Alltag in den Niederlanden Neue Studie zeichnet Sorgenbild für LGBTIQ+-Menschen
Eine Mehrheit homosexueller und queerer Menschen in den Niederlanden fühlt sich im öffentlichen Raum unsicher. Das geht aus einer neuen Umfrage des EenVandaag Opinion Panel unter knapp 2.900 LGBTIQ+-Personen hervor. Demnach halten es 70 Prozent für problematisch, ihre sexuelle Orientierung oder Geschlechtsidentität in der Öffentlichkeit offen zu zeigen.
Das Wichtigste im Überblick
- 70 Prozent der befragten LGBTIQ+-Menschen empfinden es als problematisch, ihre Identität in der Öffentlichkeit offen zu zeigen.
- Fast ein Drittel berichtet von Anfeindungen oder Übergriffen im vergangenen Jahr.
- Viele vermeiden aus Angst öffentliche Zuneigungsbekundungen.
- 73 Prozent sehen in der sogenannten „Manosphere“ einen Treiber zunehmender Ablehnung.
- Die Umfrage entstand noch vor dem Anschlag auf den Berliner CSD.
Beschimpfungen sind Alltag
Die Ergebnisse zeichnen nach Einschätzung der Autoren ein ernüchterndes Bild. Fast ein Drittel der Befragten (29 Prozent) gab an, innerhalb des vergangenen Jahres wegen der eigenen sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität einen negativen Vorfall erlebt zu haben. Die Bandbreite reicht von Beleidigungen und abwertenden Kommentaren bis hin zu Drohungen und körperlichen Angriffen. „Beschimpft zu werden, gehört zum Alltag“, berichtete eine lesbische Frau. Sie schilderte, wiederholt von Gruppen Jugendlicher umringt worden zu sein. „Sie versuchen, dir ein Bein zu stellen oder dich vom Fahrrad zu treten.“ Bereits 2024 zeigte eine Studie, dass vor allem unter jungen Menschen die Akzeptanz von Homosexuellen stark zurückgegangen war.
Auch wenn körperliche Übergriffe wie Anspucken, Schläge oder Tritte nach Angaben der Studie seltener vorkommen, verdeutlichten sie die reale Bedrohung, die viele queere Menschen empfinden. Die Angst vor Anfeindungen beeinflusst nach den Ergebnissen auch das Verhalten im Alltag. Viele Befragte erklärten, bewusst auf öffentliche Zuneigungsbekundungen wie Händchenhalten zu verzichten, um keine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen oder Konflikte zu vermeiden. „Ich spreche immer nur allgemein, weil ich meistens nicht das Gefühl habe, offen sagen zu können, dass ich schwul bin, ohne dass daraus ein Thema gemacht wird oder die Leute einen plötzlich anders ansehen“, sagte ein Teilnehmer der Umfrage.
Unsicherheit ist gesellschaftliche Realität
Als Ursachen für die zunehmende Ablehnung nannten viele Befragte religiöse sowie rechtsextreme Ideologien. Zugleich sieht die Studie einen weiteren Einfluss in der sogenannten „Manosphere“, einer Online-Subkultur, die traditionelle und häufig starre Vorstellungen von Männlichkeit und Geschlechterrollen propagiert. 73 Prozent der Befragten sind der Ansicht, dass die wachsende Popularität dieser Bewegung die gesellschaftliche Einstellung gegenüber LGBTIQ+-Menschen negativ beeinflusst.
Trotz der verbreiteten Unsicherheit gaben 40 Prozent der Befragten an, sich frei zu fühlen, mit ihrer Partnerin oder ihrem Partner in der Öffentlichkeit Händchen zu halten. Diese Gruppe beschreibt ihre Haltung als bewusst selbstbewusst und widerständig. „Ich ändere überhaupt nichts. Das ist euer Problem, nicht meines“, erklärte eine lesbische Teilnehmerin. Die Befragung wurde in der Woche vor dem Anschlag während der Pride-Veranstaltungen in Berlin durchgeführt. Nach Einschätzung der Autoren zeigen die Ergebnisse deshalb, dass das Unsicherheitsgefühl vieler queerer Menschen in den Niederlanden nicht auf ein einzelnes Ereignis zurückzuführen ist, sondern eine bereits länger bestehende gesellschaftliche Realität widerspiegelt.