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Keine heile Welt?

Keine heile Welt? Bericht warnt vor psychischen Problemen bei LGBTIQ+-Kanadiern

ms - 12.05.2026 - 14:30 Uhr
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Queere Jugendliche in Kanada sind nach Angaben von Fachleuten überdurchschnittlich häufig von psychischen Problemen betroffen. Ein Bericht von Uncloseted Media schilderte dabei jetzt die persönlichen Erfahrungen junger LGBTIQ+-Menschen und verweist auf alarmierende Zahlen zu Mobbing, Suizidgedanken und mangelnder Versorgung. Bisher galt Kanada als Vorzeige-Land in puncto Inklusion und Akzeptanz, nun bekommt das Image offenbar erste Risse. 

Das Wichtigste im Überblick

  • Bericht warnt vor massiven psychischen Belastungen queerer Jugendlicher in Kanada
  • Studien zeigen deutlich erhöhte Werte bei Mobbing, Depressionen und Suizidgedanken
  • Betroffene schildern Erfahrungen mit Ausgrenzung, Angst und fehlender Unterstützung
  • Fachleute fordern besseren Zugang zu psychotherapeutischen und digitalen Hilfsangeboten

Mobbing ist allgegenwärtig 

Der heute 18-jährige Jack Wonnacott berichtete, wie ihn das Verstecken seiner sexuellen Orientierung in eine schwere psychische Krise führte. Während einer Arbeitspause habe er weinend in seinem Auto gesessen und nicht mehr gewusst, wie es weitergehen solle. „Mein Gedanke an diesem Tag war: ‚Ich werde wahrscheinlich nicht mehr nach Hause zurückkehren. Ich werde meine Familie wahrscheinlich nie wiedersehen‘“, sagte Wonnacott. Nach einem Anruf bei der staatlich unterstützten Krisenhotline 988 wurde die Polizei eingeschaltet, weil man ihn als Gefahr für sich selbst einschätzte. Er kam zur psychiatrischen Untersuchung in ein Krankenhaus. Später outete sich Wonnacott gegenüber seiner Familie und wurde nach eigenen Angaben akzeptiert. Der Weg dorthin sei jedoch von Angst und Isolation geprägt gewesen.

Einer von aktuell immer mehr Fällen: Nach Daten aus dem Bericht geben 77 Prozent queerer Jugendlicher in Kanada inzwischen an, Opfer von Mobbing geworden zu sein. LGBTIQ+-Jugendliche hätten zudem ein deutlich höheres Risiko für Suizidgedanken und Suizidversuche als heterosexuelle Gleichaltrige. Überdies mangele es vielerorts an therapeutischer Versorgung. Dem Bericht zufolge erhalten 75 Prozent der Kinder und Jugendlichen mit psychischen Erkrankungen keinen Zugang zu spezialisierter Behandlung.

Hilfe durch Therapie 

Die Psychotherapeutin Dani Gagnon kritisierte die Situation scharf. „Wenn man glaubt, wir lebten an einem progressiven Ort, an dem alles gut ist, dann stimmt das absolut nicht“, sagte sie. „Es ist wirklich enttäuschend, dass das in Kanada passiert.“ Wonnacott schilderte, dass insbesondere das Umfeld in Schule und Freizeit seine Unsicherheit verstärkt habe. Abwertende Sprache und homophobe Bemerkungen hätten dazu geführt, dass er seine Identität versteckte. „Es gab viele abfällige Begriffe und viele Situationen, in denen Dinge abwertend als ‚schwul‘ bezeichnet wurden“, sagte er.

Mit der Zeit hätten sich seine Ängste verstärkt. „Es entwickelte sich zu dem Gedanken: ‚Vielleicht muss ich mich einfach selbst korrigieren… normal werden‘“, erklärte Wonnacott. Später seien Selbstverletzungen und Suizidgedanken hinzugekommen. Unterstützung fand er schließlich durch Medikamente und einen schwulen Therapeuten. „Wir konnten eine Verbindung aufbauen, und er verstand, was ich durchmachte“, sagte er.

Wenig Anlaufstellen

Auch Casey Mariani berichtete von belastenden Erfahrungen. Die heute 23-jährige nicht-binäre Person schilderte Mobbing und Ausgrenzung an einer katholischen Schule in Toronto. Mitschülerinnen und Mitschüler hätten Mariani verfolgt, nachdem Mariani Interesse an einer queeren Schülergruppe gezeigt habe. „In den Pausen gründeten sie einen Anti-Gay-Club und jagten mich über den Schulhof“, erinnerte sich Mariani. „Es war, als wäre ich ein Vampir und sie wollten vor mir fliehen.“

Mariani, die in einer streng katholischen Familie aufwuchs, hielt die eigene Identität lange geheim. Erst in Online-Communities habe Mariani Akzeptanz erlebt. Trotz therapeutischer Unterstützung habe sich Mariani häufig weiterhin aber auch unverstanden gefühlt. „Ich hatte nie wirklich einen sicheren Raum, um zu reden und mich gehört zu fühlen“, sagte die heute 23-Jährige Person.  Später entwickelten sich nach eigenen Angaben Alkoholprobleme und Essstörungen. Erst durch Selbsthilfegruppen und die Unterstützung eines Mentors habe sich die Lage verbessert.

Forderung nach mehr Engagement

Aaron Sanderson von der Stiftung Kids Help Phone sprach sich für einen Ausbau niedrigschwelliger Hilfsangebote aus. Gerade digitale und anonyme Unterstützung könne für junge Menschen wichtig sein. „Ein Gebäude zu betreten erfordert ein anderes Maß an Mut, als sich anonym Hilfe zu holen“, sagte Sanderson. „Wir müssen es diesen Menschen so einfach wie möglich machen.“ Wonnacott lebt inzwischen offen schwul und beschreibt das Verhältnis zu seiner Familie heute als eng und unterstützend. Sein Partner sei „eine konstante Stütze und jemand, dem ich vertrauen kann“.

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