Direkt zum Inhalt

Russlands neue Leitlinien LGBTIQ+ fällt nun unter „Störung der sexuellen Präferenz“

Von ms - 25.09.2026 - 13:00 Uhr
Russlands neue Leitlinien
Foto: AI GENERATED - FASH Medien
ANZEIGE
Loading audio player...

Das russische Gesundheitsministerium hat jetzt neue klinische Leitlinien für die Behandlung sogenannter „Störungen der sexuellen Präferenz“ veröffentlicht. Das von der Russischen Gesellschaft für Psychiatrie erarbeitete Dokument legt Diagnosekriterien und Behandlungsmethoden fest und ist als Leitfaden für Ärzte im ganzen Land gedacht – und könnte dramatische Folgen für homosexuelle und queere Menschen im Land haben. 

Das Wichtigste im Überblick

  • Russlands Gesundheitsministerium hat neue klinische Leitlinien zu „Störungen der sexuellen Präferenz“ veröffentlicht.
  • Erfasst werden verschiedene Diagnosen, darunter Fetischismus, „fetischistischer Transvestitismus“, Pädophilie und Sadomasochismus.
  • Sexuelle Orientierung wird nicht direkt behandelt. LGBTIQ+-Menschen könnten trotzdem je nach Auslegung als krankhaft definiert werden. 
  • Als Therapieziel wird die Verringerung „abnormalen sexuellen Verlangens“ und die Entwicklung „normativer Modelle sexuellen Verhaltens“ genannt.
  • Vorgesehen sind kognitive Verhaltenstherapie, Medikamente sowie „Aversionstherapie“ und „orgasmische Rekonditionierung“.
  • Seit 2025 sind klinische Leitlinien für Ärzte in Russland verpflichtend. 
  • Ein Psychiatrieprofessor warnt vor einer stärkeren Überwachung von Patienten durch Strafverfolgungsbehörden.

Homosexualität als Krankheit 

Die neuen Leitlinien betreffen diverse Diagnosen, dazu gehören Fetischismus, „fetischistischer Transvestitismus“, Exhibitionismus, Voyeurismus, Pädophilie, Sadomasochismus sowie multiple, sonstige und nicht näher bezeichnete „Störungen der sexuellen Präferenz“. Auch verschiedene BDSM-Praktiken werden erfasst. Die Leitlinien selbst nehmen zwar keinen direkt Bezug auf die sexuelle Orientierung, zielen aber offenbar deutlich auf homosexuelle und queere Menschen ab. Ärzte sollen Patienten nach fünf Kriterien beurteilen: Erregung, Aktivität, Einverständnis, Leidensdruck und mögliche Gesundheitsschäden. Bei unklaren Fällen können zusätzlich psychologische Tests und Bewertungsskalen eingesetzt werden. Im Grundsatz besteht damit je nach Auslegung und Fall die Möglichkeit, Homosexualität oder queeres Leben als Krankheit zu definieren. 

„Abnormales sexuelles Verlangen“

Das Gesundheitsministerium beschreibt das Therapieziel so auch als „Verringerung des abnormalen sexuellen Verlangens und seiner Erscheinungsformen mit einem Übergang zur Entwicklung normativer Modelle sexuellen Verhaltens“. Dadurch sollen nach Darstellung des Ministeriums das Risiko von Sexualstraftaten reduziert und die gesellschaftliche Lebensfähigkeit der Patienten unterstützt werden. Als Behandlungsmöglichkeiten werden kognitive Verhaltenstherapie und Antidepressiva genannt. Für Psychotherapeuten mit verhaltenstherapeutischem Ansatz empfiehlt das Ministerium zudem Methoden wie „Aversionstherapie“ und „orgasmische Rekonditionierung“ – bekannt auch als Konversionstherapien, deren Ziel zumeist die „Heilung von Homosexualität“ ist. Die Vereinten Nationen haben diese nicht wirksamen und oftmals brutalen Methoden klar als Folter eingestuft. In gewissen Fällen sind künftig auch Hormonblocker und die „chemische Kastration“ erlaubt. 

Männlichkeit und Weiblichkeit als Maßstab

Die Leitlinien legen darüber hinaus die Übernahme „normativer Modelle sexuellen Verhaltens“ als Standard fest. Zur Beurteilung von Patienten wird unter anderem die Methode „Männlichkeit und Weiblichkeit“ vorgeschlagen. Dabei soll untersucht werden, wie stark sich ein Mensch selbst als „männlich“ oder „weiblich“ wahrnimmt und wie diese Wahrnehmung mit dem im Pass eingetragenen Geschlecht übereinstimmt. Die Bewertung umfasst sieben als männlich eingestufte Eigenschaften – kühn, aufbrausend, agil, robust, mutig, aufdringlich und entschlossen – sowie sieben als weiblich bezeichnete Merkmale: fügsam, ordentlich, schwach, liebenswürdig, liebevoll, schüchtern und freundlich. Hinzu kommen acht geschlechtsneutrale Eigenschaften.

Leitlinien sind verpflichtend

Seit 2025 sind klinische Leitlinien in Russland für alle Ärzte verpflichtend, auch für privat praktizierende Mediziner. Zuvor konnten sich Ärzte auch an internationalen Standards wie denen der Weltgesundheitsorganisation orientieren. Wird eine Diagnose im angesprochenen Bereich gestellt, bilden die neuen Vorgaben nun den verbindlichen Behandlungsstandard. Roman Suleimanov, außerordentlicher Professor am Fachbereich Psychiatrie der RUDN-Universität, bezeichnete die Leitlinien gegenüber der Zeitung Kommersant als „längst überfällige Brücke“ zwischen Medizin und Recht. Gleichzeitig warnte er davor, dass Patienten „einer stärkeren Kontrolle durch die Strafverfolgungsbehörden unterliegen“. 

Er verwies dabei auf den Zugriff der Sicherheitsbehörden auf medizinische Daten hin: „Nach dem Gesetz haben die Strafverfolgungsbehörden direkten Zugang zu den regionalen medizinischen Informationssystemen (EMIAS) und können Listen von Personen anfordern, die sich in Behandlung befinden, um Datenbanken mit ‚Risikogruppen‘ zu erstellen. Daher macht der Versuch, sich freiwillig behandeln zu lassen, den Patienten automatisch zu einem Ziel operativen Interesses, was die Idee der Primärprävention sexueller Gewalt in der Gesellschaft vollständig untergräbt.“ Die neuen Leitlinien erscheinen vor dem Hintergrund internationaler Kritik an Russlands Umgang mit LGBTIQ+-Menschen. Die UN-Sonderberichterstatterin für die Menschenrechtssituation in Russland, Mariana Katzarova, hatte in den vergangenen Tagen bei den Vereinten Nationen die transnationale Repression durch Russland angeprangert.

Anzeige
ANZEIGE

QUEERE PRESSESCHAU

BILDÜberraschendes Geständnis von Maite Kelly - Ich könnte mich auch in eine Frau verliebenrbb24CSD-Anschlag: Regenbogenbank im Tiergarten immer wieder beschädigtFrankfurter Allgemeine ZeitungBrief aus Istanbul: Das Jahrhundert der AbzockeMOPO„Schwule Scheiße“: St. Pauli-Buhmann Behrens relativiert seine Skandal-AussagenAlle Meldungen ansehen
ANZEIGE

Umfrage der Woche

Wo würdest du ein erstes Date am liebsten verbringen?

Choices
Artikel zur Umfrage lesen
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE

Auch Interessant

Warnung von Andrew Scott

Kein Vergessen der Aids-Krise

Der schwule Schauspieler Andrew Scott fordert, die Aids-Krise nicht zu vergessen. Sein neuer Film „Elsinore“ erinnert an jene Zeit.
Schwuler Politiker wehrt sich

BDSM-Fotos sorgen für Wirbel

Alte BDSM-Fotos bringen den schwulen US-Politiker Chris Gallant in die Schlagzeilen. Doch der Kongresskandidat denkt nicht an Rückzug.
Coming-Out bleibt ein Tabu

Schwule Profis schweigen weiter

Thomas Hitzlsperger sieht kleine Fortschritte gegen Homophobie im Fußball. Doch viele schwule Profis fürchten ein Coming-Out selbst nach Karriereende.
Schutz für queere Jugendliche

Mamdani finanziert trans* Medizin

New York stellt neun Millionen Dollar für die Behandlung trans* Jugendlicher bereit, nachdem mehrere Kliniken ihre Angebote eingestellt haben.
Queere Jugendliche in Wien

Mehr Angst vor Anfeindungen

Anfeindungen und Gewalt belasten queere Jugendliche in Wien zunehmend. Experten warnen vor psychischen Folgen und fordern bessere Hilfsangebote.
Russlands Strafen explodieren

Rekordbußen gegen LGBTIQ+

Russland verschärft die Verfolgung von LGBTIQ+-Menschen: 2025 stiegen die Geldstrafen um 83 Prozent, die Verfahren um ein Drittel.
Verbot spaltet Tasmanien

Streit um Homo-Heilung

Tasmanien will über ein Verbot von Konversionsmaßnahmen abstimmen. Während die Befürworter auf Schutz drängen, warnen Gegner vor Einschränkungen.
Behrens rechtfertigt Eklat

Kicker betont "dumme Aussage“

Zwei Jahre nach seinem homophoben Spruch spricht Fußballer Kevin Behrens über die Folgen des Eklats, Anfeindungen und Probleme bei der Vereinssuche.
Niederlande zeigen Lila

Statement gegen Ausgrenzung

Am „Lila Freitag“ zeigen die Niederlande heute Solidarität mit LGBTIQ+-Jugendlichen vor dem Hintergrund sinkender Akzeptanz gegenüber Homosexuellen.