Schwules China Die neue heimliche Hauptstadt der Community
In China ist das Leben für homosexuelle Menschen nach wie vor stark eingeschränkt, immer wieder attackiert die Regierung vor allem Schwule und Lesben, doch in Chengdu existieren inzwischen vergleichsweise offene Räume für die Community. Die Stadt in der Provinz Sichuan wird wegen ihrer lockeren Atmosphäre und der lebendigen homosexuellen Szene oft als „heimliche LGBT-Hauptstadt“ Chinas bezeichnet.
Entspannter schwuler Lifestyle
Der 20-jährige Architekturstudent Kuan erzählt so gegenüber der NZZ, dass er in Chengdu ohne Angst mit seinem Partner öffentlich Händchen halten kann. „Ich habe in Chengdu als schwuler Mann noch nie schlechte Erfahrungen gemacht“, sagt er. Seine Freunde, Professoren und sogar seine Eltern wissen von seiner sexuellen Orientierung, was in China nach wie vor die Ausnahme ist. „Ich habe Glück, dass ich in Chengdu geboren bin“, fügt er hinzu.
Chengdu ist für seine Pandas, scharfes Essen und eine entspannte Lebensart bekannt. Die Stadt gilt als gelassener als Schanghai und weniger stark politisiert als Peking. Teehäuser sind nach wie vor zentrale soziale Treffpunkte, in denen ältere Menschen Mahjong spielen, Freunde sich unterhalten und Schriftsteller arbeiten. Zugleich hat sich in Chengdu eine lebendige homosexuelle und queere Szene entwickelt: Bars, Clubs und Veranstaltungsorte in umgebauten Industriegebieten dienen als Treffpunkte für die LGBTIQ+-Community. Insgesamt rund 21 Millionen Menchen leben in der Stadt, Vielfalt ist geboten.
Toleranz im Geheimen
Bao Hongwei von der Universität Nottingham betont, dass die Offenheit in Chengdu historisch gewachsen sei und durch pragmatische lokale Verwaltungspraktiken unterstützt werde. „Diese Toleranz entsteht jedoch unter ganz normalen Menschen im Alltag, nicht durch den Staat.“ Rechtliche Schutzmechanismen existieren allerdings auch hier nicht, politische Aktivisten werden unterdrückt, Pride-Events sind verboten und Debatten über Ehe für alle nicht möglich.
Laut dem 30-jährigen Anwalt Zhang Yong hängt die Toleranz auch mit der starken Rolle von Frauen in Sichuan zusammen. „Frauen haben im Familienalltag oft eine starke Stellung, männlicher Machismo ist weniger ausgeprägt als in anderen Regionen Chinas. Das schafft ein Umfeld, das insgesamt toleranter ist.“ Gleichzeitig gelte die Devise: „Nicht auffallen.“ Homosexuelle Bars und Clubs bleiben oft unauffällig, und wenn eine Einrichtung geschlossen wird, eröffnet schnell eine andere. In Chengdu finden Drag-Shows, Cosplay-Events und feministische Lesezirkel statt.
Sichtbarkeit in der Gesellschaft
Gesellschaftliche Akzeptanz endet indes häufig innerhalb der Familie: Viele junge Lesben und Schwule trauen sich nicht, ihren Eltern von ihrer Sexualität zu erzählen, weil von ihnen erwartet wird, eine Familie zu gründen. Kuan berichtet, dass sein Vater ihn unterstütze, während seine Mutter noch hofft, er werde irgendwann eine Beziehung mit einer Frau eingehen. Trotz staatlicher Repression existiert homosexuelles Leben in Chengdu im Alltag, in Clubs und privaten Räumen. Kuan schätzt die Stadt besonders, weil sie es erlaubt, offen als homosexuelle oder queere Person zu leben. „Es ist genau das, was ich an der Stadt so liebe: die Selbstverständlichkeit, mit der wir LGBTIQ+-Menschen hier sichtbar sind.“