Kommentar: Die panische Angst vor LGBTI* Ein Kampf, der an den Schulen beginnt, trägt eine neue Generation Hass in die Welt.
Kommentar
Wir müssen reden. Bitte. Ich verstehe da etwas nicht. Wirklich nicht. Und da ich ein wenig wissbegierig bin und das auch noch im homosexuellen Greisenalter von 40+, würde ich gerne etwas erklärt bekommen, liebe heterosexuellen Mitmenschen. Liebe besorgten Eltern. Liebe US-Republikaner, Polen, Ungarn und AfD-Wähler. Könnt ihr mir bitte, bitte, bitte endlich vernünftig und mit Argumenten erklären, warum euch LGBTI*-Themen an Schulen so eine Heidenangst einjagen? Entschuldigung, eine „Heidenangst“ ist es ja gar nicht, denn zumeist bis praktisch immer seid ihr vorbildliche Christen, wenigstens nach außen.
Auf der halben Welt basteln Konservative gerade eifrig an Gesetzentwürfen, die jedes LGBTI*-Thema an den Schulen komplett verbieten sollen. Manchmal erntet ihr Widerspruch, ein anderes Mal kommt euch dummerweise wie in Polen kurz vor der finalen Umsetzung des Gesetzentwurfes dieser dumme Krieg in der Ukraine dazwischen. Also wirklich, hätte Putin nicht noch ein paar Tage warten können, bevor er Völkerrechtsbruch begeht? Was sind schon ein paar Tage, im Mantel der historischen Nachbetrachtung, die Putin selbst schon herbeisehnt, mit sich selbst im Zentrum eines neuen großrussischen Reichs. Und immerhin ist Putin doch euer Freund im Geiste, also wenigstens wenn es um die Jagd auf LGBTI*-Menschen und die Unterdrückung queerer Lebensformen geht.
Trotzdem, ich möchte das irgendwie wirklich gerne verstehen. Sondieren wir einmal die ganz rechten Politiker aus, dazu nehmen wir auch jene weg, die wie in Florida oder Texas gerade queerfeindliche Gesetze pushen, um Wahlen zu gewinnen, die Macht zu stärken und schon ein bisschen für den Präsidentschaftswahlkampf zu üben. Vergessen wir auch die Hardliner, für die Sex nur der Fortpflanzung dient und es selbst dann irgendwie für sie noch eine Todsünde darstellt – jene Menschen, für die bereits ein Cappuccino zu divers ist. Geschenkt. Übrig bleiben aber trotzdem viele Millionen Menschen, die sogenannten „Normalbürger“, die diese Gesetzentwürfe mittragen, still schweigend abnicken und mit ihrer Wählerstimme gutheißen. Was stimmt mit euch nicht?
Glaubt ihr ernsthaft, also ich meine so wirklich ganz ernsthaft, dass eine Matheaufgabe, in der beispielsweise zwei schwule Männer erwähnt werden, eure Kinder homosexuell machen? Oder dazu veranlassen, nach Schulschluss in den nächsten Sex-Shop zu sprinten, um diesen XXL-Dildo zu kaufen, damit man abends nach den Hausaufgaben schon einmal Dehnübungen für den ersten pädophilen Daddy machen kann. Oder denkt ihr, dass euer Kind komplett die Fassung verliert, nicht mehr weiß, ob es männlich oder weiblich ist, nur weil eine lesbische Lehrerin in einem Nebensatz ihre Ehefrau erwähnt?
Wenn das stimmt und einzelne Sätze eines Lehrers so eine Wirkung für das restliche Leben eines jungen Menschen haben, müsste ich heute ein frauenhassender, an die männliche Vorherrschaft glaubender, heterosexueller Mann sein, der Frauen gern „Püppchen“ nennt, ein starkes Alkoholproblem hat, jeden "Nicht-Deutschen" per se für geistig minderbemittelt hält und die feste Auffassung vertritt, dass nach 1945 in der Weltgeschichte nichts Wesentliches mehr passiert ist. Ich würde mit einem Chemiebaukasten Bomben bauen, religiös fanatisch alle "Nicht-Christen" als minderwertige Menschen definieren und die Evolution in weiten Teilen ablehnen. Und ich würde eifrig Menschen darüber aufklären, dass es in Bayern keine Vergewaltigungen gibt, denn Bayern „tun sowas einfach nicht“. Zur Belustigung würde ich andere Menschen schlagen und auf Rückfrage erklären, dass so eine Gewalttat einfach „den Charakter formt.“ Zuletzt wäre Pädophilie für mich eine völlig normale Variante von Sex, vor allem dann, wenn der Minderjährige keine Lust darauf hat. All das habe ich während meiner Schulzeit erlebt, erklärt oder vorgelebt bekommen.
Dabei wäre manches von damals vielleicht tatsächlich dazu gemacht gewesen, mich ein Stück weit zu formen – allesamt allerdings Dinge, die viel schwerer wiegen als eine Deutschhausaufgabe mit zwei Homosexuellen im Arbeitstext. Ich möchte sagen und doch noch sicherheitshalber klarstellen, so wie oben beschrieben bin ich nicht. Gar nicht. Dagegen bin ich tatsächlich schwul und das, obwohl kein einziges Wort darüber während meiner ganzen Schulzeit gefallen ist. Nicht eines. Der gesamte Sexualkundeunterricht meines Gymnasiums bestand aus einer einzigen Schulstunde, in der erklärt wurde, wie schnell Jungs Mädchen schwängern können. Das war es. Ich hätte mir damals ein wenig mehr Aufklärung gewünscht, eine einfache Möglichkeit, mich zu informieren, was das alles überhaupt ist. Damals gab es noch kein Internet, heute bietet das Internet alles und überflutet junge Queers wohl oftmals mit Eindrucken – in beiden Fällen wären sachliche, ruhig vorgetragene Informationen unendlich wertvoll. Und sei es auch nur, dass man nebenbei in dem einen oder anderen Schultext mitbekommt, dass queeres Leben existiert und man sich nicht wie ein Verdammter fühlen muss, falls man vielleicht, vielleicht auch nicht, so ticken könnte. Das Einzige, was Kinder bestenfalls mitnehmen, wenn über LGBTI* aufgeklärt wird und im Unterrichtsstoff nebenbei auch mal ein homosexuelles Paar erwähnt wird, ist die Erkenntnis, nicht in Schubladen zu denken.
Zu sehen, dass es mehr als Schwarz-Weiß gibt. Dass menschliche Lebensentwürfe vielfältig und doch im einfachsten Wortsinn "normal" sind. Ob sie etwas davon für ihr restliches Leben mitnehmen, liegt an hundert anderen Faktoren. Auch und maßgeblich an euch, liebe besorgte Eltern. Kinder erleben Prägung wie wir alle, aber es sind doch andere, wesentlich elementarere Erfahrungen, die dauerhaft auf ein Menschenleben einwirken.
Es stimmt, die queere Community macht es euch manchmal nicht leicht, ein kleiner, lautstarker Teil unserer bunten Truppe schäumt vor gegenderter Wokeness und Sprechverboten über, solange, bis ein Einatmen schon politisch höchst unkorrekt ist. Das mag für euch „Normalbürger“ irritierend sein, vielleicht sogar abstoßend, gewiss aber Ängste auslösend.
Als ich zwanzig Jahre alt war, schoss bei einem Coming Out den meisten Eltern entweder eine schillernde, schrecklich übermalte, extrem tuntige Drag-Queen oder ein schwer atmender HIV-Patient im Endstadium als Erstes ins Gedächtnis. Aber wir reden von einer Zeit um die Jahrtausendwende, seitdem ist doch viel passiert – oder nicht? Muss nur einer „Schutz für unsere Kinder“ schreien und ihr lauft fackelschwingend und hirnbefreit hinterher? All die Gesetze, ob bereits umgesetzt oder geplant, ob in Europa, Amerika oder anderenorts, können nur umgesetzt werden, weil ihr, liebe heterosexuellen „Normalbürger“ nicht laut hörbar und mehrheitlich „Nein!“ sagt.
Natürlich, wir haben in diesen Tagen andere Sorgen im Kopf, Krieg, Tod, Pandemie und Klima. Doch solltet ihr vielleicht trotzdem aufpassen, dass am Ende der Eskalation, wenn sich die Lage hoffentlich ein Stück weit beruhigt hat, eure Kinder künftig nicht in Schulen gehen werden, die ihnen Hass auf alles Fremde eintrichtern. Dann, liebe besorgte Elternschar, ja dann lasst ihr zu, dass Putin nicht der letzte Kriegstreiber in der Welt gewesen sein wird. Ihr erlaubt, dass die Schulen eine ganze Armee davon neu erschaffen.