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Neue Vorwürfe in Turkmenistan Schwuler Mann berichtet von Folter

Von ms - 23.10.2026 - 11:30 Uhr
Neue Vorwürfe in Turkmenistan
Foto: iStock / Joost Potma
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Die Berichte über die Verfolgung homosexueller Menschen in Turkmenistan werden immer erschütternder. Nachdem bereits im Januar dieses Jahres Berichte eine Verschlimmerung der Lage aufzeigten, sind nun weitere Einzelheiten über Zwangseinweisungen schwuler Männer in psychiatrische Einrichtungen bekannt geworden. Der schwule Turkmene Arslan berichtet dabei über ein System, in dem Patienten misshandelt, gedemütigt und junge Waisen offenbar jahrelang festgehalten werden.

Das Wichtigste im Überblick

  • Neue Misshandlungsvorwürfe: Der schwule Turkmene Arslan berichtet von schweren Übergriffen in einer psychiatrischen Einrichtung, in die er gegen seinen Willen eingewiesen wurde.
  • Bereits im Januar bekannt: Über die Verfolgung und Misshandlung schwuler Männer war schon Anfang 2026 berichtet worden. Neue Aussagen beschreiben nun die Zustände innerhalb von Kliniken.
  • Gewalt und Erniedrigung: Patienten sollen gefesselt, mit Medikamenten ruhiggestellt und unzureichend ernährt worden sein. Ein Mann sei gezwungen worden, Urin zu trinken.
  • Ausbeutung junger Waisen: Nach Arslans Angaben wurden volljährige Waisen jahrelang in der Einrichtung festgehalten und ohne Bezahlung zur Arbeit gezwungen.
  • Weitere Zwangseinweisung: Nach seiner Entlassung wurde Arslan zum Militär eingezogen und später erneut in eine psychiatrische Abteilung gebracht.
  • Einvernehmliche sexuelle Handlungen zwischen Männern können in Turkmenistan mit bis zu zwei Jahren Haft bestraft werden.

Haft wegen seiner Homosexualität 

Die neuen Vorwürfe gehen auf eine Recherche des unabhängigen Nachrichtenportals turkmen.news von Mitte Oktober zurück. Arslan war 2021 gegen seinen Willen in eine psychiatrische Einrichtung in der Region Lebap nahe Türkmenabat gebracht worden. Dort sollte er nach eigenen Angaben von seiner Homosexualität „geheilt“ werden. „Was in dieser psychiatrischen Klinik geschah, hatte ich nicht einmal im Gefängnis erlebt“, sagt der Mann, der Turkmenistan inzwischen verlassen hat. Bevor Arslan in die Psychiatrie eingewiesen wurde, hatte er bereits elf Monate in einer Strafkolonie verbracht. Er war nach einer Vorschrift des turkmenischen Strafgesetzbuchs verurteilt worden, die einvernehmliche sexuelle Handlungen zwischen Männern kriminalisiert. 

Seine anschließende Unterbringung in der psychoneurologischen Einrichtung der Region Lebap dauerte eine Woche. Arslan beschreibt das Gebäude als heruntergekommen. Die Holzböden seien abgenutzt gewesen, die Flure kaum beleuchtet und die Toiletten außerhalb des Gebäudes untergebracht. Die Patienten hätten sich überwiegend in Zweibettzimmern aufhalten müssen. Wer gegen die Regeln verstoßen habe, sei teilweise an sein Bett gefesselt worden. Mitunter habe das Personal die Matratzen entfernt, sodass die Betroffenen bewegungsunfähig auf den Metallgestellen liegen mussten. Auch die Bettwäsche sei selbst dann nicht regelmäßig gewechselt worden, wenn sie mit Urin verschmutzt gewesen sei.

Hunger und Drohungen

Die Verpflegung bestand fast ausschließlich aus Suppe und zwei Scheiben Brot. Viele Patienten hätten deutlich unter der mangelhaften Ernährung gelitten. „Einige Patienten, die früher kräftig gebaut waren, hatten drastisch an Gewicht verloren, obwohl sie sich in der Einrichtung kaum bewegten. Die Haut hing ihnen buchstäblich vom Körper.“ Lebensmittel, die Angehörige mitgebracht hätten, seien häufig nicht bei den vorgesehenen Patienten angekommen. Ärzte sollen besonders hochwertige Nahrungsmittel für sich behalten und den Rest anderweitig verteilt haben. Als Arslan seine Entlassung verlangte, weil er keine behandlungsbedürftige Krankheit habe, sollen sechs Mitarbeiter ihn überwältigt und an ein Bett gefesselt haben. „Ich habe versucht, so ruhig wie möglich über meine Rechte zu sprechen und darum zu bitten, dass sie respektiert werden“, berichtete er gegenüber turkmen.news. 

Anschließend habe eine Krankenschwester auf einen anderen Patienten gezeigt und gedroht: „Siehst du diesen Mann? Jetzt geben wir dir eine Spritze, und dann wirst du genauso wie er.“ Viele Patienten seien mit Aminazin behandelt worden, einem Antipsychotikum mit dem Wirkstoff Chlorpromazin. Die Betroffenen hätten teilweise kaum noch sprechen oder sich bewegen können. Den Patienten sei es verboten gewesen, sich frei in den Zimmern zu bewegen, miteinander zu sprechen oder sich hinzusetzen. Nur dreimal täglich hätten sie die Räume zu den Mahlzeiten verlassen dürfen. Innerhalb von fünf Minuten hätten sie essen, die außerhalb gelegenen Toiletten aufsuchen und wieder in ihre Zimmer zurückkehren müssen.

Grausame Demütigungen 

Besonders schwer wiegt Arslans Vorwurf, dass eine Krankenschwester einen Patienten gezwungen habe, Urin zu trinken. Der Mann soll bestraft worden sein, weil er zu viel Lärm gemacht hatte. Die Flüssigkeit habe aus einem Eimer gestammt, den Patienten benutzen mussten, wenn sie die Toiletten nicht erreichen konnten. „Er trank, und man konnte sehen, dass es nicht das erste Mal war, dass sie ihm so etwas antaten“, schilderte Arslan. Er berichtet zudem von einem jungen Mann, der in einer Zwangsjacke fixiert gewesen sei. Ein anderer Patient namens Timur habe ihm erklärt, dass der Mann gefesselt worden sei, weil er sich gekratzt habe. Auch verbale Erniedrigungen seien vorgekommen. Eine Krankenschwester habe einen hilflosen Patienten vor anderen ausgefragt und sexuelle Anspielungen über ihn und seine Angehörigen gemacht, um sich darüber zu amüsieren.

Waisen jahrelang festgehalten

Die Vorwürfe betreffen nicht nur die medizinische Behandlung. Nach Arslans Aussagen wurden in der Einrichtung auch junge Erwachsene festgehalten, die als Waisen zuvor in staatlichen Heimen gelebt hatten. Obwohl sie nach seiner Einschätzung keine psychiatrische Behandlung benötigten, hätten sie ohne Bezahlung Reinigungsarbeiten erledigen, Bettwäsche wechseln und pflegebedürftige Patienten versorgen müssen. Eine Ärztin soll einen der jungen Männer gezwungen haben, ihr ein bis zwei Stunden lang die Füße zu massieren. „Sie waren vollkommen bei klarem Verstand. Aber die Beamten hatten sie unter diesen schrecklichen Bedingungen eingesperrt, um ihnen keine Wohnung zuweisen zu müssen“, erklärte Arslan.

In Turkmenistan haben Waisen mit Erreichen der Volljährigkeit Anspruch auf Wohnraum. Nach Recherchen von turkmen.news wird die Durchsetzung dieses Anspruchs jedoch durch Behördenvertreter und Verantwortliche staatlicher Einrichtungen behindert. Während Arslans Aufenthalt sollen vier junge Männer unter solchen Umständen in der Psychiatrie gelebt haben. Einer von ihnen war Timur, der direkt aus einem Internat in die Einrichtung gebracht worden sei. Dort habe er bereits mehr als zwölf Jahre verbracht. Obwohl Timur an einem schweren Leistenbruch gelitten habe, sei ihm keine angemessene medizinische Versorgung gewährt worden. Die jungen Männer hätten nicht einmal regelmäßig Seife und Zahnpasta erhalten. Sie hätten Hygieneartikel verwenden müssen, die andere Patienten nach ihrer Entlassung zurückgelassen hatten. Besonders beschäftigt Arslan das Schicksal eines damals 18 Jahre alten jungen Mannes. Dieser habe ihm erzählt, dass er die psychiatrische Einrichtung verlassen und seine Ausbildung fortsetzen wolle. „Ich hätte ihm so gern geholfen und verhindert, dass er am Ende sein ganzes Leben dort verbringt wie Timur. Aber was hätte ich tun können? Ich bin sicher, dass er immer noch dort ist. Es tut mir sehr weh, an ihn zu denken.“ Ob sich der junge Mann weiterhin in der Einrichtung befindet, ist nicht unabhängig bestätigt.

Erneut in der Psychiatrie

Nach einer Woche in Lebap wurde Arslan von einer medizinischen Kommission entlassen, die ihn für „geheilt“ erklärte. Anschließend wurde er zum Militärdienst eingezogen. Drei Monate später erfuhren seine Vorgesetzten von seiner Homosexualität und ließen ihn in die psychiatrische Abteilung eines Militärkrankenhauses in der Hauptstadt Aşgabat verlegen. Dort musste er weitere 50 Tage verbringen. Die Bedingungen seien weniger hart gewesen als bei seinem ersten Klinikaufenthalt. Allerdings habe eine Krankenschwester den anderen Patienten seine sexuelle Orientierung mitgeteilt. Daraufhin hätten diese begonnen, ihn zu meiden und sich geweigert, gemeinsam mit ihm an einem Tisch zu sitzen. Am Ende des Aufenthalts beschrieben ihn die Militärärzte als aggressiv und zu Schlägereien neigend. Diese Beurteilung führte zu seiner Entlassung aus dem Militärdienst.

Misshandlungen anzeigen

Nach seiner Entlassung aus der Einrichtung in Lebap habe Arslan zunächst überlegt, die Misshandlungen bei den Behörden anzuzeigen. „Als ich dort herauskam, wollte auch ich alles anzeigen, aber ich wusste nicht, wohin ich gehen oder an wen ich mich wenden sollte. Also bin ich einfach schweigend gegangen.“ Heute hofft er, dass die Einrichtung von unabhängiger Seite überprüft wird. Dabei sollen insbesondere die Versorgung der Patienten und das Schicksal der dort untergebrachten jungen Waisen untersucht werden. Arslan hat Turkmenistan inzwischen verlassen.

Die Verfolgung homosexueller Männer hat in Turkmenistan eine gesetzliche Grundlage. Artikel 133 des Strafgesetzbuchs sieht für einvernehmliche sexuelle Handlungen zwischen Männern Freiheitsstrafen von bis zu zwei Jahren vor. Die Vorschrift stammt ursprünglich aus der sowjetischen Gesetzgebung. Turkmenistan behielt sie nach seiner Unabhängigkeit im Jahr 1991 bei. Auch bei der Reform des Strafgesetzbuchs im Jahr 2022 wurde die Strafbarkeit nicht aufgehoben. Stattdessen senkte die Regierung das Alter der Strafmündigkeit für dieses Delikt von 16 auf 14 Jahre. Sexuelle Handlungen zwischen Frauen werden durch diese Vorschrift nicht kriminalisiert. Neben Turkmenistan hält auch das benachbarte Usbekistan an der Strafbarkeit sexueller Handlungen zwischen Männern fest.

Staatliche Repression

Das US-Außenministerium dokumentierte in seinem Menschenrechtsbericht bereits für 2023 Vorwürfe von Erpressung, Belästigung und erniedrigender Behandlung festgenommener homosexueller Männer durch staatliche Behörden. Human Rights Watch kritisiert dann im World Report 2026 neben der fortbestehenden Kriminalisierung Schwuler auch die weitreichenden Einschränkungen der Meinungs-, Vereinigungs- und Informationsfreiheit. Damit bleiben Betroffene häufig ohne wirksame Möglichkeit, Misshandlungen öffentlich zu machen oder rechtliche Unterstützung zu erhalten. Turkmenistan unterhält zudem weiterhin enge historische und diplomatische Beziehungen zu Russland, verfolgt jedoch offiziell eine Politik der dauerhaften Neutralität. 

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