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Das Ende der Kirche? „Wir sollten hilfsbereite Begleiter im Leben von Homosexuellen sein. Stattdessen spielen wir uns noch immer als moralische Institution auf.“

Von ms - 01.07.2022 - 10:00 Uhr
Forderung nach Demut im Umgang mit Homosexuellen
Foto: iStock / ollo
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Die Skandale in der römisch-katholischen Kirche nehmen kein Ende – Missbrauchsfälle, Angriffe auf LGBTI*-Menschen und ein starres Beibehalten von patriarchisch geprägten Strukturen. Für immer weniger Menschen in Deutschland hat die Weltkirche noch eine Bedeutung in ihrem Leben. Zuletzt versuchten die Kirchenoberen wie beispielsweise Kardinal Marx eine erste Öffnung hin zu homosexuellen Menschen anzustoßen – vieles war im Gespräch, von der Segnung homosexueller Paare bis hin zum Priesterdienst für Frauen. Doch am Ende scheint die Erkenntnis zu bleiben, dass die Kirche sich nicht ändern lassen will oder kann. Die jüngsten Gutachten aus Münster und München belegen, dass die Kirche bis heute systematisch vertuscht und wegschaut, wenn es um Kindesmissbrauch geht. Immer wieder stellen zudem die obersten Kirchenvertreter bis hinauf zum Papst klar, dass die Institution Kirche nicht dem “gesellschaftlichen Zeitgeist“ hinterherjagen wolle und somit auch keine Gleichberechtigung für Homosexuelle ernsthaft andenkt.

In dieser Woche nun teilte die Deutsche Bischofskonferenz mit, was sich bereits beim Katholikentag kurz zuvor anhand der massiv zurückgegangenen Teilnehmerzahl abgezeichnet hatte: Die Zahl der Kirchenaustritte erreichte 2021 einen neuen Höhepunkt – oder Tiefpunkt, wenn man so will. Binnen eines Jahres traten rund 360.000 Menschen aus der römisch-katholischen Kirche aus. Das sind fast 100.000 Personen mehr als im bisherigen Rekordjahr 2019. Bischof Georg Bätzing, Vorsitzender der Bischofskonferenz, zeigte sich deutlich erschüttert über die neuen Zahlen. Die katholische Kirche in Deutschland befinde sich in einer tiefgreifenden Krise. Mit rund 42.000 Austritten verzeichnet das Erzbistum Köln die meisten, gefolgt von München und Freising (rund 35.000) sowie Freiburg (rund 30.000). Die Zahl der Mitglieder sank in Deutschland im letzten Jahr auf rund 21,6 Millionen. Bätzing erklärte weiter, dass er trotzdem zuversichtlich sei, mit dem Synodalen Weg – also der Öffnung der Kirche hin zur Moderne der Gesellschaft – einen Impuls für eine innere Reform und Erneuerung einleiten zu können.

Ehrliche Hoffnung oder doch eher Wunschdenken? Ein Priester aus Bayern widerspricht im Gespräch mit SCHWULISSIMO dieser Zuversicht jetzt vehement: „Ich bin jetzt in den mittleren Lebensjahren und ich habe jahrzehntelang immer an meine Kirche geglaubt, bisher. Doch inzwischen bemerke ich, wie in mir immer mehr die Erkenntnis an Raum gewinnt, dass die Kirche, meine Kirche, nicht wirklich zu ändern ist. Zu festgefahren sind die Strukturen, zu starr die Sicht auf die Welt in Rom. Die Kirche wird weiter an Bedeutung verlieren, bis am Ende nur noch eine Riege alter Männer um einen großen Tisch im Vatikan sitzen wird und sich dabei gegenseitig beteuert, im Recht gewesen zu sein – ein wenig erinnert mich das immer an die grauen Männer in Michael Endes Buch Momo.“

Für den bayerischen Priester gibt es heute dabei nur noch einen Grund, weiterhin als Pfarrer in seiner Gemeinde zu arbeiten: „Ich bin gerne für die Menschen da und ich sehe, dass ich gerade in diesen Zeiten Menschen auch Zuversicht geben kann. In meiner Gemeinde sind auch ein paar schwule und lesbische Paare und mehr als einmal wurde ich auch zu ihnen bereits nach Hause auf ein Gläschen Wein eingeladen. Ich denke, wir als Kirche, begehen einen sehr großen Fehler, wenn wir Menschen danach bewerten, wen sie lieben. Es ist weder unsere Aufgabe, noch unser Recht. Wir sollten hilfsbereite Begleiter im Leben der Menschen sein, auch im Leben von Homosexuellen. Stattdessen spielen wir uns noch immer als moralische Institution auf – das wäre schon unter normalen Umständen falsch, in Anbetracht des jahrzehntelangen Missbrauchs in der Kirche ist es aber einfach nur noch unverschämt, arrogant, welt- und menschenfremd. Meiner Kirche würde Demut und Einkehr sehr gut anstehen.“ Der bayerische Priester arbeitet seit rund dreißig Jahren als Seelsorger und ist der Redaktion namentlich bekannt.    

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