Hasswelle in Italien Aktivisten schlagen Alarm: Angriffe gegen LGBTIQ+ nehmen zu
Heute vor zehn Jahren am 5. Juni 2016 bekamen homosexuelle Paare in Italien erstmals die Möglichkeit, ihre Partnerschaften rechtlich absichern zu lassen. Die Forderungen nach einer richtigen Ehe für alle wurden seitdem kontinuierlich lauter, doch blieben weitestgehend ungehört. Im Gegenteil sogar: Jetzt zum Jubiläum zu Beginn des Pride Monats sehen sich LGBTIQ+-Organisationen in Italien mit einer zunehmenden Welle von Hasskommentaren und Anfeindungen im Internet konfrontiert. Aktivisten berichten von einer deutlich aggressiveren Stimmung in sozialen Netzwerken als in den vergangenen Jahren.
Das Wichtigste im Überblick
- Italien feiert zehn Jahre Partnerschaftsgesetz für Schwule und Lesben.
- LGBTIQ+-Organisationen berichten derweil aktuell von einer wachsenden Welle von Hasskommentaren im Umfeld der Pride-Veranstaltungen.
- Die Organisation Arcigay veröffentlichte Beispiele und Profilbilder von Personen, die homophobe Kommentare hinterlassen hatten. Rund 2.000 Hasskommentare wurden dokumentiert.
- Auch in Städten wie Turin, Imperia und Lecco melden Aktivisten verbale Angriffe und Hetze.
- Betroffen sind nicht nur Organisationen und Pride-Veranstalter, sondern auch Privatpersonen aus der Community.
- Als mögliche Ursachen werden politische Polarisierung und gezielte Desinformation genannt.
Verbale Attacken zur Pride-Saison
Beleidigende Kommentare unter Beiträgen mit Bezug zu queeren Themen sind zwar seit einiger Zeit bekannt, Beobachter verweisen jedoch darauf, dass sich die Tonlage in den letzten Tagen noch einmal deutlich verschärft habe. Gerade während der Pride-Saison würden Kommentarspalten häufig zu Schauplätzen von Homo-, Bi- und Transfeindlichkeit. Hinter Bildschirmen fühlten sich viele Nutzer offenbar sicher genug, um Äußerungen zu verbreiten, die sie im direkten persönlichen Kontakt möglicherweise nicht tätigen würden. In Italien finden in diesem Jahr mehr als 70 Pride-Veranstaltungen statt. Die starke Präsenz der LGBTIQ+-Community im öffentlichen Raum sorgt nach Einschätzung von Aktivisten für wachsende Sichtbarkeit, ruft aber zugleich verstärkt Gegenreaktionen hervor.
Die größte italienische LGBTIQ+-Organisation Arcigay veröffentlichte deshalb als Reaktion und Hilferuf einen besonderen Beitrag und zeigte darin Profilbilder und Kommentare von Nutzern, die unter einem Pride-Beitrag des nationalen Arcigay-Sekretärs Gabriele Piazzoni beleidigende und diskriminierende Äußerungen veröffentlicht hatten. Nach Angaben der Organisation wurden dabei rund 2.000 Hasskommentare dokumentiert. „Der Hass trägt keine Tarnkleidung. Er hat keine entstellten Gesichter. Er trägt saubere Hemden, Profilbilder mit den eigenen Kindern und ein freundliches Lächeln. Hass ist die Nachbarin aus dem Stockwerk über dir. Er ist der Kollege, der dich jeden Tag grüßt. Er ist das Elternteil, dem du im Park begegnest“, so ein Sprecher von Arcigay.
Tausende Hass-Kommentare
Die veröffentlichten Kommentare reichen von allgemeinen Beleidigungen bis hin zu offenen Gewaltfantasien. Ein Nutzer wünschte LGBTIQ+-Menschen, sie mögen ertrinken. Andere bezeichneten sie unter anderem als „Idioten“, „Abfall“ oder „Widerlich“. Weitere Kommentare lauteten etwa „In Sparta versuchte man, Fehler zu korrigieren“, „Keine Anal-Fähnchen mehr!“ oder „Für mich sieht das wie eine Epidemie aus“. Zeitgleich meldeten Organisatoren des Torino Pride einen weiteren Vorfall. Die Co-Koordinatorin der Veranstaltung, Chiara Tarantello, wurde nach Angaben der Organisatoren während einer Zugfahrt Ziel homophober Beschimpfungen. Demnach hatte ein Mann ein Telefongespräch Tarantellos über die Organisation des Pride in Turin mitgehört und anschließend lautstark gegen die Veranstaltung und die Aktivistin gehetzt.
Die Gefahr sei nach Angaben der Organisation landesweit sehr groß, dass der verbale Hass wie hier am Beispiel auch in reale Gewalt umschlägt oder diese andere bewegt, gewalttätig zu werden. Auch aus anderen Städten werden ähnliche Vorfälle gemeldet. Pierluca Viani von Arcigay Imperia berichtete von zahlreichen homophoben Kommentaren unter Beiträgen zum Sanremo Pride. „Wir verschicken inzwischen Schreiben über einen Anwalt, weil einige der Beleidigungen wirklich schwerwiegend sind“, erklärte Viani.
Unter Beiträgen zum Lecco Pride fanden sich ebenfalls zahlreiche beleidigende Aussagen. Nutzer schrieben unter anderem: „Geht lieber Gräben und Straßen säubern“, „Verkleidete Clowns“ oder „Die Pride-Veranstaltungen sind eine Schande für alle Italiener“. Andere Nutzer propagierten die sogenannte „Remigration“ oder verbreiteten Aussagen wie „Wo Verfall herrscht, gibt es auch Pride“. Ein weiterer Kommentator schrieb öffentlich sichtbar: „Was für eine beschissene Stadt“.
Angriffe von Privatpersonen
Nach Angaben von Aktivisten beschränkt sich die Hetze dabei nicht mehr nur auf bekannte Organisationen oder Veranstalter. Auch Privatpersonen geraten zunehmend ins Visier. Als Beispiel wird der junge römische Aktivist Alfredo Arciero genannt. Er veröffentlichte am 1. Juni einen Beitrag zum Pride Monat und erhielt daraufhin zahlreiche beleidigende Nachrichten. Ein Nutzer schrieb unter anderem, LGBTIQ+-Menschen seien „pervers“ und wünschte ihnen „AIDS für alle“. Ein anderer bezeichnete Arciero als „Fehlgeburt der Natur“ und forderte ihn auf, sich behandeln zu lassen, um von dieser angeblichen „Krankheit“ geheilt zu werden.
Ursachen der Hasswelle
Warum die Zahl solcher Kommentare derzeit zunimmt, ist nach Ansicht von Beobachtern schwer eindeutig zu beantworten. Als mögliche Faktoren werden verschiedene Entwicklungen genannt. Kritiker verweisen auf die Lockerung von Moderationsregeln auf Plattformen des Meta-Konzerns. Diese habe dazu beigetragen, dass Hasskommentare weniger konsequent entfernt würden.
Zudem wird auf den Einfluss autoritärer Staaten hingewiesen, die mit Hilfe von Bots und technischen Instrumenten gezielt Desinformation und gesellschaftliche Spaltung fördern könnten. Auch die politische Entwicklung in Italien wird als möglicher Faktor genannt. Queere Aktivisten sehen in den Debatten der vergangenen Jahre über Minderheitenrechte und gesellschaftspolitische Themen einen Beitrag zu einer Verschärfung des gesellschaftlichen Klimas gegenüber LGBTIQ+-Menschen.
Für queere Organisationen zeigt die aktuelle Entwicklung vor allem eines: Trotz wachsender gesellschaftlicher Sichtbarkeit und einer steigenden Zahl von Pride-Veranstaltungen bleibt die Bekämpfung von Homo-, Bi- und Transfeindlichkeit eine zentrale Herausforderung – gerade auch zum zehnjährigen Jubiläum des Partnerschaftsgesetzes. Bis 2024 haben rund 24.300 Paare davon Gebrauch gemacht, durchschnittlich kommen jährlich rund 3.000 weitere hinzu.