahrhunderten berauschen sich Menschen. Es scheint als würden bestimmte Substanzen besonders gut zu unterschiedlichen Menschen „passen“. Das bedeutet, dass Menschen Substanzen nicht zum Spaß, sondern mit spezifischem Ziel bzw. Wirkungserwartung verbunden konsumieren. Was mich im Beruf beschäftigt sind schwule Männer und MSM (Männer, die Sex mit Männern haben und nicht schwul sind), die Substanzen wie Methamphetamin, GBL, Ecstasy, Alkohol und mehr, häufig vor oder während dem Sex konsumieren. Motivationen sind: sie möchten Party machen, Hemmungen fallen lassen, in eine bestimmte Gruppe passen, körperliche und psychische Grenzen überwinden und/oder den Sex intensiver und länger erleben. Das ist nur ein Ausschnitt der Motive. Ein Teil der Männer konsumiert auch, entkoppelt vom Sex, im Arbeitsleben Substanzen, u.a. zur (vermeintlichen) Leistungssteigerung oder als Ventil, um mit Druck und Stress umzugehen.

Viele Menschen können Alkohol und andere Substanzen konsumieren, ohne Probleme zu bekommen. Andere wiederum bemerken, dass der Konsum negative Auswirkungen hat, bspw. auf die Gesundheit, Freundschaften, den Job etc.. Männer, die zur Beratung kommen, haben das Gefühl, dass sich der Konsum schädlich auf ihr Leben auswirkt. Manche haben auch eine Abhängigkeit entwickelt. Dies bemerken sie u.a. daran, dass sie immer mehr konsumieren müssen, sie unter Entzugserscheinungen leiden und/oder der Konsum zum Mittelpunkt des Lebens geworden ist. Das Risiko- oder Gefahrenpotenzial von Substanzen hängt nicht davon ab, ob sie legalisiert oder illegalisiert sind.

In der Aidshilfe Köln bekommen schwule Männer einen Raum, über Konsum und Sex zu sprechen und werden bei der Umsetzung ihrer individuellen Ziele bestmöglich unterstützt. Wir erarbeiten gemeinsam mit ihnen individuelle Lösungsstrategien und sind räumlich mit Arztpraxen, queeren Beratungsstellen, Psychotherapeuten, Selbsthilfegruppen und Reha-Einrichtungen vernetzt.

Paul Hirning, Sozialarbeiter bei der AH Köln

Thomas // © vvg

Angefangen hat alles mit meinem ersten Freund. Ich war 19 und er hat mir gezeigt, dass man auch in einer festen Beziehung nebenbei mit anderen Männern Spaß haben kann, insofern niemand dabei verletzt wird und man ehrlich und offen miteinander umgeht. Wir witzelten damals immer, dass wir wohl sexsüchtig seien, aber es war tatsächlich so. Ohne abwechslungsreichen Sex ist das Leben langweilig, dachte ich mir und fing an, in meiner Freizeit Pornos zu drehen, sowohl vor als auch hinter der Kamera. Endlich hatte ich nicht nur viel Sex mit tollen Typen, sondern konnte diesen auch mit der ganzen Welt teilen - es war einfach mega geil!
Als sei das nicht genug, eröffnete ich mit meinem besten Freund einen eigenen Sexshop und veranstalte monatlich eine sehr freizügige Sex-Party. Eine Party, die genau das richtige Event für Männer wie mich ist. Dort kann ich nun endlich meine Sex-Sucht umfassend befriedigen, denn nirgendwo ist es so freizügig wie dort.
Angefangen hatte es ursprünglich in meiner Wohnung. Mit meinem damaligen Freund organisierten wir unsere Sex-Orgien regelmäßig und das sprach sich sehr schnell herum. Bald waren unsere  Sexpartys so beliebt, dass unsere Wohnung zu klein wurde, für all die vielen Männer und wir mussten unser Event in eine größere Location verlegen. Dort lebe ich nun meine Sex-Sucht in vollen Zügen aus und kann nie genug bekommen.

PreP oder Schutz durch Therapie, erlauben mir heutzutage ein freizügigeres Verhalten beim Ausleben meiner Sexsucht. Welch ein Glück, denn nach meinem Coming Out, wäre das hemmungslose Treiben (auch ohne Kondom), mir womöglich zum Verhängnis geworden.

An alle Sex-Süchtigen: Meldet Euch und lasst uns die Sex-Sucht in vollen Zügen genießen. 

Thomas Firsov aus Köln

Tilly // © vvg

Es gibt wenig, was ich noch nicht ausprobiert habe. Ich bin 1993 wegen einer Beziehung nach Holland gezogen und habe dort gelegentlich einen Joint geraucht. Anfang 2000 kam ich in die Partyszene, wo man an Wochenenden Ectasy wie TicTacs einwarf. Man fühlte sich frei und unbeschwert und das nicht nur beim Sex. Zum Runterkommen rauchte man Gras.

2005 lebte ich in Australien. Mit meinem Freund dort probierte ich „Tina" - Crystal Meths. Da die Freunde im Alltag funktionierten, wollte ich das auch ausprobieren. Die Wirkung hält länger; ich war nie süchtig, aber ich freute mich immer auf das nächste Wochenende. Allerdings merkte ich, dass ich mit dem Zeug anders umgehen musste, weil es über die physische Kraft hinausgeht und einen leer saugt.

Zurück in Holland fehlte mir die Quelle, um an das Zeug zu kommen; also nahm ich lediglich mal Ecstasy und gelegentlich mal MDMA, Speed oder auch Koks. "Tina" kam erst wieder zum Einsatz, als ich mit einem Mediziner befreundet war, dadurch war der Einsatz einer Spritze kein Problem.

Mit LSD - als „Briefmarke“ - erlebte ich vor allem eine bunte Zeit. Heute nehme ich GBL/GHB, am liebsten mit Ananassaft, weil es sich im Gegensatz zur „Tüte" am besten mit Autofahren kombinieren lässt. Die DB benutzt das übrigens, um Graffitis von ihren Waggons abzubekommen.

Mein Rat: Drogen nur nehmen, wenn man damit umgehen kann. Wenn man konsumiert, sollte man bewusst Pausen einlegen. Es muss gewährleistet sein, dass man durch sein Suchtverhalten im Alltag funktioniert. Wenn man die Finger nicht davon lässt und nur konsumiert, spielt man mit seiner Existenz. Ratsam ist: Aufzuschreiben, was man wann (Uhrzeit) eingenommen hat: Sollte ein Notarzt zum Einsatz kommen, können diese Notizen Leben retten.

Tilly aus dem Ruhrpott

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