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Warnung von Kevin Kühnert
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Warnung von Kevin Kühnert Nach CSD-Anschlag wächst die Sorge vor falscher Sicherheit

ms - 03.08.2026 - 12:00 Uhr
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Nach dem Anschlag auf den Christopher Street Day (CSD) in Berlin sieht der frühere SPD-Spitzenpolitiker Kevin Kühnert (37) die queere Community mit der Frage konfrontiert, wie sicher bereits erreichte gesellschaftliche Fortschritte tatsächlich sind. In einem Gastbeitrag der Süddeutschen Zeitung schreibt Kühnert: „Queerfeindlichkeit war in unserer Gesellschaft mehrheitsfähig und folglich kann sie es wieder werden.“

Das Wichtigste im Überblick

  • Kevin Kühnert beschreibt die gesellschaftliche Öffnung für queere Menschen als weniger sicher, als sie lange erschien.
  • Der frühere SPD-Generalsekretär warnt davor, dass Queerfeindlichkeit wieder mehrheitsfähig werden könnte.
  • Der Angriff auf den CSD in Berlin habe die Verletzlichkeit der queeren Community sichtbar gemacht.
  • Kühnert schildert persönliche Erfahrungen als schwuler Mann und beschreibt alltägliche Vorsichtsmaßnahmen.

Alles gut? Mitnichten!

Seit dem Angriff auf den Berliner CSD sei viel diskutiert und gefordert worden, so Kühnert. Die Debatten folgten dabei häufig bekannten Erzählungen und festen Vorstellungen. „An der Realität gefährdeter Menschen ändert all das: nichts.“ Kühnert, Jahrgang 1989 und schwul, beschreibt, dass ihm lange vermittelt worden sei, die zentralen Kämpfe um sexuelle Selbstbestimmung seien bereits von früheren Generationen geführt und gewonnen worden. Er verweist dabei auf die historische Verfolgung queerer Menschen: auf Unterdrückung durch Religionen, die Verfolgung durch die Nationalsozialisten, die strafrechtliche Verfolgung homosexueller Menschen, die Pathologisierung durch internationale Institutionen sowie die gesellschaftliche Ausgrenzung während der Aids-Krise.

Die eigene Generation habe durch die „Gnade der späten Geburt“ geglaubt, von diesen Erfahrungen weitgehend verschont zu bleiben. Kühnert erinnert daran, dass gesellschaftliche Veränderungen sichtbar wurden: durch Filme von Rosa von Praunheim, öffentliche Coming-Outs von Hape Kerkeling und Alfred Biolek, den Umgang von Lady Diana mit einem Aids-Kranken sowie durch politische Entwicklungen wie das Lebenspartnerschaftsgesetz und schließlich die Ehe für alle. „Ende gut, alles gut. Oder? Leider nicht“, so der 37-Jährige weiter. 

Alltag bleibt von Vorsicht geprägt

Anlässe wie der Angriff auf den Berliner CSD würden ihn daran erinnern, „wie wir Schwule, Lesben und Queers (…) uns ein Leben mit Umleitungen gebaut haben“. Viele dieser Anpassungen seien oft unbewusst entstanden, um bekannte Gefahren zu vermeiden. Kühnert beschreibt eigene Erfahrungen im Alltag. Er halte in der Öffentlichkeit nicht die Hand seines Partners und erkläre sich selbst, dies sei „einfach nicht mein Ding“. Vor einem Kuss in der Öffentlichkeit überprüfe er grundsätzlich die Umgebung. Auch bestimmte Orte wie Volksfeste mit hohem Alkoholkonsum oder manche Urlaubsregionen kämen für ihn als erkennbares schwules Paar nicht infrage – ausdrücklich auch einige in Deutschland.

„Alles, was für die Mehrheit gedankenlose Normalität ist, ist für uns mit einem Risiko behaftet, das unsere Identität betrifft und das wir nicht selbst kontrollieren können.“ Die Ursache liege nicht im Verhalten queerer Menschen, schreibt Kühnert weiter: „Denn wir machen ja keine Probleme. Wir bekommen aber welche, wenn andere entscheiden, dass sie etwas an uns stört.“ Gleichzeitig betont er, dass er diese Situation als Bürger eines Landes beschreibt, in dem die rechtlichen Bedingungen für queere Menschen im internationalen Vergleich deutlich besser seien. 

Kämpfe sind nicht vorbei 

Die Vorstellung, die entscheidenden gesellschaftlichen Kämpfe seien endgültig gewonnen, bezeichnet Kühnert aber als eine problematische Entwicklung. „Das Gefühl, die wesentlichen Kämpfe seien endgültig gewonnen, entspringt einer fatalen Kollusion.“ Aus dem Wunsch von Teilen der queeren Gemeinschaft, endlich in einer „ersehnten langweiligen Normalität“ anzukommen, sei die gemeinsame Selbsttäuschung entstanden, gesellschaftliche Öffnung entwickle sich automatisch und dauerhaft in eine Richtung. Mit Blick auf den Attentäter Abdul Ballout schreibt Kühnert außerdem weiter: „Der Attentäter Abdul B. hat keinen gesellschaftlichen Konsens aufgekündigt, dazu hatte er gar nicht die Macht.“ Die Tat erinnere die queere Gemeinschaft jedoch daran, wie verletzlich ihr gesellschaftlicher Status weiterhin sei.

Kevin Kühnert wurde 1989 in Bonn geboren und trat 2005 in die SPD ein. Er wurde bundesweit als Vorsitzender der Jusos bekannt und war von 2021 bis 2025 Generalsekretär der SPD. Von 2021 bis 2025 gehörte er dem Deutschen Bundestag an. Kühnert lebt offen schwul und sprach wiederholt öffentlich über seine Erfahrungen als schwuler Politiker. Im Oktober 2024 gab er seinen Rückzug vom Amt des SPD-Generalsekretärs und seinen Verzicht auf eine erneute Bundestagskandidatur aus gesundheitlichen Gründen bekannt. Nach seinem Rückzug übernahm er bei der überparteilichen NGO „Bürgerbewegung Finanzwende“ die Position als Lobbyist für alternative Finanzpolitik. Zudem verfasst er als Autor eine Kolumne für das Musik- und Kulturmagazin Rolling Stone. 

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