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Aus für Euro-Pride in Belgrad? „Es ist an der Zeit, zu zeigen, was europäische Werte wirklich sind: Menschenrechte, Demokratie und Gleichheit!“

Von ms - 29.08.2022 - 11:00 Uhr
LGBTI*-Gruppen und Politiker laufen Sturm gegen Absage
Foto: IMAGO / Rainer Unkel
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Die serbische Regierung lässt ihren Drohungen Taten folgen und hat jetzt angekündigt, den Euro-Pride im September in Belgrad nicht stattfinden lassen zu wollen. Präsident Aleksandar Vučić begründete diesen Schritt in Übereinstimmung mit der Mehrheit des serbischen Kabinetts mit den Problemen in seinem Land, unter anderem betonte er dabei die Krisensituation mit dem Nachbarland Kosovo und auch die möglichen Energie- und Lebensmittelengpässe im Zuge des Ukraine-Krieges. Zudem habe er Sicherheitsbedenken, denn viele Organisationen und rechte Gruppen hatten sich, angeheizt durch die orthodoxe Kirche des Landes, ablehnend gegenüber dem Euro-Pride geäußert und eine Absage unter Androhung von Gewalt gefordert. Wortwörtlich sagte der Präsident: "Die Pride-Parade, oder wie auch immer man sie nennen mag, wird verschoben oder abgesagt" – allein diese Formulierung wird nicht als wohlwollende Geste gegenüber der LGBTI*-Community des Landes interpretiert. Bemerkenswert im negativen Sinne ist, dass auch die erste offen lesbische Regierungschefin des Landes, Ana Brnabić, dieser Absage offensichtlich zustimmte. Sie erklärte ihren Schritt damit, dass im Zuge der erhöhten Sicherheitsmaßnahmen in Richtung Kosovo nicht ausreichend viele Polizeikräfte übrig wären, um den Euro-Pride ebenso abzusichern.

Mehrere LGBTI*-Organisationen und internationale Politiker kritisieren diese Entscheidung inzwischen scharf. Das Organisationsteam hat inzwischen angekündigt, dennoch demonstrieren zu wollen. So erklärte Koordinator Marko Mihailović: "Der Staat kann den Euro-Pride nicht absagen - er kann nur versuchen, ihn zu verbieten, was ein klarer Verstoß gegen die Verfassung wäre." Mihailović bekräftigte, dass man am 17. September wie geplant ab 17 Uhr demonstriert werde – auch ohne Zustimmung der serbischen Regierung. Ursprünglich sollte der Euro-Pride zum 30-jährigen Jubiläum eine Woche lang in Belgrad mit zahlreichen Veranstaltungen gefeiert werden. Es wäre das erste Mal gewesen, dass der paneuropäische Pride seit seinem Bestehen im Jahr 1992 in einem Land in Südosteuropa stattgefunden hätte.

Norwegens Außenministerin Anniken Huitfeldt erklärte zu den jüngsten Entwicklungen: „Wir sind alle frei und gleich an Würde und Rechten geboren, und sexuelle und geschlechtliche Vielfalt gibt es in allen Ländern und Gemeinschaften: Ich unterstütze den Euro-Pride weiterhin und ermutige Serbien, den Euro-Pride 2022 in Belgrad zu ermöglichen!“ Sven Lehmann bekräftigte einmal mehr seine Ankündigung, trotzdem weiterhin zum Euro-Pride im September reisen zu werden: „Als Queer-Beauftragter der Bundesregierung bin ich eingeladen, auf der Internationalen Menschenrechtskonferenz beim Euro-Pride in Belgrad zu sprechen. Und natürlich werde ich dort sein und die LGBTIQ-Community in ihrem Kampf für gleiche Rechte unterstützen!“ Auch Rémy Bonny, der Direktor der europäischen LGBTI*-Organisation Forbidden Colours erklärte, dass er auf alle Fälle trotzdem ebenso wie sein Kollege Lehmann zum Euro-Pride nach Belgrad reisen werde: "Das Verbot des Pride in Serbien wurde bereits viermal für verfassungswidrig erklärt. Es steht nicht im Einklang mit den Bestrebungen des serbischen Volkes, der Europäischen Union beizutreten. Das Verbot des Euro-Pride wird Serbien in seinen Verhandlungen mit der EU zurückwerfen. In Zeiten des Krieges sollte keine europäische Nation auf die Desinformationskampagnen der russischen Aggressoren hereinfallen. Es ist an der Zeit, zu zeigen, was europäische Werte wirklich sind: Menschenrechte, Demokratie und Gleichheit. Ich werde nach Belgrad fahren, um den Pride zu feiern - egal, was passiert."

Einzig Zustimmung kommt wenig verwunderlich von Seiten der serbisch-orthodoxen Kirche. Nachdem bereits vor einigen Tagen mehrere tausend homophobe Radikale auf die Straße gegangen waren, versammelten sich auch am gestrigen Sonntag abermals einige tausend Gegner des Euro-Pride auf Belgrads Straßen. Abermals skandierten sie mit Holzkreuzen und Heiligenbildern bewaffnet ihre hasserfüllte Haltung zu Homosexuellen, angefeuert auch durch Bischof Nikanor Bogunović von Banat, der bereits im Zuge der ersten Demonstration gegen die LGBTI*-Community gehetzt hatte und meinte, man müsse das Land von dem “Abschaum“ befreien und wenn er eine Waffe hätte, dann würde er sie jetzt benutzen. Die Pride-Paraden seien eine “Schande“. Gestern Abend dann lobte der hohe Geistliche vor dem Dom des Heiligen Sava die Entscheidung der Regierung, "die Schändung unseres Landes, unserer Kirche und unserer Familie" zu beenden. Die LGBTI*-Community sei eine “Abnormität“ und die Gläubigen müssten sich dieser entgegenstellen, da sie Serbiens Werte zerstören wollen würden. Bis heute ist Serbien ein sehr homophobes Land. Seit 2011 kommt es im Rahmen des normalen CSD in Belgrad immer wieder zu Kontroversen. Zwar ist Homosexualität seit 1994 legal und auch Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung ist seit 2009 verboten, doch noch immer lehnt eine breite Mehrheit der Serben Homosexualität ab und beschimpft es als Sünde. Die jüngste Befragung des Guardians hielt fest, dass 65 Prozent der Einwohner Homosexualität bis heute zudem auch für eine Krankheit halten. Serbien ist seit 2012 offiziell Beitrittskandidat der Europäischen Union.  

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