Direkt zum Inhalt
Angriffe auf Rob Jetten

Angriffe auf Rob Jetten Hunderte Hass-Postings gegen schwulen Premierminister

ms - 03.03.2026 - 11:00 Uhr
Loading audio player...

Rob Jetten, der neue und erste offen schwule Premierminister der Niederlande, sieht sich seit seinem Amtsantritt regelmäßig homophoben Angriffen im Netz ausgesetzt. Wie die niederländische Zeitung NRC berichtete, erhielt er in den ersten beiden Tagen als Regierungschef über 200 beleidigende Nachrichten auf dem Kurznachrichtendienst X. Dabei handelt es sich um Kommentare von mehr als 180 verschiedenen Accounts, die unter anderem Beleidigungen, Stereotype, manipulierte Bilder und die Legitimität eines offen schwulen Premiers infrage stellten.

Einschüchterung misslingt 

„In den ersten beiden Tagen als Premierminister habe ich über 200 homophobe Nachrichten erhalten. Ich zeige mich nicht eingeschüchtert“, sagte Jetten in seiner ersten wöchentlichen Pressekonferenz. Er erläuterte, dass er jede Woche Anzeigen wegen Homophobie erstattet, da die Bedrohungen aufgrund seiner sexuellen Orientierung täglich kämen. „Ich möchte den Menschen zeigen, dass ich mich von Hass nicht einschüchtern lasse“, betonte der Regierungschef.

Die Analyse von NRC bezog sich auf den offiziellen Account des Premierministers. Auch auf seinen privaten Profilen bei Instagram, TikTok und Facebook erhält Jetten seit Jahren Hassnachrichten. Bereits 2021, als er noch Klima- und Energieminister war, hatte er in einem Video einige Beleidigungen laut vorgelesen. Damals kommentierte seine Partei D66: „Manche fragen sich, ob ein internationaler Tag gegen Homophobie wirklich nötig ist. Urteilt selbst.“

Alltäglicher Hass im Netz 

Sara Pabian, Kommunikationswissenschaftlerin an der Tilburg Universität, bezeichnete die Angriffe als Teil eines größeren Phänomens: „Es mag nach wenig aussehen, aber die Angriffe summieren sich. Der Hass im Netz ist so alltäglich geworden, dass er als normal wahrgenommen wird.“ Viele Nutzer, die die Inhalte ablehnen, greifen demnach nicht ein, da Meldungen Zeit kosten und neue Angriffe nach sich ziehen könnten.

Die Politologin Anne Louise Schotel spricht von einem „Paradoxon der Sichtbarkeit“ für LGBTIQ+-Personen in der Politik. Einerseits sei die Präsenz eines offen schwulen Premiers wichtig für Akzeptanz und Rechte, andererseits erhöhe sie die Angriffsfläche für Hass. Isabelle van der Vegt, Kriminologin an der Universität Utrecht, ergänzt: „Je prominenter jemand ist, desto mehr Hassnachrichten erhält er.“ Der liberale D66-Senator Boris Dittrich verwies auf den Unterschied zu früheren Zeiten: „Früher kamen Briefe, heute reicht ein Klick auf dem Handy, alles ist viel unmittelbarer.“ 

Mutmacher für die Community 

Jetten selbst betonte weiter: „Ich habe eine dicke Haut“, warnte jedoch, dass viele Menschen nicht über die gleichen Mittel verfügen, um täglich mit Hass umzugehen. „Ich möchte die Menschen damit konfrontieren: In den Niederlanden scheint es normal geworden zu sein, jemanden wegen seiner sexuellen Orientierung anzugreifen.“ Neben Beleidigungen erhält Jetten auch viel Unterstützung: „Halte durch in diesem Hassnest“, schrieb ein Nutzer auf X. Sichtbarkeit schaffe nicht nur Angriffsfläche, sondern auch Allianzen. Dittrich sieht darin ein „positives Kapital“, das über nationale Grenzen hinaus Wirkung entfaltet.

Jetten, Jahrgang 1987, liberal-progressiv und überzeugter Europäer, ist der jüngste Premierminister in der Geschichte der Niederlande. Er führt die Partei Democrats 66 (D66) an und war zuvor Klima- und Energieminister. Mit seinem Partner Nicolás S. Keenan, einem internationalen Hockeyspieler, plant er in den kommenden Monaten zu heiraten. Die Niederlande gelten als eines der fortschrittlichsten Länder in Europa bei LGBTIQ+-Rechten. 2001 legalisierten sie als erstes Land weltweit die Ehe für alle, inklusive gemeinsamer Adoption. Antidiskriminierungsgesetze gibt es seit 1994, Zwangskonversionen wurden 2025 verboten. Die Akzeptanz gegenüber der Community indes sank zuletzt vor allem unter jungen Niederländern

Anzeige
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE

Auch Interessant

Karriere stark geschädigt

Queere Beschäftigte benachteiligt

Ein bisexueller Wertpapierhändler aus Texas klagt gegen seinen früheren Arbeitgeber JPMorgan und erhebt Vorwürfe wegen Diskriminierung am Arbeitsplatz.
Iran wirft ihnen Verrat vor

Sportlerinnen schweigen bei Hymne

Beim Asien-Cup im Frauenfußball in Australien sorgten die Spielerinnen aus dem Iran mit einer mutigen Geste für internationales Aufsehen.
Sex mit einer KI

Mehrheit hat Lust auf Experimente

Sex mit einer KI? Eine neue Studie zeigt auf: Für 55 Prozent der Menschen ist das reizvoll, insbesondere beim Ausleben von Sex-Wünschen und Fetischen.
Prozess gegen Ex-FDP-Politiker

Zusammen 7-Jährigen missbraucht?

Prozessauftakt gegen den ehemaligen FDP-Bundestagsabgeordneten Hartmut Ebbing und eine Lehrerin wegen sexuellem Missbrauch eines Siebenjährigen.
Mordfall Billy London

Neue Dokumentation über Horrortat

Der schwule Adultstar Billy London wurde 1990 im Alter von 25 Jahren grausam ermordet, ein Cold Case für viele Jahre. Eine neue Doku zeigt nun Details
Lachnummer Donald Trump

Goldstatue vor dem US-Kapitol

Eine Goldstatue im Park vor dem US-Kapitol zeigt derzeit US-Präsident Donald Trump in einer homoerotischen Szene mit Verbrecher Jeffrey Epstein.
Trump droht mit Stillstand

Streit um Wählerregistrierung

US-Präsident Trump verbindet Gesetze zur besseren Wählerregistrierung mit neuen Anti-Trans-Gesetzen und fordert "Vollgas" bei der Umsetzung.
Zweite Pride-Klage ausgesetzt

Pécs Pride-Organisator vor Gericht

Nach Budapest wurde nun auch das Verfahren gegen den Pécs Pride-Organisator ausgesetzt. Die Richter hinterfragen die Rechtmäßigkeit des Pride-Verbots.