Appell an Meloni Ein schwuler Medizinstudent sitzt im Iran fest
Ein offen schwuler iranischer Medizinstudent, der an der Universität Turin eingeschrieben ist, sitzt seit mehr als zwei Monaten in seinem Herkunftsland fest und bittet die italienische Regierung um Hilfe. Aus Teheran wandte sich der Anfang zwanzigjährige Student mit einem direkten Appell an Ministerpräsidentin Giorgia Meloni sowie an Außenminister Antonio Tajani und Hochschulministerin Anna Maria Bernini. Er fordert, nach Italien zurückkehren zu dürfen, um sein Studium fortzusetzen.
Rückkehr nach Italien
Der Student befindet sich im vierten Jahr seines Medizinstudiums. Seine Wiedereinreise nach Italien scheiterte bislang an der Ablehnung eines entsprechenden Visums durch die italienische Botschaft. Nach Angaben seines Anwalts Wisam Zreg liegt der Fall inzwischen dem Verwaltungsgericht Latium (Tar del Lazio) zur Entscheidung vor.
Der junge Mann war im Sommer 2024 in den Iran gereist, um sich wegen einer seltenen Autoimmunerkrankung behandeln zu lassen. In der Folge blieb er jedoch im Land, auch aufgrund der verpflichtenden Einberufung zum Militärdienst. Ein im November gestellter Antrag auf ein Wiedereinreisevisum nach Italien wurde abgelehnt. Zur Begründung wurde auf eine angeblich negative Stellungnahme der Polizeibehörde verwiesen, deren Inhalt nach Angaben der Verteidigung nie konkretisiert worden sei.
Die Visumsablehnung erfolgte demnach nach einer Einschätzung der Polizei in Turin, die von den Anwälten des Studenten als unbegründet zurückgewiesen wird. Die Botschaft habe sich auf diese Bewertung gestützt, erklärte der Rechtsbeistand. Nun müsse das Verwaltungsgericht über den Fall entscheiden.
Zehntausende Tote
Der Student schildert aus dem Iran eine dramatische politische Lage. Das Land befinde sich „am tiefsten Punkt seiner Geschichte“, sagte er. Landesweit gebe es Proteste, auf die das Regime mit massiver Gewalt reagiere. Die in internationalen Medien genannten Zahlen von rund 30.000 Todesopfern innerhalb eines Monats der Repression hält er für deutlich zu niedrig.
„Es gibt keinen Winkel im Iran, der still geblieben ist. Wir alle sind auf die Straße gegangen, um zu protestieren. Ich habe Junge gesehen, Alte, Kinder, sogar Menschen mit Behinderungen. Ich habe viele Tote gesehen, jetzt verbieten sie die Rückgabe der Leichen an die Familien“, so der Student.
Er berichtete zudem von Beerdigungen ohne Leichname, die sich zu Akten des Widerstands entwickelt hätten. Die offiziellen Angaben zu den Opferzahlen spiegelten nach seiner Einschätzung nicht das tatsächliche Ausmaß der Gewalt wider. Auch Gespräche mit Journalisten seien mit erheblichen persönlichen Risiken verbunden.
Lebensgefahr für Schwule
Neben der politischen Lage betonte der Student auch seine persönliche Situation als homosexueller Mann. In Iran stellt seine sexuelle Identität nach eigenen Angaben eine konkrete Lebensgefahr dar. Homosexuelle Menschen werden dort mit der Todesstrafe bedroht. Ein Leben im Land bedeute, sich dauerhaft zu verstecken und die eigene Identität zu verleugnen.
Auf die Frage, ob er auch wegen seiner sexuellen Orientierung um sein Leben fürchten müsse, antwortete der er weiter: „Neben der bildungsbezogenen Dimension meines Lebens gibt es auch eine persönliche Dimension. In dieser Hinsicht war ich – trotz aller Schwierigkeiten, mein geliebtes Land, meine Familie und meine Freunde zu verlassen – gezwungen zu gehen. Hier im Iran gibt es keine Zukunft für mein persönliches und emotionales Leben, mir wird sogar das Recht auf Existenz verweigert. Um am Leben zu bleiben, bist du gezwungen, eine Maske zu tragen. Du hast keine Wahl. In Italien kann ich im Gegensatz zum Iran frei ich selbst sein.“
Italien sei für ihn der einzige Ort, an dem er sowohl frei leben als auch sein Studium fortsetzen könne. Dort befänden sich zudem seine sozialen Bindungen. Er betonte, keine Sonderbehandlung zu verlangen, sondern lediglich die Möglichkeit, an seine Universität zurückzukehren. „Wenn ich in einem anderen Land geboren wäre, hätte es all diese Probleme nicht gegeben: Ich hätte ohne Hindernisse reisen können. Ich verlange nichts Unrealistisches – lasst mich einfach zu meinen Vorlesungen zurückkehren“, so der Student bittend.