Sexuelle Gewalt gegenüber LGBTI* Neue Studie aus Großbritannien schlägt Alarm
Es sind dramatische Zahlen, die eine neue Studie im Auftrag der britischen LGBTI*-Schutzorganisation Galop nun offenlegt – dabei wurden über 1.000 queere Menschen im Vereinigten Königreich zu ihren Erfahrungen mit sexueller Gewalt befragt.
Die Umfrage stellt somit die bisher größte Studienerhebung in diesem Bereich dar. Für die Mehrheit aller Befragten (53 Prozent) ist dabei klar, dass sie deswegen Opfer einer sexuellen Gewalttat geworden sind, weil sie zur LGBTI*-Community gehören. Ihre queere Identität triggerte die Täter.
Die Befragten erzählten dabei im Wesentlichen von Vergewaltigungen, penetranten sexuellen Nötigungen und unangebrachten Übergriffen gegen den Willen der Betroffenen.
Rund jedes vierte Opfer ist der Auffassung, dass die Angreifer das Ziel verfolgten, mit den sexuellen Übergriffen ihr Gegenüber zur Heterosexualität „bekehren“ zu können. Wie nicht anders zu erwarten, erlitt der größte Teil der queeren Opfer (85 Prozent) ein langanhaltendes, psychisches Trauma.
Zwei von drei der LGBTI*-Opfer hatten nach der Tat zudem vermehrt Selbstmordgedanken, 64 Prozent verletzten sich als Reaktion auf das Erlebte selbst.
Die Offenheit, mit der die Betroffenen oft zum ersten Mal über ihre Erfahrungen mit sexueller Gewalt berichteten, ist mutig und verdient viel Respekt. Die meisten von ihnen haben lange gebraucht, um überhaupt darüber sprechen zu können, jedes fünfte queere Opfer hat noch niemandem davon erzählt.
Zwei Dinge erschweren in Großbritannien für queere Opfer nach Angaben von Galop die Situation überdies – zum einen das aktuelle politische Ränkespiel um die mögliche Einführung eines Verbots von Konversionstherapien, zum anderen aber auch das fehlende Vertrauen weiter Teile der britischen LGBTI*-Community gegenüber Staatsorganen und der Polizei, die gerade in London immer wieder in den letzten Jahren durch extrem homophobes Verhalten negativ aufgefallen ist.
Die LGBTI*-Schutzorganisation Galop dazu:
„Die Ergebnisse unterstreichen die Notwendigkeit eines besseren Verständnisses von LGBTI*-Identitäten und -Erfahrungen in gesetzlichen Diensten wie der Polizei. Diese Dienste sollten in Bezug auf LGBTI*-Identitäten, Erfahrungen mit sexueller Gewalt und geeignete Überweisungswege geschult werden, um sicherzustellen, dass allen LGBTI*-Opfern und Überlebenden sexueller Gewalt Unterstützung angeboten wird, die ihren Bedürfnissen entspricht. LGBTI*-Opfer sexueller Gewalt benötigen ein spezielles Verständnis und eine spezielle Reaktion.
Die Regierung des Vereinigten Königreichs muss spezielle, langfristige nationale Mittel für spezialisierte Dienste bereitstellen, die spezialisierte Beratung, therapeutische Dienste und praktische Unterstützung umfassen. Alle jungen Menschen sollten über gesunde Beziehungen aufgeklärt werden, was ausdrücklich auch gesunde LGBTI*-Beziehungen einschließen sollte.“
Der Nationale Gesundheitsdienst (NHS) bietet zwar bereits Menschen, die sexuelle Gewalt erlebt haben, durch Beratungsstellen für sexuelle Übergriffe Unterstützung an.
Die befragten LGBTI*-Personen machten aber auch hier deutlich, dass sie ähnlich wie im Falle der Polizei wenig Vertrauen gegenüber den Ansprechpartnern haben. Viele fürchten sich davor, "zwangsgeoutet" zu werden, erneut Diskriminierung zu erfahren oder schlicht zu erleben, dass ihrem Bericht nicht geglaubt wird, weil sie queer sind.
In einem persönlichen Statement stellte dazu die Geschäftsführerin von Galop, Leni Morris, fest: "Dies zeigt, dass LGBTI*-Menschen in diesem Land immer noch ausgegrenzt werden und dass Vorurteile gegen LGBTI*-Menschen immer noch ein aktiver Teil der Lebenserfahrung vieler LGBTI*-Menschen im Vereinigten Königreich sind!"