Wann immer in den letzten Monaten versucht wird, die Rechte von LGBTI*-Menschen zu beschneiden und dies im ersten Schritt misslingt, wird das Joker-Argument aus dem Ärmel gezogen: Man tue dies alles doch nur zum Schutz der Kinder. Und wer könne schon ernsthaft etwas dagegen haben, die jüngste Generation vor schädlichem Einfluss zu bewahren? Das Argument zog immer wieder und findet aktuell auch im amerikanischen Kulturkampf viel Anwendung. Nun hat sich Social-Media-Anbieter TikTok der gleichen Argumentation bedient und will künftig “gewisse Inhalte“ hinter einer Altersbeschränkung verstecken.
Pornografische Inhalte sind bereits heute beim chinesischen Digitalunternehmen verboten, die Plattform selbst offiziell zudem erst ab 13 Jahren zugelassen. So stellt sich durchaus die Frage, wie diese hoch brisanten Inhalte denn nun konkret aussehen sollen, die künftig nur noch nach einer Altersverifikation einsehbar sein sollen? In den vergangenen Jahren viel TikTok immer wieder negativ auf, weil es LGBTI*-Themen ganz im Sinne der Staatsführung im Heimatland China zensierte und die Algorithmen zudem ganze Wortgruppen von “schwul“ bis “LGBT-Rechte“ im digitalen Netz unterbanden. Immer wieder wurde das Unternehmen auf die menschenfeindlichen Missstände hingewiesen – immer wieder gelobte der Tech-Gigant Besserung, ohne dass sich wirklich etwas änderte.
Nun also der nächste Schritt: Zensur durch Alterseinschränkung. TikTok selbst erklärte dazu, man arbeite “an einem neuen System, mit dem wir Inhalte nach thematischer Reife ordnen können. Wenn wir feststellen, dass ein Video erwachsene oder komplexe Themen enthält, etwa fiktive Szenen, die für ein jüngeres Publikum zu beängstigend oder intensiv sein könnten, wird dem Video ein Reifegrad zugewiesen.“ Bereits in den kommenden Wochen soll das neue Verfahren schrittweise umgesetzt werden. Immer öfter dürfte dann auch bei LGBTI*-Themen ein Sperrhinweis mit dem Vermerk erscheinen: Beitrag nicht verfügbar. Für neue Kritik gerade von Seiten der LGBTI*-Community ist der chinesische Social-Media-Gigant bereits jetzt gewappnet und erklärte vorab, dass man sich bewusst darüber sei, “dass das, was wir anstreben, komplex ist, und wir möglicherweise einige Fehler machen.“ Das ist doch nett formuliert. Und immerhin, es geht ja um den Schutz der Kinder – wer kann da schon etwas dagegen haben?