Aktivist Craig Rodwell Stonewall, Harvey Milk und der erste New Yorker CSD 1970
Craig Rodwell zählt zu den bedeutendsten Persönlichkeiten der modernen LGBTIQ+-Bürgerrechtsbewegung. Der schwule Aktivist gründete nicht nur die weltweit erste Buchhandlung für lesbische und schwule Literatur, sondern spielte auch eine entscheidende Rolle bei den Stonewall-Unruhen und organisierte den ersten Pride-Marsch. Weggefährten schreiben ihm zudem einen prägenden Einfluss auf den späteren Bürgerrechtler Harvey Milk gehabt zu haben. Trotzdem kennen ihn nur wenige. Zu seinem Todestag im Juni vor 33 Jahren wird seiner nun in den USA vielerorts gedacht.
Das Wichtigste im Überblick
- Craig Rodwell gründete 1967 die erste lesbisch-schwule Buchhandlung der Welt.
- Er beeinflusste nach Angaben von Weggefährten den späteren Bürgerrechtler Harvey Milk maßgeblich.
- Während der Stonewall-Unruhen 1969 gehörte Rodwell zu den prägenden Aktivisten.
- Er organisierte 1970 den Christopher Street Liberation Day, aus dem die heutigen Pride-Paraden hervorgingen.
- Rodwell starb 1993, sein Vermächtnis prägt die LGBTIQ+-Bewegung bis heute.
Flucht nach New York
Rodwells Weg begann unter schwierigen Bedingungen. Bereits als Jugendlicher lebte er offen homosexuell – in einer Zeit, in der Homosexualität gesellschaftlich geächtet und strafrechtlich verfolgt wurde. Mit 14 Jahren wurde er 1954 festgenommen, nachdem ihn die Polizei mit einem deutlich älteren Mann in einem Park in Chicago aufgegriffen hatte. Das Treffen war Teil seiner Flucht aus einem schwierigen Elternhaus mit einem homophoben Stiefvater. 1959 zog Rodwell mit einem Ballettstipendium nach New York und ließ sich in Greenwich Village nieder, wo sich damals eine wachsende homosexuelle Gemeinschaft entwickelte.
Beziehung mit Harvey Milk
1961 lernte Rodwell den späteren Politiker und Schwulen-Aktivisten Harvey Milk kennen. Die beiden wurden ein Paar. Milk lebte damals noch nicht offen homosexuell, während Rodwell bereits selbstbewusst zu seiner Identität stand. Die Beziehung zerbrach jedoch nach weniger als einem Jahr. Nachdem Rodwell 1962 während einer Drag-Veranstaltung im Jacob Riis Park festgenommen und im Gefängnis von einem Wärter misshandelt worden war, suchte er Trost bei Milk. Dieser beendete die Beziehung aus Sorge, selbst durch Rodwells Aktivismus zu einem Coming-Out gedrängt zu werden. Freunde und Weggefährten berichteten später, Rodwells Offenheit und politisches Engagement hätten Harvey Milk nachhaltig geprägt und ihn auf seinem Weg zu einem der bekanntesten Kämpfer für die Rechte homosexueller Menschen beeinflusst.
Erste homosexuelle Buchhandlung der Welt
In den 1960er Jahren wollte Rodwell einen Ort schaffen, an dem sich Lesben und Schwule informieren, austauschen und organisieren konnten. Damals galten homosexuelle Menschen in vielen US-Bundesstaaten rechtlich als sogenannte „Sexualpsychopathen“. Zudem wurden Betroffene häufig sogenannten Konversionstherapien unterzogen. Am 24. November 1967 eröffnete Rodwell deshalb den Oscar Wilde Memorial Bookshop in New York – die erste ausschließlich lesbischer und schwuler Literatur gewidmete Buchhandlung der Welt.
Der Laden unterschied sich bewusst von den damaligen Schwulenbars. Es gab keine verdunkelten Fenster, keine versteckte Identität und keine Pornografie. Stattdessen standen Bücher, Essays, Magazine und politische Schriften im Mittelpunkt. Die Buchhandlung entwickelte sich rasch zu einem Treffpunkt der Community. Aktivistinnen und Aktivisten organisierten dort Treffen, Kampagnen und Diskussionen. Menschen aus den gesamten USA und aus dem Ausland reisten an oder bestellten Literatur per Post.
Schlüsselfigur bei Stonewall
Als die Polizei am 28. Juni 1969 das Stonewall Inn in Greenwich Village durchsuchte und Gäste sich erstmals massiv zur Wehr setzten, gehörte Rodwell zu den Menschen vor Ort. Während der Proteste rief er den Slogan „Gay Power!“, der für viele zu einem Symbol der entstehenden Bürgerrechtsbewegung wurde. Später erinnerte sich Rodwell: „Es war einfach alles, was zusammenkam – einer dieser Momente der Geschichte, in denen man, wenn man dabei war, wusste, dass wir genau auf diesen Augenblick gewartet hatten.“ Noch in derselben Nacht informierte er die New York Times über die Ereignisse und verfasste anschließend einen Flugzettel mit der Überschrift: „Holt die Mafia und die Polizei aus den Schwulenbars heraus.“ Rund 5.000 Exemplare wurden am nächsten Tag verteilt und trugen dazu bei, weitere Proteste auszulösen und Stonewall über New York hinaus bekannt zu machen.
Der erste Pride-Marsch
Nach den Unruhen brachte Rodwell Aktivistinnen und Aktivisten zusammen und organisierte eine Demonstration zum ersten Jahrestag von Stonewall. Der Christopher Street Liberation Day fand Ende Juni 1970 statt und gilt als erster Pride-Marsch der Geschichte. Anders als viele öffentliche Veranstaltungen jener Zeit verzichtete die Demonstration bewusst auf Kleidervorschriften oder andere Einschränkungen. Küssen und Tanzen waren ausdrücklich erwünscht. Geplant wurde die Veranstaltung im Oscar Wilde Memorial Bookshop. Bereits im folgenden Jahr nahmen Schätzungen zufolge rund 50.000 Menschen daran teil.
Bedrohungen und bleibendes Vermächtnis
Der Erfolg brachte Rodwell jedoch auch Anfeindungen ein. Rechtsextreme beschmierten die Buchhandlung mit Hakenkreuzen, wiederholt gingen Morddrohungen gegen ihn und seine Mitarbeiter ein. Zeitweise musste Sicherheitspersonal eingesetzt werden. Der Oscar Wilde Memorial Bookshop inspirierte zahlreiche weitere homosexuelle und queere Buchhandlungen weltweit. Craig Rodwell starb 1993 im Alter von 51 Jahren an Magenkrebs. Die Buchhandlung schloss 2009 endgültig ihre Türen.
Schon 1973 schrieb Rodwell über seine Motivation: „Auch wenn die vergangenen viereinhalb Jahre für mich finanziell nicht besonders erfolgreich waren, ist die persönliche Zufriedenheit und Freude darüber, unser Volk dabei zu sehen, wie es sich erhebt und die Ketten abwirft, die uns seit Jahrhunderten gefesselt haben, Belohnung genug.“ Heute gilt Rodwell als einer der wichtigsten Wegbereiter der modernen LGBTIQ+-Bewegung. Seine Ideen leben in Pride-Paraden, queeren Kulturzentren und LGBTIQ+-Buchhandlungen weltweit weiter.