Angriffe auf Rob Jetten Hunderte Hass-Postings gegen schwulen Premierminister
Rob Jetten, der neue und erste offen schwule Premierminister der Niederlande, sieht sich seit seinem Amtsantritt regelmäßig homophoben Angriffen im Netz ausgesetzt. Wie die niederländische Zeitung NRC berichtete, erhielt er in den ersten beiden Tagen als Regierungschef über 200 beleidigende Nachrichten auf dem Kurznachrichtendienst X. Dabei handelt es sich um Kommentare von mehr als 180 verschiedenen Accounts, die unter anderem Beleidigungen, Stereotype, manipulierte Bilder und die Legitimität eines offen schwulen Premiers infrage stellten.
Einschüchterung misslingt
„In den ersten beiden Tagen als Premierminister habe ich über 200 homophobe Nachrichten erhalten. Ich zeige mich nicht eingeschüchtert“, sagte Jetten in seiner ersten wöchentlichen Pressekonferenz. Er erläuterte, dass er jede Woche Anzeigen wegen Homophobie erstattet, da die Bedrohungen aufgrund seiner sexuellen Orientierung täglich kämen. „Ich möchte den Menschen zeigen, dass ich mich von Hass nicht einschüchtern lasse“, betonte der Regierungschef.
Die Analyse von NRC bezog sich auf den offiziellen Account des Premierministers. Auch auf seinen privaten Profilen bei Instagram, TikTok und Facebook erhält Jetten seit Jahren Hassnachrichten. Bereits 2021, als er noch Klima- und Energieminister war, hatte er in einem Video einige Beleidigungen laut vorgelesen. Damals kommentierte seine Partei D66: „Manche fragen sich, ob ein internationaler Tag gegen Homophobie wirklich nötig ist. Urteilt selbst.“
Alltäglicher Hass im Netz
Sara Pabian, Kommunikationswissenschaftlerin an der Tilburg Universität, bezeichnete die Angriffe als Teil eines größeren Phänomens: „Es mag nach wenig aussehen, aber die Angriffe summieren sich. Der Hass im Netz ist so alltäglich geworden, dass er als normal wahrgenommen wird.“ Viele Nutzer, die die Inhalte ablehnen, greifen demnach nicht ein, da Meldungen Zeit kosten und neue Angriffe nach sich ziehen könnten.
Die Politologin Anne Louise Schotel spricht von einem „Paradoxon der Sichtbarkeit“ für LGBTIQ+-Personen in der Politik. Einerseits sei die Präsenz eines offen schwulen Premiers wichtig für Akzeptanz und Rechte, andererseits erhöhe sie die Angriffsfläche für Hass. Isabelle van der Vegt, Kriminologin an der Universität Utrecht, ergänzt: „Je prominenter jemand ist, desto mehr Hassnachrichten erhält er.“ Der liberale D66-Senator Boris Dittrich verwies auf den Unterschied zu früheren Zeiten: „Früher kamen Briefe, heute reicht ein Klick auf dem Handy, alles ist viel unmittelbarer.“
Mutmacher für die Community
Jetten selbst betonte weiter: „Ich habe eine dicke Haut“, warnte jedoch, dass viele Menschen nicht über die gleichen Mittel verfügen, um täglich mit Hass umzugehen. „Ich möchte die Menschen damit konfrontieren: In den Niederlanden scheint es normal geworden zu sein, jemanden wegen seiner sexuellen Orientierung anzugreifen.“ Neben Beleidigungen erhält Jetten auch viel Unterstützung: „Halte durch in diesem Hassnest“, schrieb ein Nutzer auf X. Sichtbarkeit schaffe nicht nur Angriffsfläche, sondern auch Allianzen. Dittrich sieht darin ein „positives Kapital“, das über nationale Grenzen hinaus Wirkung entfaltet.
Jetten, Jahrgang 1987, liberal-progressiv und überzeugter Europäer, ist der jüngste Premierminister in der Geschichte der Niederlande. Er führt die Partei Democrats 66 (D66) an und war zuvor Klima- und Energieminister. Mit seinem Partner Nicolás S. Keenan, einem internationalen Hockeyspieler, plant er in den kommenden Monaten zu heiraten. Die Niederlande gelten als eines der fortschrittlichsten Länder in Europa bei LGBTIQ+-Rechten. 2001 legalisierten sie als erstes Land weltweit die Ehe für alle, inklusive gemeinsamer Adoption. Antidiskriminierungsgesetze gibt es seit 1994, Zwangskonversionen wurden 2025 verboten. Die Akzeptanz gegenüber der Community indes sank zuletzt vor allem unter jungen Niederländern.