Direkt zum Inhalt
Vorfall bei CSD Hamburg
ANZEIGE

Vorfall bei CSD Hamburg Unterschiedliche Schilderungen nach Streit um Pride-Flagge

ms - 07.08.2026 - 08:30 Uhr
Loading audio player...

Nach einem Polizeieinsatz am Rande des Christopher Street Day (CSD) in Hamburg stehen sich die Darstellungen eines Betroffenen und der Polizei diametral gegenüber. Der 41-jährige Dmitrii Chunosov wurde in der Europa Passage festgenommen, nachdem es zum Streit über das Tragen einer Regenbogenflagge gekommen war. Während die Polizei ihm aggressives Verhalten und Widerstand vorwirft, sprechen Chunosov und mehrere Zeugen von einer entwürdigenden Behandlung.

Das Wichtigste im Überblick

  • Nach einem Vorfall am Hamburger CSD erhebt ein Betroffener schwere Vorwürfe gegen Polizei und Sicherheitsdienst.
  • Die Polizei spricht von aggressivem Verhalten und Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte.
  • Der Mann schildert eine entwürdigende Behandlung und kündigt rechtliche Schritte an.
  • Gegen den 41-Jährigen wird unter anderem wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte ermittelt.

Verbot von Regenbogenflaggen

Der Vorfall ereignete sich nach der CSD-Demonstration am 1. August. Chunosov wollte nach eigenen Angaben gemeinsam mit seinem Ehemann Ivan Yartsev und mehreren Freunden in der Europa Passage essen gehen. „Wir sind in die Europa Passage zu McDonald’s gegangen“, berichtet er. Während zwei Mitglieder der Gruppe Essen bestellten, soll ein Sicherheitsmitarbeiter einen Freund der Gruppe wegen einer umgebundenen Regenbogenflagge angesprochen haben. Hazeem Saksak schildert den Vorfall so: „Der Security kam an und meinte: ‚Mit dieser Flagge darfst du nicht hier sein, raus!‘ In diesem Tonfall.“

Chunosov, der vor zwölf Jahren aus Russland nach Hamburg zog, mischte sich nach eigenen Angaben ein. „In Deutschland und gerade am CSD hätte ich damit nie gerechnet“, sagt er gegenüber dem Hamburger Abendblatt. „Ich setze mich seit 20 Jahren für LGBTIQ+-Rechte ein. Ich verstecke meine Regenbogenfahne nicht.“ Es entwickelte sich eine Diskussion mit dem Sicherheitsdienst. Chunosov verlangte nach eigenen Angaben, einen Vorgesetzten zu sprechen oder einen schriftlichen Nachweis für ein angebliches Flaggenverbot zu erhalten. Stattdessen sei lediglich ein weiterer Sicherheitsmitarbeiter hinzugekommen.

Streit eskaliert im Einkaufszentrum 

„Ich konnte mir nicht vorstellen, dass er recht hat, und dachte, das ist wahrscheinlich einfach eine blöde, homophobe Eigeninitiative der Mitarbeiter“, so Chunosov. Er holte daraufhin seine eigene Regenbogenflagge aus der Tasche, legte sie sich um und verständigte die Polizei. „Ich ging davon aus, dass sie kommen und uns helfen würden.“ Der Centermanager der Europa Passage, Karsten Bärschneider, hatte bereits am Sonntag nach dem Vorfall erklärt, dass es keine Anweisung gegeben habe, Pride-Flaggen in dem Einkaufszentrum zu verbieten.

Nach Darstellung von Chunosov und seinen Begleitern stellten sich die zunächst eintreffenden vier Polizeibeamten jedoch auf die Seite des Sicherheitsdienstes. Es sei erneut über die Regenbogenflagge diskutiert worden. Anschließend hätten die Beamten Verstärkung angefordert. „Ab dem Moment war alles wie in einem schlechten Horrorfilm“, schildert Chunosov weiter. Nach Angaben mehrerer Augenzeugen seien zehn bis 15 weitere Polizisten sowie ein Diensthund hinzugekommen. Chunosov begann, den Einsatz mit seinem Mobiltelefon zu filmen. „Sonst glaubt mir doch keiner, dass ich hier wegen einer Regenbogenflagge rausgeschmissen werde.“

„Sie haben Dmitrii an die Wand geschoben und die Hände gefesselt mit Handschellen“, berichtet Hazeem Saksak. „Später haben sie ihn dann mit Kabelbindern gefesselt.“ Auch Saksak fühlt sich durch den Vorfall an seine Vergangenheit erinnert. „Es war ein riesiger Schock. Ich habe mich gefühlt, als wäre ich zurück in Syrien.“ Chunosov weist dabei die Gewaltvorwürfe zurück. „Ich habe nur gefilmt und mein Handy festgehalten. Ich habe keine Gewalt angewendet.“ Mehrere Anwesende bestätigten diese Darstellung nach eigenen Angaben. Sein Ehemann Ivan Yartsev sagt: „Wenn Dmitrii aufgeregt ist, fängt er an, lauter zu sprechen.“ Aggressiv sei er jedoch nicht gewesen.

Andere Darstellung der Polizei 

Die Polizei Hamburg schildert den Einsatz dagegen anders. Sprecherin Nadia Papist erklärte: „Als die Beamtinnen und Beamten das Gespräch mit dem Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes suchten, filmte der 41-Jährige dieses sowie ein Gespräch der Einsatzkräfte untereinander. Einer Aufforderung, dies zu unterlassen, kam er nicht nach, wurde aggressiv und leistete Widerstand gegen die Maßnahmen der einschreitenden Polizeibeamtinnen und -beamten. Er wurde aufgrund dessen in Gewahrsam genommen und von den Einsatzkräften zu einem Funkstreifenwagen gebracht.“

Auf dem Weg zum Polizeifahrzeug sackten Chunosov nach eigenen Angaben die Beine weg. „Ich weiß von diesem Moment nicht mehr viel. Draußen habe ich dann bemerkt, dass meine Schuhe kaputt und meine Knie aufgeschlagen waren.“ Papist erklärt dazu, der Mann habe sich „mit den Knien auf den Boden fallen gelassen“ und sich dabei verletzt. Chunosov berichtet außerdem, zeitweise kein Gefühl mehr in den Händen gehabt zu haben. 

Vergleiche mit Russland 

Nach Angaben des 41-Jährigen musste er anschließend etwa eine Stunde vor der Europa Passage auf dem Boden sitzen, bevor er zum Polizeikommissariat 31 gebracht wurde. Er habe versucht, Passanten auf sich aufmerksam zu machen, seine Stimme sei dabei jedoch weggeblieben. Mehrere Personen schildern später, Chunosov sei sehr blass gewesen, habe stark geweint und schwer geatmet. Der Mann berichtet zudem von Flashbacks. „Als meine Hände hinter meinem Rücken gefesselt wurden, war ich im Kopf wieder in Russland.“ Dort sei er mehrfach bei Demonstrationen für die gleichgeschlechtliche Ehe festgenommen worden. Unabhängig überprüfen lässt sich das nicht. Doch in Kombination mit den anderen Symptomen spricht vieles dafür, dass Chunosov an diesem Tag eine Panikattacke hatte.

Die Polizei wollte sich dazu nicht äußern. Stattdessen teilte sie mit, der Mann sei „alkoholisiert“ gewesen. Auf Nachfrage erklärte die Polizei jedoch: „Einen Atemalkoholtest wollte der Mann nicht durchführen und zeigte sich unkooperativ.“ Da kein Verbrechen vorgelegen habe, „wurde aus Gründen der Verhältnismäßigkeit auf eine Blutprobenentnahme verzichtet“. Anschließend wurde Chunosov vorläufig in das Polizeikommissariat 31 in Mundsburg gebracht. Seinem Ehemann teilten die Beamten nach dessen Angaben mit, er könne ihn gegen ein Uhr nachts abholen.

Stundenlange Inhaftierung 

Yartsev berichtet: „Ich dachte, sobald er sich beruhigt hat, werden sie ihn freilassen. Also bin ich schon früher zur Wache und wollte den Beamten einen Zettel für ihn geben. Ich wollte ihm schreiben, dass er sich beruhigen soll, damit er freikommt. Aber mir wurde gesagt, Dmitrii wäre so aggressiv und gefährlich, dass sie die Zellentür gar nicht öffnen könnten. Das kann ich mir überhaupt nicht vorstellen.“ Auch Chunosov erhebt Vorwürfe gegen die Behandlung während des Gewahrsams. „Ich habe immer wieder um einen Arzt gebeten, der meine Wunden versorgt. Die zwei Pflaster, die ich bekommen hatte, gingen schon wieder ab, und desinfiziert wurde auch nichts. Außerdem habe ich immer wieder gefragt: Warum bin ich hier? Warum habt ihr mich festgenommen? Die Polizisten haben nur gelacht und gesagt: ‚Du weißt, warum du hier bist.‘“

Ermittlungen gegen Chunosov

Zu diesen Schilderungen äußerte sich die Polizei auf Nachfrage bislang nicht. Nach Angaben des 41-Jährigen konnte ihn sein Ehemann erst abholen, nachdem ein Anwalt eingeschaltet worden war. Sein Mobiltelefon befinde sich weiterhin bei der Polizei. „Darauf sind die Videos, die beweisen, dass ich nichts gemacht habe“, sagt Chunosov. Auf die Frage, ob Bodycam-Aufnahmen oder Videoaufzeichnungen aus der Europa Passage gesichert worden seien, machte die Polizei keine Angaben.

Sprecherin Nadia Papist erklärte lediglich: „Das Landeskriminalamt ermittelt nun wegen des Verdachts des Hausfriedensbruchs, des Verdachts der Verletzung der Vertraulichkeit des Wortes sowie wegen des Verdachts des Widerstandes gegen Vollstreckungsbeamte.“ Wegen der laufenden Ermittlungen könne sie keine weiteren Einzelheiten nennen. Am Tag nach dem Vorfall ließ sich Chunosov nach eigenen Angaben in der Notaufnahme des Regio Klinikums Pinneberg untersuchen. In dem Entlassungsbrief heißt es, es habe keine Hinweise auf die Einnahme von Substanzen gegeben.

Klage gegen die Polizei 

Auch die Europa Passage reagierte auf den Vorfall. Centermanager Karsten Bärschneider erklärt: „Unabhängig von der rechtlichen Bewertung bedauern wir, dass die Situation für den Betroffenen eine derart belastende Erfahrung dargestellt hat“ und dass „ein Mensch verletzt wurde“. Zudem sagte er: „Gerne stehe ich Herrn Chunosov für eine persönliche Aufarbeitung zur Verfügung.“ Der Vorfall solle auch intern überprüft werden. Chunosov kündigt an, sich gegen die Vorwürfe und das Vorgehen der Beamten juristisch zur Wehr setzen zu wollen, „sobald ich die Kraft dazu finde“. Auf Instagram veröffentlichte er Fotos seiner Hämatome. Dazu sagt er: „Meine Wunden sind entzündet und schmerzhaft, aber nicht so schmerzhaft wie meine Seele. Es war so erniedrigend, ich habe mich so allein gefühlt. Danach habe ich tagelang nur geweint.“ Trotz der Ereignisse hoffe er weiterhin, dass ein solcher Vorfall für ihn in Deutschland „der absolute Ausnahmefall“ bleibe.

Anzeige
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE

Auch Interessant

Tod nach Dating-Masche

Jugendbande erschlägt Schwulen

Ein schwuler Mann wurde von einer Jugendbande in Bulgarien mittels Datings-Masche in eine Fall gelockt und tot geschlagen. Die Ermittlungen laufen.
Streit um CSD-Fördergeld

Ministerium weist Vorwürfe zurück

Nach der Kürzung von Fördermitteln für den CSD Rathenow entbrennt ein politischer Streit über Verantwortung und Unterstützung der queeren Community.
Liebe trotz Distanz

Rob Jetten und Nicolás Keenan

Der argentinische Hockey-Spieler Nicolás Keenan freut sich auf Zweisamkeit mit seinem Verlobten, den niederländischen Premierminister Rob Jetten.
Volleyballer Merrick McHenry

Die neue Hoffnung aus den USA

Der schwule Volleyball-Star Merrick McHenry führt die USA mit einer starken Leistung zu Silber und empfiehlt sich für die Olympischen Spiele 2028.
Nachfolger von Heartstopper

Schwule Romanze aus Brasilien

Konkurrenz für Heartstopper: Mit „Fünfzehn Tage sind für immer“ bringt Netflix eine schwule Coming-of-Age-Romanze aus Brasilien auf die Bildschirme.
Kampf für die Liebe

Lesbisches Paar in Uganda

Nach Monaten in Haft kämpft das lesbische Paar Wendy und Denise in Uganda weiter für ihre Beziehung – trotz Drohungen, Angst und Ausgrenzung.
Kanada öffnet Samenspende

Ende homophober Diskriminierungen

Kanada streicht umstrittene Regeln für Samenspenden und beseitigt damit eine weitere diskriminierende Hürde für schwule und bisexuelle Männer.
Outing im Job in Österreich

Studien zeigen große Zurückhaltung

Neue Studien zeigen: Viele LGBTIQ+-Menschen in Österreich verschweigen ihre Sexualität im Beruf aus Angst vor Diskriminierung und Benachteiligung.
Sorge um Perez Hilton

Selbstverletzung während Livestream

US-Blogger Perez Hilton hat sich in einem Livestream in offenbar suizidaler Absicht mit einem Messer selbst verletzt. Aktuell ist er in einer Klinik.