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Shigellose in der Community

Shigellose in der Community Mediziner verzeichnen Anstieg der Infektionsfälle

ms - 19.05.2026 - 10:00 Uhr
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Medizinische Fachleute in den USA beobachten eine zunehmende Verbreitung der bakteriellen Infektion Shigella unter Männern, die Sex mit Männern (MSM) haben. Experten führen dies unter anderem auf bestimmte sexuelle Praktiken, häufigere Testungen und verbesserte Diagnosen zurück. Zugleich warnen sie vor Stigmatisierung und betonen die Bedeutung von Aufklärung und Prävention. Auch in Europa und Deutschland gehen die Fallzahlen der Infektionen nach oben. 

Das Wichtigste im Überblick

  • Medizinische Fachleute beobachten eine zunehmende Verbreitung der bakteriellen Infektion Shigella unter schwulen und bisexuellen Männern.
  • Die Erkrankung wird über kleinste Fäkalpartikel übertragen und kann auch beim Sex weitergegeben werden.
  • Experten warnen vor antibiotikaresistenten Varianten der Infektion.
  • Ärzte raten zu mehr Aufklärung statt Panik oder Stigmatisierung.
  • Hygiene, Tests und zeitweiser Verzicht auf Sex bei Symptomen gelten als wichtigste Schutzmaßnahmen.
  • In Europa und Deutschland steigen die Fallzahlen der Erkrankungen mit dem Bakterium seit 2022 an. 

Erschöpfung, Fieber, Durchfall

Der US-amerikanische Gastroenterologe Carlton Thomas berichtete von einer eigenen Erkrankung nach einem Besuch einer Schwulenbar in Fort Lauderdale. Wenige Tage nach Oralverkehr in einem Darkroom habe er unter schwerem Durchfall, Dehydrierung, extremer Erschöpfung und hohem Fieber gelitten. Als Magen-Darm-Arzt habe er die Symptome schnell erkannt. Ursache sei Shigella gewesen, eine bakterielle Infektion, die über Fäkalien übertragen wird – etwa durch verunreinigtes Wasser, ungewaschene Hände oder bestimmte sexuelle Kontakte mit Beteiligung von Mund und Analbereich. Thomas erklärte, er habe schließlich blutigen Durchfall entwickelt und Infusionen benötigt, bevor eine Behandlung mit dem Antibiotikum Azithromycin erfolgt sei. Die Beschwerden hätten sich innerhalb eines Tages gebessert. „Ich hatte großes Glück“, sagte er. „Es fühlte sich an, als würde ich sterben.“ 

Gefährliche resistente Varianten

Shigella ist seit dem 19. Jahrhundert bekannt und trat früher vor allem bei Kindern in Betreuungseinrichtungen auf. In den vergangenen Jahren wurden jedoch zunehmend antibiotikaresistente Varianten festgestellt. Laut einem Bericht der US-Gesundheitsbehörde CDC werden resistente Fälle inzwischen häufiger bei erwachsenen schwulen und bisexuellen Männern gemeldet. Demetre C. Daskalakis, medizinischer Leiter des Callen-Lorde Community Health Center, erklärte, bestimmte sexuelle Netzwerke und Praktiken könnten die Übertragung begünstigen.

Sexuelle Praktiken begünstigen Ansteckung

„Wir sehen höhere Meldezahlen bei Männern, die Sex mit Männern haben, vor allem weil bestimmte sexuelle Netzwerke Praktiken wie Rimming beinhalten, die eine fäkal-orale Übertragung begünstigen können“, sagte Daskalakis. „Männer, die Sex mit Männern haben, werden außerdem häufiger auf Bakterien und Parasiten getestet, die Durchfallerkrankungen verursachen, und tauchen deshalb häufiger in den Statistiken auf.“ Zugleich warnte er davor, die Zahlen falsch zu interpretieren. „Was fehlt, sind Unterdiagnosen in anderen Bevölkerungsgruppen, fehlende Routinetests und Stigmatisierung, die Menschen davon abhält, medizinische Hilfe zu suchen“, sagte Daskalakis. 

Daten zur Krankheitsüberwachung spiegelten häufig auch den Zugang zum Gesundheitssystem und das Vertrauen in medizinische Einrichtungen wider. Nach Einschätzung von Experten besteht kein Anlass für Panik oder sozialen Rückzug. Vielmehr gehe es darum, Risiken zu kennen und Übertragungen zu vermeiden. „Wir leben in einer Zeit von PrEP und U=U, und inzwischen gibt es sogar DoxyPEP zur Verringerung des Risikos für Chlamydien und Syphilis“, sagte Thomas. „Menschen fühlen sich freier, mehr Sex zu haben, was großartig ist. Das bringt allerdings auch gewisse Risiken mit sich.“

Gruppensex, Darkrooms und Sexpartys

Die Infektion wird über mikroskopisch kleine Fäkalpartikel übertragen. Dadurch kann sie nicht nur über Wasser oder mangelnde Hygiene weitergegeben werden, sondern auch bei sexuellen Kontakten. Nach Angaben von Thomas herrscht häufig der Irrglaube, eine Ansteckung sei ausschließlich beim sogenannten Rimming möglich. „Mit dem Anstieg von Gruppensex in Badehäusern, Darkrooms und auf Sexpartys habe ich den Eindruck, dass vielen nicht bewusst ist, dass man sich auch anstecken kann, wenn man Oralverkehr mit jemandem hat, der zuvor ungeschützten Sex hatte und sich nicht ausreichend gereinigt hat“, sagte er. „Das passiert viel häufiger, als die meisten denken.“

Lange Infektionszeit über Wochen

Auch nach erfolgreicher Behandlung könnten Infizierte noch mehrere Wochen ansteckend bleiben. „Ich glaube, dass sich die meisten Infektionen genau auf diese Weise verbreiten, weil viele Menschen behandelt werden, keine Symptome mehr haben und dann sofort wieder Sex haben“, sagte Thomas. Die Behandlung richtet sich nach dem Schweregrad der Erkrankung. In vielen Fällen stehen Flüssigkeitszufuhr und Rehydrierung im Mittelpunkt. Schwere Verläufe können zusätzlich mit Antibiotika behandelt werden. „Die meisten Fälle benötigen keine antibiotische Behandlung, außer es handelt sich um schwere Verläufe oder Menschen mit geschwächtem Immunsystem“, erklärte Daskalakis.

Als wichtigste Schutzmaßnahmen nennen Experten konsequente Hygiene und einen verantwortungsvollen Umgang mit Symptomen. „Prävention bedeutet vor allem, mehrere Schutzmaßnahmen zu kombinieren“, sagte Daskalakis. „Händewaschen mit Seife und Wasser – besonders nach dem Toilettengang oder vor dem Essen – ist sehr wichtig.“ Thomas empfiehlt insbesondere bei Gruppensex zusätzliche Vorsicht. „Man sollte nicht passiv analen Sex haben – insbesondere nicht ungeschützt in Gruppensituationen – oder sich oral stimulieren lassen, wenn man kürzlich Darmprobleme hatte oder gerade erst behandelt wurde“, sagte er. „Man kann noch mehrere Wochen ansteckend sein – mindestens zwei Wochen.“

Entwicklung in Europa und Deutschland

In Europa steigen die Fallzahlen seit einigen Jahren an, insbesondere bei MSM sowie in Großstädten. Gesundheitsbehörden wie das European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC) beobachten dabei vor allem antibiotikaresistente Varianten mit Sorge. Im Jahr 2022 wurden über 4.100 Fälle bestätigt, besonders betroffen waren neben Kindern Männer zwischen 25 und 44 Jahren. Das ECDC weist ausdrücklich darauf hin, dass sexuelle Übertragungen unter schwulen und zu diesem Anstieg beigetragen haben könnten. 

In Deutschland ist Shigellose laut Robert Koch-Institut weiterhin vergleichsweise selten, allerdings zeigen einzelne Städte deutliche Anstiege. Besonders auffällig ist die Entwicklung in Berlin. Dort wurden 2024 insgesamt 212 Fälle registriert – mehr als doppelt so viele wie zwischen 2015 bis 2019. Im ersten Halbjahr 2025 wurden bereits 153 Fälle gemeldet. 88 Prozent der Erkrankten waren Männer. Das Berliner Landesamt für Gesundheit verweist ebenfalls auf eine europaweite Häufung unter Männern, die Sex mit Männern haben. Zusätzlich beobachten europäische Behörden seit Ende 2022 mehrere grenzüberschreitende Ausbrüche mit multiresistenten oder sogar extrem resistenten Shigella-Stämmen. 2024 wurden Fälle unter anderem in Belgien, Deutschland, Irland, Dänemark und den Niederlanden gemeldet, teilweise im Zusammenhang mit internationalen Fetisch- und Sexfestivals. 

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