Fetischisierung des CSD? Travestie-Ikone Julie Voyage: Grenzen von Sichtbarkeit und Protest
Rund 60.000 Teilnehmer zogen am vergangenen Wochenende beim CSD durch Köln, insgesamt waren laut WDR mehr als 1,5 Millionen Besucher vor Ort. Während einerseits gefeiert wurde, kam es andererseits zu Kritik am Pride-Event, dieses Mal aus den eigenen Reihen.
Das Wichtigste im Überblick
- Kölner CSD zieht erneut Hunderttausende Menschen an
- Travestie-Star Julie Voyage kritisiert „Fetischisierung“ der Parade
- Vorwurf: Politische Botschaft der LGBTIQ+-Bewegung werde verwässert
- Beschwerden über sexualisierte Auftritte und Konflikte im öffentlichen Raum
- Diskussion über Wirkung auf Außenwahrnehmung der Community
Kritik an zu viel Fetisch
Laut dem Kölner Express wurde in diesem Jahr intensiv innerhalb der Community über die Entwicklung der Veranstaltung diskutiert. Die Kölner Travestie-Ikone Julie Voyage alias Ken Reise äußert demnach deutliche Kritik an dem, was sie als zunehmende Veränderung des Charakters der Parade beschreibt. Der Künstler, der seit rund 20 Jahren als Julie Voyage auftritt, sieht eine problematische Entwicklung. Wörtlich sagt er: „Inzwischen verkommt der CSD zu einer Fetisch-Parade. Optisch und verbal sehe ich in Kölns Straßen zunehmend eine wilde, feiernde Horde, die die Sau rauslassen will und mit der ursprünglichen Intention der Bewegung nichts mehr gemein hat“, so Entertainer Ken Reise gegenüber dem Express.
Beim sogenannten Pride Drag Brunch im Hard Rock Café am Samstag sei ebenfalls über die Entwicklung gesprochen worden. Neben Julie Voyage traten dort unter anderem Swanee Feels, Samantha und Mimi Marcia auf. Nach Angaben von Reise habe auch die Erinnerung an die historischen Ursprünge der CSD-Bewegung eine Rolle gespielt. Er berichtet, dass seine Kritik an aktuellen Entwicklungen im Publikum Zustimmung gefunden habe: „Als ich dann sagte, dass diesem Anliegen durch diese Exzesse geschadet wird, gab es Applaus. Offenbar bewegt das doch mehrere Menschen in der Community.“
Männer in String-Tanga mit Schweinemaske
Besonders kritisch sieht Reise bestimmte Darstellungen im öffentlichen Raum. Er fragt, welche politische Botschaft etwa darin liege, wenn Menschen in stark sexualisierten Kostümen auftreten. Solche Szenen könnten, so seine Einschätzung, bestehende Vorurteile verstärken und das Bild der gesamten Community verzerren. „Welche politische Botschaft im Sinne der CSD-Bewegung hat es, wenn Männer in String-Tanga und Schweinemaske auf allen Vieren kriechende Jungs am Halsband hinter sich herziehen?“ Er warnt davor, dass dadurch stereotype Vorstellungen über schwule Männer gefestigt würden.
Gleichzeitig betont der Künstler, dass die Community eigentlich für Werte wie „Normalität, Toleranz, Respekt und Gleichbehandlung“ stehe. Nach seiner Wahrnehmung steige jedoch der Anteil provokanter und bewusst sexualisierter Auftritte. Er berichtet zudem von Konflikten im Alltag, etwa wenn Mitarbeiter in Gastronomiebetrieben Gäste aufforderten, bestimmte Masken abzulegen oder Kleidung anzupassen.
Reise stellt die Frage nach Selbstkritik innerhalb der Szene und nach der Wirkung solcher Auftritte auf Außenstehende. „Wo bleibt da die gesunde Selbstreflexion?“ Er könne nachvollziehen, wenn Familien oder Unternehmen sich angesichts solcher Eindrücke distanzierten. Abschließend zieht er einen Vergleich zum Kölner Karneval. Auch dort gebe es Auswüchse, die nicht mehr mit dem eigentlichen Brauchtum zu tun hätten. Ähnlich sehe er die Entwicklung beim CSD, dessen ursprüngliche politische Bedeutung aus seiner Sicht zunehmend in den Hintergrund trete.