Kühnert in Leitungsfunktion Von der Politik zur Bürgerbewegung
Kevin Kühnert (36) übernimmt eine neue Aufgabe außerhalb der Parteipolitik. Wie die Deutsche Presse-Agentur erfuhr, wechselt der 36-Jährige zur Bürgerbewegung Finanzwende und wird dort den Bereich Steuern, Verteilung und Lobbyismus verantworten. Der Verein war einst vom früheren Grünen-Finanzpolitiker Gerhard Schick gegründet worden, um der etablierten Finanzlobby ein Gegengewicht entgegenzustellen.
Mammutprojekt für Kühnert
Kühnert hatte sich in den vergangenen Jahren immer wieder mit Forderungen nach weitreichenden Veränderungen im Finanz- und Wirtschaftssektor zu Wort gemeldet und Debatten über sozialistische Ansätze angestoßen. Nun will er in neuer Funktion an diesen Themen weiterarbeiten. „Finanzwende ist auf dem besten Weg, ein effektives Gegengewicht der Finanzlobby zu werden – und ich möchte aktiv dazu beitragen, dass dieses Mammutprojekt gelingt“, erklärte er. Die Unterschiede in finanziellen Ressourcen beeinflussten zunehmend auch politische Machtverhältnisse, so Kühnert.
Der neue Aufgabenbereich des ehemaligen SPD-Spitzenfunktionärs deckt sich mit seinen bisherigen politischen Schwerpunkten. „Extreme Ungleichheit verbaut nicht nur Lebenschancen. Sie verzerrt auch zunehmend Debatten in Medien und Politik“, sagte er. „Reichtum wird weltweit immer offener als Machtinstrument missbraucht.“ Der Verein, den Kühnert als stark und parteiunabhängig lobt, hat seinen Sitz in Berlin-Schöneberg und zählt mehr als 17.000 Mitglieder.
Arbeit an neuer Bürgerbewegung
Vorstand Gerhard Schick zeigte sich erfreut über den Neuzugang. „Als ich Finanzwende gegründet habe, hätte ich nicht unbedingt erwartet, dass hier mal ein ehemaliger SPD-Generalsekretär arbeitet – gemeinsam mit einer ehemaligen Oberstaatsanwältin wie Anne Brorhilker und mit sehr vielen anderen engagierten Menschen.“ Der Verein befinde sich demnach auf dem Weg, eine breit aufgestellte Bürgerbewegung zu werden; Kühnerts Stelle sei eine von 15 neu geschaffenen Positionen. Brorhilker, zuvor Oberstaatsanwältin in Köln, war 2024 zu Finanzwende gekommen.
Kühnert war von 2017 bis Anfang 2021 Vorsitzender der SPD-Jugendorganisation Jusos. 2018 hatte er erstmals öffentlich über seine Homosexualität gesprochen. Bei der Bundestagswahl 2021 gewann er das Direktmandat im Berliner Wahlkreis Tempelhof-Schöneberg und wurde wenig später als erster offen schwuler Politiker zum SPD-Generalsekretär berufen. Im Herbst 2024 gab er das Amt aus gesundheitlichen Gründen ab. Für die Bundestagswahl 2025 trat er nicht mehr an und beendete mit dem Ende der Legislatur seine politische Laufbahn.
In einem Gespräch mit der Zeit erläuterte Kühnert, welche Faktoren zu diesem Entschluss geführt hatten. „Meine rote Linie ist da, wo Gewalt in der Luft liegt. Ich bin nur 1,70 Meter groß“, sagte er. Dauerhafte Drohungen von rechts seien zwar belastend gewesen, aber entscheidender sei für ihn gewesen, dass die Gesellschaft extremistischen Kräften nicht entschlossen genug entgegentrete, während deren politischer Einfluss wachse.