Direkt zum Inhalt
Pietätloses Urteil
ANZEIGE

Pietätloses Urteil in Russland Reiseveranstalter posthum wegen LGBTIQ+-Nähe verurteilt

ms - 18.11.2025 - 14:00 Uhr
Loading audio player...

Vor einem knappen Jahr Ende November 2024 verhaftete die russische Polizei bei mehreren Razzien in Schwulenclubs und anderen szenenahen Einrichtungen mehrere Männer, darunter auch der 48-jährige Reiseveranstalter Andrei Kotov. Ihm wurde vorgeworfen, über seine Reiseagentur „Men Travel“ speziell Reisen für schwule Männer organisiert zu haben – damit habe er „Aktivitäten“ der als extremistisch eingestuften LGBTIQ+-Bewegung unterstützt. 

Kotov drohten damals bis zu zehn Jahre Gefängnis. Der 48-Jährige wurde daraufhin von der Polizei immer wieder mit Elektroschockern misshandelt und gefoltert, ihm wurde Nahrung und warme Kleidung sowie wichtige Medikamente verwehrt, zudem wurde er fortlaufend unter Druck gesetzt, ein „Geständnis“ abzulegen, bis er Ende 2024 Suizid beging. 

Anklage nach Selbstmord 

Damit war der Fall zumindest aus Sicht der russischen Behörden offensichtlich aber noch immer nicht abgeschlossen, posthum wurde der Mann jetzt vor Gericht schuldig gesprochen. Kotov habe mehrere Gruppenreisen für schwule Männer organisiert, unter anderem nach Ägypten wie auch eine Flussschifffahrt auf der Wolga. Angeblich habe er auch Minderjährige dazu ausgenutzt, die Reiseangebote unter schwulen Männern zu bewerben, der Vorwurf lautete daher zusätzlich auf Verbreitung von Pornografie.

Urteil ohne Beweise 

Zu Lebzeiten hatte Kotov alle Anschuldigungen stets zurückgewiesen und mehrfach erklärt, dass es sich um ganz normale Touren gehandelt habe. Nach seinem Selbstmord wurde das Verfahren gegen ihn trotzdem im Sommer dieses Jahres vor dem Bezirksgericht in Moskau eröffnet, die Staatsanwaltschaft rief zahlreiche Zeugen auf, doch keiner von ihnen konnte tatsächlich auch handfeste Beweise vorbringen. Selbst ein angeblicher Undercover-Agent, der bei einer jener Reisen dabei gewesen sein soll, konnte nichts Belastendes wie beispielsweise mögliche Videomitschnitte vorlegen. Trotzdem verurteilten die Richter Kotov jetzt posthum und sprachen ihn in allen Punkten schuldig. Lediglich auf das Verlesen einer posthumen Haftstrafe wurde verzichtet.    

 

Hier gibt es Hilfe

Die Berichterstattung über Suizid ist ein überaus sensibles Thema. Wir möchten es in KEINSTER Weise glorifizieren oder romantisieren. Viele Menschen, die durch Suizid sterben, leiden an einer psychischen Erkrankung. Wenn es dir nicht gut geht oder du daran denkst, dir das Leben zu nehmen, versuche mit anderen Menschen darüber zu sprechen. Das können Freunde oder Verwandte sein. Es gibt aber auch eine Vielzahl von Hilfsangeboten, bei denen du dich melden kannst. Die Telefonseelsorge ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr erreichbar. Die Telefonnummern sind 0800/111 0 111 und 0800/111 0 222.

Mit Beratung steht dir auch der Coming Out Day Verein via Messenger, E-Mail und Videochat unter www.coming-out-day.de sowie www.comingoutundso.de zur Seite. Weiterhin gibt es von der Telefonseelsorge das Angebot eines Hilfe-Chats. Außerdem gibt es die Möglichkeit einer E-Mail-Beratung. Die Anmeldung erfolgt – ebenfalls anonym und kostenlos – auf der Webseite. Informationen findest du unter: www.telefonseelsorge.de 

Anzeige
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE

Auch Interessant

Eklat um US-Republikaner

Hinrichtungen von LGBTIQ+-Menschen

Der US-Republikaner Marshall Rawson steht wegen Verbindungen zu Nationalisten und seiner Befürwortung der Todesstrafe für Homosexuelle in der Kritik.
Lambda gründet eigene Stiftung

Queere Jugendhilfe vor Finanzlücke

Nach dem Ende der Bundesförderung will das queere Jugendnetzwerk Lambda mit einer Stiftung queere Jugendstrukturen langfristig absichern.
Schließung des Kennedy Centers

Streit um Kulturprogramm eskaliert

Nach monatelangem Streit um Trumps Einfluss und die „woke“ Ausrichtung des Kennedy Centers wird das Kulturhaus vorerst ganz geschlossen.
Verbot in Nordirland

Streit um Schutz der Community

Nordirlands Parlament debattiert erstmals über ein Gesetz zum Verbot von Konversionspraktiken – mit bis zu zwei Jahren Haft.
Razzien in Australien

Polizisten im Gay Village Sydney

Zum wiederholten Mal gab es Razzien in Sydneys Gay Village, der Unmut wächst. Zuletzt wurden 65 Menschen kontrolliert, 28 Drogendelikte festgestellt.
Social Media erst ab 13?

EU betont Altersgrenzen

Die EU-Kommission plant trotz Kritik neue Altersgrenzen für soziale Netzwerke und will Plattformen stärker für den Jugendschutz in die Pflicht nehmen.
Kokainflut in Deutschland

Drogenhandel wird digitaler

Kokainhandel, digitale Vertriebswege und neue Formen des Drogenkonsums beschäftigen Polizei und Politik zunehmend.
Überfälle bei Grindr-Dates

30 Jahre Haft für Täter gefordert

Drei junge Männer sollen neun Schwule in Rom über Grindr in Fallen gelockt und beraubt haben. Die Staatsanwaltschaft fordert insgesamt 30 Jahre Haft.