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Studie zu sexuellem Missbrauch

Studie zu sexuellem Missbrauch Untersuchung belegt systematisches Versagen der Kirche

ms - 19.05.2026 - 11:00 Uhr
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Eine wissenschaftliche Untersuchung erhebt jetzt schwere Vorwürfe gegen den früheren Düsseldorfer Pfarrer und Sexualberater Hans Georg Wiedemann. Der Theologe soll über Jahre hinweg Männer sexuell und spirituell missbraucht haben. Die Studie wurde in Düsseldorf vorgestellt. Die Ökumenische Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche (HuK) unterstützte die Studie intensiv und betont, es handele sich um „systematischen Macht- und geistlichen Missbrauch mit sexualisierter Gewalt, vorrangig an Erwachsenen, aber auch an Minderjährigen.“

Das Wichtigste im Überblick

  • Eine wissenschaftliche Studie wirft dem evangelischen Pfarrer Hans Georg Wiedemann über Jahre sexuellen und spirituellen Missbrauch vor.
  • Fünf erwachsene Männer berichten von sexualisierten Übergriffen und Machtmissbrauch.
  • Die Evangelische Kirche im Rheinland spricht von „schwerwiegendem institutionellen Versagen“.
  • Die Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche (HuK) spricht von „systematischen Macht- und geistlichen Missbrauch“, übt scharfe Selbstkritik und betreibt aktiv Aufarbeitung.
  • Die Forscher sehen die Taten im Zusammenhang mit kirchlichen und gesellschaftlichen Strukturen der damaligen Zeit.
  • Wegen des Todes Wiedemanns im Jahr 2015 ist eine juristische Aufarbeitung nicht mehr möglich.

Missbrauch über viele Jahre

Demnach berichteten fünf erwachsene Männer von unterschiedlichen Formen sexualisierter Gewalt und sexueller Übergriffe durch Wiedemann. Die Vorfälle sollen sich teils über mehrere Jahre erstreckt haben. Wiedemann war von 1973 bis 2001 Pfarrer der evangelischen Markusgemeinde in Düsseldorf. Bundesweit galt er als progressive Stimme für die Anerkennung homosexueller Menschen innerhalb der Kirche. Laut der Untersuchung habe der Theologe, der auch als Sexualberater und Autor tätig war, seine Autorität missbraucht, „um mithilfe seiner ideologischen Vorstellungen einer ‚befreiten Sexualität‘ sexualisierte Grenzüberschreitungen und Gewalt zu normalisieren“.

Die Vizepräses der Evangelische Kirche im Rheinland, Antje Menn, sprach von einem „schwerwiegenden institutionellen Versagen“ der Kirche. Daraus müsse gelernt werden. Nach Angaben der Studie schildern die Betroffenen sexuelle Handlungen gegen ihren Willen. Diese hätten von „Küssen bis hin zu dem Versuch, Geschlechtsverkehr herbeizuführen und zu Masturbation in Anwesenheit der Betroffenen“ gereicht.

Die Untersuchung beschreibt sowohl einmalige Vorfälle als auch langjährige Missbrauchserfahrungen. Ein Betroffener habe nach eigenen Angaben über einen Zeitraum von fünf Jahren sexualisierte Gewalt erlebt. Zusätzlich berichtete eine weitere Person, als Jugendlicher im Umfeld der Markusgemeinde sexualisierte Gewalt durch andere Täter erfahren zu haben.

Mehr als ein isoliertes Fehlverhalten

Für die Studie führten die Autoren Johanna Sigl und Sebastian Hempel der Hochschule RheinMain Interviews mit Betroffenen, Angehörigen und Zeitzeugen. Zudem wurden Akten ausgewertet. „In allen geschilderten Situationen agierte Wiedemann in seiner Rolle als Pfarrer oder Sexualberater und nutzte seinen Handlungsspielraum machtmissbräuchlich aus“, schreiben die Autoren. Untersucht wurden Fälle aus den frühen 1980er- bis zu den späten 1990er-Jahren. Die Forscher gehen jedoch davon aus, dass es weitere Betroffene geben könnte.

Sigl erklärte, die Untersuchung zeige zudem, dass sexualisierte Gewalt nicht nur „als isoliertes Fehlverhalten einzelner Personen verstanden werden kann, sondern in spezifische kirchliche, gesellschaftliche und sexualpolitische Kontexte eingebettet ist“. Die Studie stellt außerdem eine Nähe Wiedemanns zu Helmut Kentler fest. Kentler, der 2008 starb, hatte pädosexuelle Positionen vertreten. Einer Untersuchung der Universität Hildesheim zufolge stand er im Zentrum eines Netzwerks, das sexuelle Gewalt in der Kinder- und Jugendhilfe gedeckt habe.

Kirche vertuschte erste Hinweise 

Laut Sigl sei die öffentliche Erinnerung an Wiedemann „bis heute überaus positiv besetzt“. Dieses Bild wolle die Studie nun um eine weitere Perspektive ergänzen. Eine strafrechtliche Aufarbeitung der Vorwürfe ist nicht mehr möglich, da Wiedemann bereits 2015 starb. Nach Angaben der Forscher waren erste Vorwürfe gegen ihn bereits 2011 bekannt geworden. Diese seien von der Kirche jedoch zunächst nicht weiter verfolgt worden. Die Autoren bewerten dies als „Hinweis auf die teils lückenhafte institutionelle Aufarbeitung“.

„Als Kirche tragen wir Verantwortung dafür, dass solche Taten durch unsere Strukturen nicht nur nicht verhindert, sondern begünstigt wurden“, sagte Vizepräses Menn. Viel zu oft seien Betroffene nicht ernst genommen worden und stattdessen „auf Wegsehen, Nichtglauben und Schweigen“ gestoßen. Die Kirche rief weitere mögliche Betroffene dazu auf, sich zu melden. Der Düsseldorfer Superintendent Heinrich Fucks erklärte, Entsetzen und Scham über die neuen Erkenntnisse seien groß. Wiedemann sei innerhalb der damaligen kirchlichen Debatten eine „leuchtende Figur“ gewesen. Zugleich räumte Fucks „folgenschwere Versäumnisse“ des Kirchenkreises ein. Die Studie habe zudem gezeigt, dass sich die Aktenführung des Kirchenkreises in einem „desolaten Zustand“ befinde. Nach Angaben von Sigl sei deshalb keine vollständige Rekonstruktion der Ereignisse möglich gewesen.

Deutliche Selbstkritik der HuK 

Die Ökumenische Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche (HuK) übt nach den neusten Erkenntnissen deutliche Selbstkritik und erklärte: „Die HuK erkennt ihr institutionelles Versagen an: Durch Verharmlosung, Wegsehen und Plattformbietung für Thesen, die Wiedemann und andere Pädoaktivisten unter anderem in der Mitgliederzeitschrift bis Mitte der 1990er veröffentlichen konnten, wurde sexualisierte Gewalt ermöglicht. Die HuK hat als Teil (sexual-)reformerischer Kräfte der Schwulenbewegung der Bundesrepublik die Augen verschlossen vor Machtverhältnissen in sexuellen Beziehungen; sie hat das Leben homosexueller Beziehungen generell begrüßt. Kritische Stimmen, besonders aus der Frauenbewegung, wurden nicht gehört.“

Seit 1997 ist es inzwischen in der HuK Konsens, dass es keine einvernehmliche Sexualität zwischen Kindern und Erwachsenen geben kann. Seit 2021 arbeitet die Gruppe ihre Schuldgeschichte auf. Zu den aktuellen Maßnahmen zählen zudem Präventions- und Schutzkonzepte gegen sexualisierte Gewalt sowie der Aufruf an Betroffene und Zeitzeugen, sich zu melden. Zu dem Fall hält die HuK abschließend fest: „Es handelte sich nicht um einzelne Verfehlungen, sondern um fortgesetztes Handeln. Ein Dunkelfeld muss angenommen werden.“

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