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Mord auf den Philippinen Offene Fragen im Fall der toten trans* Aktivistin Kai Sorem

Von ms - 02.10.2026 - 10:30 Uhr
Militär tötet trans* Aktivistin
Foto: iStock / Alexpunker
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Der Tod der 26-jährigen trans* Aktivistin Kai Sorem bei einem Militäreinsatz auf den Philippinen hat jetzt Forderungen nach einer unabhängigen Untersuchung ausgelöst. Zugleich wirft der Fall Fragen nach den besonderen Gefahren auf, denen queere Umwelt- und Menschenrechtsaktivisten ausgesetzt sind.

Das Wichtigste im Überblick

  • Die 26-jährige trans* Aktivistin Kai Sorem aus Seattle wurde am 19. April auf der philippinischen Insel Negros getötet.
  • Bei dem Militäreinsatz in Toboso starben insgesamt 19 Menschen, darunter neun Zivilisten, drei davon queer. 
  • Sorem engagierte sich für Bauern und ländliche Gemeinschaften und war Mitglied der philippinischen Jugendbewegung Anakbayan.
  • Eine Untersuchungskommission kam jetzt zu dem Ergebnis, dass Sorem und weitere Opfer unbewaffnete Freiwillige waren. 
  • Der Fall lenkt den Blick auf die besondere Gefährdung queerer Umwelt- und Menschenrechtsaktivisten.
  • Angehörige und Aktivisten fordern eine unabhängige Untersuchung der Todesfälle. 
  • Die philippinische Regierung bezeichnete den Militäreinsatz als „erfolgreich“ abgeschlossen. 

19 Tote bei Militäreinsatz

Sorem, eine philippinisch-amerikanische Aktivistin aus South Seattle, engagierte sich bei Anakbayan, einer demokratischen philippinischen Jugendbewegung. Im Sommer 2025 reiste sie erstmals auf die Philippinen. Auf der Insel Cebu arbeitete sie mehrere Wochen mit Bauern zusammen und half in Hilfsküchen für Menschen, die durch Überschwemmungen vertrieben worden waren. „Kai wollte wirklich verstehen, was unser Volk durchmacht“, sagte ihre Freundin und Mitstreiterin Poppy. „Das war ihr so wichtig.“ 

In diesem Jahr kehrte Sorem auf die Philippinen zurück. Auf der Insel Negros wollte sie mit Zuckerrohrbauern und Plantagenarbeitern arbeiten und von ihnen lernen. In der Küstengemeinde Toboso war sie gemeinsam mit Journalisten, Aktivisten, Anwälten und Studenten unterwegs und half bei landwirtschaftlichen Arbeiten. Am frühen Morgen des 19. April hörten Bewohner des Ortsteils Salamanca Schüsse in der Nähe eines Fischteichs. Tage später wurde berichtet, dass bei dem Militäreinsatz 19 Menschen ums Leben gekommen waren, darunter neun Zivilisten. Sorem gehörte zu den Toten. 

Untersuchung widerspricht Darstellung 

Sorems Familie reiste anschließend nach Negros, um ihren Leichnam abzuholen. Ihr trans* Geschwister PJ berichtete, die Familie sei während ihres Aufenthalts überwacht worden und habe Orte teilweise wegen der Anwesenheit bewaffneter Kräfte schnell verlassen müssen. „Dass ein Polizist dich beobachtet, während du über dem Leichnam deiner Schwester weinst, ist entsetzlich“, sagte PJ. „Ich hatte mich noch nie zuvor auf diese Weise vom Staat überwacht gefühlt.“ Anfang Mai untersuchten 117 Vertreter lokaler, nationaler und internationaler Organisationen die Ereignisse in Toboso. Dabei kam das Team jetzt zu dem Ergebnis, dass bei dem Einsatz zehn Mitglieder der kommunistischen New People's Army (NPA) getötet worden seien. Interviews mit Bewohnern hätten jedoch bestätigt, dass Sorem, der ebenfalls aus den USA stammende Aktivist Lyle Prijoles und weitere getötete Zivilisten unbewaffnete Freiwillige gewesen seien.

Nach dem Geschehen wurden Sorem und die acht weiteren getöteten Zivilisten laut der Untersuchungskommission von der philippinischen Regierung mit sogenanntem „Red-Tagging“ belegt. Dabei werden Menschen öffentlich als Terroristen oder Mitglieder der NPA bezeichnet. Human Rights Watch zufolge steht ein Großteil dieser Praxis mit staatlichen Akteuren in Verbindung.  „Sie kriminalisieren Umweltaktivisten, sie kriminalisieren Menschenrechtsverteidiger und sie kriminalisieren Menschen, die für das Richtige eintreten“, sagte Yell Teresa, Sprecherin des philippinischen LGBTIQ+-Bündnisses Bahaghari. „Das Thema Gewalt gegen LGBTIQ+-Menschen ist untrennbar mit der Gewalt verbunden, die dem philippinischen Volk angetan wird.“ 

Risiken für queere Aktivisten

Sorems Tod lenkt zugleich den Blick auf LGBTIQ+-Menschen, die sich für Umwelt- und Menschenrechte einsetzen. Auch die mit ihr getöteten Landrechtsaktivistin Maureen Santuyo und der Community-Journalist RJ Ledesma waren queer. Während Gewalt gegen Umweltschützer international seit Jahren dokumentiert wird, fehlen nach Darstellung der der Organisation OUT for Sustainability (OFS) Daten darüber, in welchem Ausmaß queere Aktivisten besonders betroffen sind. Dadurch sei oftmals nicht feststellbar, ob Menschen wegen ihrer sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität ins Visier genommen würden oder weil sie als Aktivisten in einem gefährlichen Umfeld arbeiteten.  „Es besteht ein doppeltes Risiko, queer und gleichzeitig Umweltaktivist zu sein“, so Diego de León von OFS. Dieses Risiko werde „nicht unbedingt von anderen marginalisierten Gemeinschaften geteilt“. 

Die SOGIESC Climate Alliance, ein Zusammenschluss von Organisationen, Wissenschaftlern und Aktivisten, hat den Vereinten Nationen inzwischen fünf spezifische Risiken für LGBTIQ+-Umweltschützer genannt. Dazu zählen rechtliche Hindernisse, der Ausschluss von Konsultationen, strukturelle Unsichtbarkeit sowie „stigmabedingte Gewalt und Belästigung“. Freunde, Aktivisten und einige Politiker fordern deswegen nun eine unabhängige, unparteiische und glaubwürdige Untersuchung der Todesfälle von Toboso. Die philippinische Regierung lobte den Militäreinsatz dagegen als „erfolgreich“ und sieht ihn offensichtlich als abgeschlossen. Für Sorems Angehörige bleiben Monate nach ihrem Tod zahlreiche Fragen offen. Auf den Philippinen sind gleichgeschlechtliche Beziehungen zwar legal, doch LGBTIQ+-Personen sind viel Diskriminierung und Gewalt ausgesetzt, ein landesweites Antidiskriminierungsgesetz fehlt bis heute.

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