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LGBTIQ+ in der Ukraine
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LGBTIQ+ in der Ukraine Erste Fortschritte trotz Widerstand

ms - 30.07.2026 - 10:30 Uhr
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Die Lage von LGBTIQ+-Menschen in der Ukraine ist von Fortschritten und anhaltenden Problemen geprägt. Zu diesem Ergebnis kommt ein neuer Bericht des Menschenrechtszentrums Nash Svit LGBT Human Rights Center zur sozialen, rechtlichen und politischen Situation der Community in der ersten Hälfte des Jahres 2026.

Das Wichtigste im Überblick

  • Die Menschenrechtsorganisation Nash Svit LGBT Human Rights Center sieht Fortschritte bei LGBTIQ+-Rechten in der Ukraine, aber auch weiterhin Probleme.
  • Ein neuer Entwurf für ein Zivilgesetzbuch sorgt wegen der Definition von „Familienmitglied“ für viel Kritik.
  • Pride-Veranstaltungen fanden in mehreren Städten statt; am Equality March in Kiew nahmen rund 5.000 Menschen teil.
  • Präsident Wolodymyr Selenskyj und die Regierung haben sich öffentlich für gleiche Rechte ausgesprochen.
  • Konservative Kräfte und Teile der Kirchen bremsen weitere gesetzliche Reformen.
  • Zwischen Januar und Juni 2026 wurden 26 Fälle von Homo- oder Transphobie dokumentiert.

Hass-Gesetz in der Kritik 

Die Organisation untersuchte unter anderem Gesetzgebung und Gerichte, staatliche Institutionen, Sicherheitsbehörden, Streitkräfte, Kommunalverwaltungen, Politik und Medien sowie die Haltung von Kirchen und Religionsgemeinschaften. Auch Gewalt, Diskriminierung und andere Menschenrechtsverletzungen wurden erfasst. Nach Angaben von Nash Svit gab es seit Beginn des Jahres 2026 keine wesentlichen gesetzlichen Änderungen beim Schutz von LGBTIQ+-Rechten. Besonders kritisch bewertet die Organisation den Entwurf eines neuen Zivilgesetzbuchs, der von Abgeordneten unter Leitung von Parlamentspräsident Ruslan Stefantschuk in die Werchowna Rada eingebracht wurde.

Der Entwurf sieht eine neue Definition des Begriffs „Familienmitglied“ vor. Kritiker befürchten, dass gleichgeschlechtliche Partner dadurch ausgeschlossen würden. Dies stehe im Gegensatz zum bisherigen Familienrecht, das Familienbeziehungen zwischen gleichgeschlechtlichen Paaren faktisch anerkenne. Zudem greift das Gesetzesvorhaben auch in diversen anderen Punkten die Community direkt an. „Da mehr als 20.000 Änderungsanträge zu dem Gesetzentwurf eingereicht wurden, wird die Abstimmung in zweiter Lesung frühestens im Herbst 2026 oder sogar später erwartet“, heißt es in dem Bericht. Sollte der neue Zivilkodex verabschiedet werden, könnte dies nach Einschätzung der Organisation auch ein weiteres Reformvorhaben verhindern. Dabei geht es um einen Gesetzentwurf zur Einführung eingetragener Partnerschaften für gleichgeschlechtliche Paare. Dieser liegt trotz früherer Unterstützung durch Präsident Wolodymyr Selenskyj weiterhin im Parlament fest. Ob Selenskyj alle seine Versprechen gegenüber LGBTIQ+-Menschen bricht oder doch nicht, ist weiterhin final offen. 

Pride-Veranstaltungen im Fokus 

Bei der öffentlichen Sichtbarkeit der LGBTIQ+-Community verzeichnet Nash Svit dagegen positive Entwicklungen. Pride-Veranstaltungen fanden unter anderem in Kiew, Odessa, Charkiw, Lwiw, Luzk, Dnipro, Winnyzja und Uschhorod statt. Mitte Juni beteiligten sich nach Angaben der Organisation rund 5.000 Menschen am Equality March in Kiew. Damit war die Veranstaltung eine der größten der vergangenen Jahre. Der Bericht hebt hervor, dass Regierung und Präsident mehrfach öffentlich gleiche Rechte für LGBTIQ+-Menschen unterstützt hätten. 

Gleichzeitig komme die Verabschiedung notwendiger Gesetze im Parlament wegen konservativer Abgeordneter und Einflussnahme ultrakonservativer Kirchen nicht voran. In Lwiw habe es Versuche gegeben, eine Pride-Veranstaltung ganz zu verhindern, scheiterte aber. „Wie in Kiew, stellte die Nationalpolizei einen zuverlässigen Schutz der Pride-Veranstaltungen in Lwiw vor ihren aggressiven Gegnern bereit“, schreibt Nash Svit.

Kirchen mit konservativer Haltung

Auch die Rolle religiöser Organisationen untersucht der Bericht. Demnach hätten führende ukrainische Kirchen in den vergangenen Jahren öffentliche Stellungnahmen zu LGBTIQ+-Themen weitgehend vermieden, gleichzeitig aber ultrakonservative Positionen beibehalten und hinter den Kulissen gegen staatliche Schutzmaßnahmen für LGBTIQ+-Menschen gearbeitet. Zugleich verweist der Bericht auf Umfragen unter Gläubigen. Demnach seien die Einstellungen der Bevölkerung deutlich offener als die Positionen vieler Kirchenleitungen. Die Zustimmung zu einem Verbot von Diskriminierung gegen LGBTIQ+-Menschen lag laut den Daten bei 81 Prozent unter Christen ohne Kirchenzugehörigkeit, 78 Prozent unter Gläubigen der Orthodoxen Kirche der Ukraine (OKU), 72 Prozent unter Anhängern der Ukrainisch-Orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats (UOK-MP), 71 Prozent unter griechischen Katholiken und 44 Prozent unter Protestanten.

Unterstützung aus der Gesellschaft 

Die Einführung eingetragener Partnerschaften für gleichgeschlechtliche Paare unterstützten demnach 63 Prozent der konfessionslosen Christen, 56 Prozent der OKU-Anhänger, 44 Prozent der UOK-MP-Gläubigen, 46 Prozent der griechischen Katholiken und 25 Prozent der Protestanten. Auch bei der Frage nach Adoptionsrechten für gleichgeschlechtliche Paare gab es Zustimmung: 54 Prozent unter konfessionslosen Christen, 47 Prozent unter OKU-Anhängern, 41 Prozent unter UOK-MP-Gläubigen, 37 Prozent unter griechischen Katholiken und 17 Prozent unter Protestanten. „Es kann festgestellt werden, dass Gläubige der größten Konfessionen der Ukraine hinsichtlich der Anerkennung und des Schutzes der Rechte von LGBTIQ+-Menschen Ansichten vertreten, die typisch für die ukrainische Gesellschaft insgesamt sind“, erklärten die Autoren.

Fälle von Homo- und Transphobie

Auch Gewalt und Diskriminierung bleiben laut Bericht allerdings ein Problem. Das Beobachtungsnetzwerk von Nash Svit dokumentierte zwischen Januar und Juni 2026 insgesamt 26 Fälle von Homo- oder Transphobie. Bei einer Veranstaltung zur Förderung ukrainischer Kulturprodukte als Alternative zu russischen Inhalten, die häufig mit Anti-LGBTIQ+-Propaganda verbunden sind, äußerte sich Selenskyj auf eine Frage eines queeren Aktivisten. „Ich glaube, wir müssen offen mit der Gesellschaft über alles sprechen, und das ist absolut normal. Wir sind alle hier mit euch, wir verteidigen den Staat, wir sind gleich und wir haben absolut gleiche Rechte — unabhängig von irgendwelchen, ich weiß nicht, Vorurteilen von Menschen aus dem 15. Jahrhundert. Du und ich sind moderne Menschen“, so der ukrainische Präsident.

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