Schwule Sex-App macht Politik Sex-Dating als Frage der Bürgerrechte?
Ein ironisches Meme auf der Gay-Dating-App The Blowers sorgt derzeit für Diskussionen in der LGBTIQ+-Community. Nutzer sehen beim Öffnen der App eine Weggabelung zwischen Europa und den USA, eine karikierte Darstellung von Donald Trump sowie die Logos von Grindr auf der Trump-Seite und The Blowers sowie Romeo auf der anderen, europäischen Seite. Begleitet wird die Grafik von dem Satz: „Ich investiere meine Zeit dort, wo es zählt.“ Der Streit in der Community geht dabei um die Frage: Sind politische Statements bei schwulen Dating-Apps in Ordnung oder nicht?
Politische Debatten beim Sex-Dating
Nach Einschätzung von Gabriele Piazzoni, Generalsekretär von Arcigay und Experte im Bereich Gay-Dating-Apps, ist die Aktion vor allem ironisch zu verstehen. „Man sollte das Ganze sicherlich mit Ironie betrachten“, so Piazzoni. Die Darstellung spiele auf ein früher von Trump verbreitetes Bild an und fordere Nutzer sinngemäß dazu auf, sich zwischen US-amerikanischen und europäischen Apps zu entscheiden. „Das ist offensichtlich ironisch gemeint und sagt den Nutzern: Entscheidet euch – für Trumps Linie, also Grindr, auch wenn ich nicht glaube, dass Grindr Trump unterstützt – oder für europäische Apps.“
Die Kampagne richte sich weniger gegen einzelne Plattformen als gegen politische und kulturelle Kontexte. „The Blowers ist eine französische App, Romeo eine deutsche. Auch diese deutsch-französische Achse ist in diesem Zusammenhang sehr ironisch“, so Piazzoni. Gleichzeitig enthalte die Aktion eine ernsthafte Botschaft. „Was nachdenklich macht, ist, dass The Blowers und Romeo gezielt einen politischen Aspekt aufgreifen, der für die LGBT-Community relevant ist: nämlich ob man als Verteidiger der Bürgerrechte auftritt oder nicht.“
Der Fokus liege dabei auf den USA. „Die Vereinigten Staaten sind von einem Land, das – im Guten wie im Schlechten – eine Vorreiterrolle bei Bürgerrechten hatte, zu einem Staat geworden, der mit der trumpistischen Politik zunehmend feindselige Züge zeigt.“ Dass europäische Apps diesen Aspekt aufgriffen, zeige, wie stark sich der Schwerpunkt beim Schutz von Rechten nach Europa verschoben habe.
Blinder Fleck bleibt die Gewalt
Ein grundsätzlich anderes „europäisches Modell“ bei Gay-Dating-Apps sieht Piazzoni allerdings nicht. „Im Grunde verhalten sich derzeit alle Plattformen mehr oder weniger gleich.“ Ein zentrales Problem betreffe sämtliche Anbieter: „Ein großes Problem ist, dass Dating-Apps nicht genug gegen Gewalt unternehmen. Das gilt für alle: von Grindr über The Blowers bis Romeo.“
Arcigay registriert nach eigenen Angaben regelmäßig Fälle von Übergriffen, Raub und Erpressung nach Verabredungen über Dating-Apps. „Wir sehen das häufig über die kostenlosen Rechtsberatungen unserer Antidiskriminierungszentren. Das ist oft der erste Ort, an den sich Betroffene wenden.“ Betroffen seien häufig Männer mittleren Alters, die sich aus Scham oder aus Angst vor einem unfreiwilligen Outing scheuten, Anzeige zu erstatten. „Eine Anzeige bedeutet, sich zu exponieren.“ In vielen Ländern Europas wie auch in Deutschland haben Überfälle mit der Dating-Masche in den letzten ein bis zwei Jahren stark zugenommen. „Wir sehen bislang nur die Spitze des Eisbergs – und selbst diese Spitze ist schon groß.“
Piazzoni zur Rolle der Plattformen dabei: „De facto gibt es bislang kaum Maßnahmen.“ Dabei seien Informationsangebote, verbesserte Meldesysteme oder Sicherheitshinweise denkbar. Dating-Apps könnten auch „ein positives Instrument für Sicherheit und Schutz sein“. Insbesondere in Anbetracht folgender Tatsache: „In vielen Provinzen und kleinen Städten sind Dating-Apps oft die einzige Möglichkeit, andere Menschen kennenzulernen.“ Entsprechend wichtig sei es, diese digitalen Räume zu schützen.