Hamlet in Stücken Shakespeares Meisterwerk am Deutschen Schauspielhaus
Frank Castorf inszeniert Shakespeares „Hamlet“ am Deutschen Schauspielhaus
Worin sich gemeinhin das Hamlet-Klischee fokussiert, des wohl berühmtesten Dramas der Weltliteratur, ist der Hamletvers „So macht Bewusstsein Feige aus uns allen“ - gespiegelt in Pasolinis „Erkenntnis macht mich bang“ aus dem Gedicht „Supplica a mia madre.“ Gemeint ist, dass ein hoher Bewusstseinsgrad nicht ins Handeln kommen lässt, die sog. Hamletkrankheit. Von der kann jedoch in Frank Castorfs Hamburger Inszenierung nicht die Rede sein, obwohl Paul Behrens Hamlet oft allein nachdenklich auf der Bühne sitzt.
Im dekonstruierten „Hamlet“ Castorfs eröffnet der falsche Hamlet (Jonathan Kempf) aus Heiner Müllers „Hamletmaschinen“-Delir vom Untergang der Welt die sechsstündige Vorstellung. Damit ist der Ton gesetzt. Dann schwimmen alle Schauspieler durch die die ganze Bühne bedeckenden Styroporbriketts. Sie schwimmen also förmlich in Kohle und das Symbol des Kapitalismus leuchtet in Form einer Coke-Reklame an einem Mast, an dem in Spiegelschrift außerdem die Lettern von „Europe“ angebracht sind. Nur noch ein grauer Bunker mit Sehschlitz komplettiert das Endzeit-Bühnenbild vor schwarz-weißer Wolkenkulisse. Nach kurzer Verhandlung, wer den Hamlet Shakespeares nun geben darf, wird dieser dann, immer wieder unterbrochen, in Stücken geboten, wobei Teile des vierten Akts fehlen und der fünfte ganz.
Königsmord in Dänemark
Der Prinz von Dänemark erhält vom Geist seines Vaters den Auftrag, den Königsmord an ihm zu rächen, ein Mord, der von Hamlets Onkel Claudius (Josef Ostendorf) zwecks Usurpation begangen wurde. Mutter Gertrud (Angelika Richter) und Claudius sind nun das neue Königspaar Dänemarks. Hamlet wird zwar nicht seinen Onkel töten, dafür aber Polonius (Daniel Hoevels), welcher der Vater seiner Freundin Ophelia (Lilith Stangenberg) ist. Und dies nicht eher aus Versehen wie noch bei Shakespeare, sondern indem er ihm auf offener Bühne und vor den Augen seiner Mutter entschlossen den Hals durchschneidet. Zuvor hatte er ihn noch – ein Zitat aus Pasolinis „Salò“ – in ein gespicktes Brötchen beißen lassen. So reiht sich Hamlet in die Gewaltspirale dieser Welt ein, und er selbst wird, wie man am Schluss durchblicken lässt, einem Auftragsmord zu Opfer fallen. „Ich musste erst grausam sein, um gut zu sein“, rechtfertigt Hamlet sein Tun.
„Frauenliebe ist kurz“, heißt es an einer Stelle. Und so ist es auch bei Hamlet und Ophelia: extreme Anziehung und Abstoßung halten sich die Waage, sodass unterm Strich von Liebe keine Rede sein kann, nur von Begehren. Der intensivere Kuss allerdings gilt einem Mann: Hamlet küsst seinen Freund Horatio (Matti Krause), der jedoch da gerade in einer anderen Rolle steckt.
Ritt durch die Geistesgeschichte
Wie erwähnt, wird die Storyline neben der „Hamletmaschine“, die fast vollständig rezitiert wird, aufgebrochen durch einen Ritt durch die abendländische Geistesgeschichte. Als erkennbare Autoren werden geboten Dante und Artaud, als Themen Tim Renner, Castorf himself in selbstherabsetzendem Witz, Pyrrhus und Priamos der Aeneis, Ungarnaufstand 1956 und und und, dass das Theater wie die Pest wirken soll, was etwas subtiler ist als Peymanns Ausspruch vom „Reißzahn im Arsch der Mächtigen“, aber auf das gleiche hinauslaufen dürfte.
Von besonders digressiver Wichtigkeit scheint Castorf der Prometheu-Mythos zu sein, denn er wird zweimal angerissen. Nach Prometheus‘ 3000 Jahre währenden Befreiung durch Herakles, begingen die Götter Selbstmord. (In der Lage befindet sich übrigens aktuell immer noch der Mensch.) Shakespeares notorische Warnung vor dem menschlichen Selbstmord findet sich auch in „Hamlet“ wieder und wird von der Regie nicht ausgeschlagen.
Was auf keinen Fall unerwähnt bleiben darf, sind die unglaublichen Leistungen der wunderbaren Schauspieler. Pars pro toto sei Paul Behrens nölige Stimmenimitation Josef Ostendorfs erwähnt und sein Tanz zu Bibi Jones „Auf Jamaika schenken abends die Matrosen“.
Last, but not least: die unzähligen Kostüme von elegant bis fetischisierend, mit Madonna und David Bowie-Zitaten, sind wie von Anthony Vaccarello (Adriana Braga Peretzki). Unbedingt bis zu Schluss durchhalten, wenn Hamlet in schwarzer Low-Waist-Hose und grauem Slip zu sehen ist. Einfach sexy und zum Anbeten schön.