Amputation bei Aktivistin Ibtissame Lachgar schwebt im Gefängnis in Marokko in Gefahr
Die marokkanische Aktivistin Ibtissame Lachgar, die wegen eines T-Shirts mit der Aufschrift „Allah ist eine Lesbe“ zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt wurde, soll sich nach Angaben ihres Umfelds in einem sehr kritischen Gesundheitszustand befinden. Anwälte und Angehörige warnen, dass ihr im Gefängnis eine Amputation des Arms drohen könnte.
Kritik am Islam
Lachgar, die sich für Frauen- und LGBTIQ+-Rechte einsetzt, war im August 2025 festgenommen worden. Die Behörden stuften das T-Shirt als islambeleidigend ein. In einem Ende Juli 2025 veröffentlichten Beitrag in den sozialen Medien ist Lachgar mit dem Kleidungsstück zu sehen. Dazu schrieb sie: „In Marokko gehe ich mit T-Shirts herum, die Botschaften gegen Religionen, den Islam tragen. Ihr ermüdet uns mit eurer Scheinheiligkeit, euren Anschuldigungen. Ja, der Islam ist wie jede religiöse Ideologie faschistisch, phallokratisch und frauenfeindlich.“
Der Beitrag löste massive Reaktionen aus. Auf Facebook schrieb sie später, sie sei wegen eines „T-Shirts mit einem bekannten feministischen Slogan“ mit „Cybermobbing, tausenden Vergewaltigungs- und Morddrohungen sowie Aufrufen zu Lynchjustiz und Steinigung“ konfrontiert worden. Lachgar gilt als eine der wenigen offen atheistischen öffentlichen Persönlichkeiten in Marokko. In dem Land stellen Blasphemie-Gesetze Kritik am Islam unter Strafe, auch Haftstrafen sind vorgesehen.
Gefährlicher Gesundheitszustand
Die 50-Jährige, die eine Krebserkrankung überlebt hat, wird seit ihrer Verurteilung im Gefängnis von Salé bei Rabat festgehalten. Laut einem Bericht der Daily Mail erlitt sie während der Haft einen Ellenbogenbruch. Inzwischen trägt Lachgar demnach eine Prothese zwischen linker Schulter und Ellenbogen. Familie und Anwälte erklärten, ohne dringende medizinische Behandlung könne die Verletzung zeitnah zur Amputation ihres Arms führen.
„Der Gesundheitszustand von Ibtissame Lachgar verschlechtert sich alarmierend! Ihre Prothese hat sich vollständig gelöst, und sie wird lediglich mit Paracetamol behandelt – sowohl dafür als auch für den Ellenbogenbruch, den sie während ihrer Haft erlitten hat –, obwohl sie dringend eine komplexe Operation benötigt“, so ihre Anwältin Ghizlane Mamouni.
Eine weitere Anwältin, Chirinne Ardakani, erklärte überdies: „Seit sechs Monaten wird Betty in eklatanter Verletzung des Völkerrechts willkürlich festgehalten, unmenschlichen und erniedrigenden Haftbedingungen ausgesetzt und medizinische Versorgung verweigert – allein, weil sie von ihrer Meinungs- und Ausdrucksfreiheit Gebrauch gemacht hat.“ Ardakani fügte hinzu, die 50-Jährige werde „ebenso sehr wegen dessen unterdrückt, wer sie ist – eine unabhängige Frau, die sich für die Rechte von Frauen und LGBTIQ+-Personen einsetzt – wie wegen ihrer Überzeugungen“.
Familie zutiefst besorgt
Lachgars Schwester Siham sagte, ihre „Gesundheit ist ernsthaft gefährdet“ und erklärte überdies: „Das ist extrem besorgniserregend für sie und für unsere Familie. Sie benötigt eine hochspezialisierte Behandlung in Frankreich, und ohne diese könnten die Folgen katastrophal sein. Diese Strafe betrifft nicht ihre Handlungen, sondern das, wofür sie steht. Sie zeigt, dass man selbst heute noch allein dafür ins Gefängnis kommen kann, anders zu denken. Jeder Tag hinter Gittern ist eine weitere Ungerechtigkeit gegen sie – und ein weiterer Nagel im Sarg der Freiheit.“
Bereits zuvor hatten über einhundert Organisationen, darunter die National Secular Society (NSS), ihre Freilassung gefordert. Die Kampagnenleiterin Megan Manson erklärte nach der Festnahme: „Blasphemie-Gesetze haben nirgendwo einen Platz. Meinungsfreiheit muss auch die Freiheit einschließen, Religion zu kritisieren – selbst, wenn dadurch religiöse Gefühle verletzt werden.“