Direkt zum Inhalt
Republikaner stoppt trans-Verbot in Utah // © nga.org/governor/spencer-cox/

Republikaner stoppt trans-Verbot in Utah "Diese trans-Kinder versuchen einfach nur, am Leben zu bleiben!"

ms - 07.03.2022 - 12:32 Uhr
Loading audio player...

In der amerikanischen Politik und gerade im aktuell stark aufgeheizten Klima gegen trans-Jugendliche an Schulen kommt es schon einem Paukenschlag gleich, wenn ein republikanischer Gouverneur sich für trans-Menschen und gegen menschenfeindliche Gesetzentwürfe einsetzt – noch dazu im glaubenstreuen Mormonen-Staat Utah.

Die Rede ist vom republikanischen Gouverneur von Utah, Spencer Cox, der jetzt sein Veto gegen ein verabschiedetes Anti-Trans-Gesetz eingelegt hat.

 

Einmal mehr wäre es darum gegangen, trans-Jugendliche komplett vom Sportunterricht an Schulen auszuschließen und so weiter zu stigmatisieren – erst letzte Woche wurde ein beinahe identischer Gesetzentwurf in Iowa unter Beifall der Republikaner verabschiedet und mit sofortiger Wirkung umgesetzt. In Utah hatte man im Vorfeld versucht, die Wogen zu glätten und mit etwas mehr Vernunft an die Problematik heranzugehen.

So war zunächst geplant, dass via Gesetz eine Kommission beauftragt werden sollte, die die grundsätzliche Frage zu klären gehabt hätte, wie und ob trans-Sportler unter ihrer Geschlechtsidentität am Sportunterricht und Wettkämpfen teilnehmen können, ohne dabei biologische Frauen beispielsweise automatisch zu benachteiligen. Die Idee dieser Kommission wurde auch von Gouverneur Cox unterstützt.

Doch am vergangenen Freitag änderte Senator Dan McCay kurzfristig und eigenmächtig die Formulierung des Gesetzentwurfes. Plötzlich stand dort zu lesen, dass kein Schüler „männlichen Geschlechts“ so wie bei der Geburt „durch die Genetik eines Individuums bestimmt" am Mädchensport in öffentlichen Schulen teilnehmen darf. De facto also abermals ein Verbot von trans-Mädchen. Im Eilverfahren verabschiedeten dann sowohl das Repräsentantenhaus als auch der Senat das überarbeitete Gesetz.

Gouverneur Cox zeigte sich von dieser klammheimlichen Hauruck-Aktion mehr als irritiert. Gegenüber dem Fernsehsender Fox13 sagte er:

"Ich dachte, wir hätten zumindest den Grundstein für eine Einigung gelegt. Und dann kommt plötzlich diese ganze Idee eines kompletten Verbots auf, wir haben nie darüber gesprochen. Es wurde nie debattiert, es kam erst in letzter Minute auf den Tisch.“ Cox zeigte sich sichtlich wütend und ergänzte später: "Uns liegen die Sportlerinnen von Utah und unsere LGBTI*-Community sehr am Herzen. An alle, die heute verletzt wurden: Es wird alles gut werden. Wir werden euch helfen, das zu überstehen. Bitte wendet euch an uns, wenn ihr Hilfe braucht (…) Jeder, der mit der Transgender-Community zu tun hat, weiß, wie erstaunlich sie ist und wie schwierig es für sie sein kann. Ich möchte es ihnen nicht schwerer machen, als es sein muss."

Cox war dabei bereits mehrfach positiv – und für viele Republikaner negativ – aufgefallen, indem er sich zu trans-Jugendlichen geäußert hatte. Der jetzige Vorfall legt die Vermutung nahe, dass seine Partei-Kollegen den liberalen Gouverneur überrumpeln wollten, um ihn schlussendlich so zu einer übereilten Absegnung des Gesetzentwurfes zu drängen.

Das Veto von Cox ist daher eine mehr als mutige Entscheidung, noch dazu, wo im Bundesstaat selbst immer wieder Schulen mit queerfeindlichen Aktionen im Namen der Religionsfreiheit von sich aufmerksam machen. Bereits letztes Jahr hatte Cox dabei klargestellt:

"Diese Kinder versuchen einfach nur, am Leben zu bleiben. Es gibt keinen Grund, warum keiner von ihnen Sport treiben sollte. Ich denke einfach, dass es einen besseren Weg geben muss, um das Problem zu lösen. Und ich hoffe, dass es in unserem Staat genug Gnade gibt, damit wir diese bessere Lösung finden. Ich verstehe vieles nicht. Aber ich versuche zuzuhören und zu lernen, und ich versuche zudem, den Kindern zu helfen, herauszufinden, wer sie sind, und sie damit am Leben zu erhalten.“

Theoretisch könnte das Veto von Cox zwar von der Legislative überstimmt werden, allerdings sieht es derzeit nicht danach aus, da auch einige republikanische Amtskollegen von Cox gegen das Gesetz sind und sie zudem treu hinter ihrem Gouverneur stehen. Elf Staaten haben seit 2020 ähnliche Gesetze erlassen, nebst dem bereits erwähnten Iowa sind das Alabama, Arkansas, Florida, Idaho, Mississippi, Montana, South Dakota, Tennessee, Texas und West Virginia. Indiana hat seinem Gouverneur kürzlich ein solches Gesetz vorgelegt. In Kansas, Louisiana und North Dakota existieren ähnliche Gesetzentwürfe, wobei hier die jeweiligen Gouverneure, zwei Demokraten und ein Republikaner, ebenso ihr Veto eingelegt haben.

Viel Lob kommt von Seiten der US-LGBTI*-Aktivisten. Die Human Rights Campain erklärte:

"Als erster Gouverneur in diesem Jahr, der ein Veto gegen eine Anti-Trans-Gesetzgebung einlegt, die ihm zur Unterschrift vorgelegt wird, verdient Gouverneur Cox Lob dafür, dass er sich gegen diejenigen stellt, die weiterhin Transgender-Jugendliche ins Visier nehmen und angreifen. Transgender-Kinder sind Kinder, und sie verdienen es nicht, Zielscheibe von entmenschlichenden Angriffen zu sein, die ihre Identität entwerten. Wie alle Kinder verdienen sie die Möglichkeit, mit ihren Freunden Sport zu treiben und durch sportliche Betätigung wichtige Lebenskompetenzen wie Sportsgeist, Teamwork und gesunden Wettbewerb zu erlernen. Die Menschen in Utah haben etwas Besseres verdient als Gesetzgeber, die versuchen, Transgender-Jugendliche mit politisch motivierten Gesetzesentwürfen zu schikanieren, nur um der Diskriminierung selbst willen. Gouverneur Cox hat gezeigt, dass er die Menschlichkeit der Transgender-Jugendlichen sieht, die von dieser Gesetzgebung betroffen sind - etwas, das Gouverneure in Staaten wie South Dakota und Iowa nicht getan haben.“

 

Anzeige
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE

Auch Interessant

CSDs Dresden und Düsseldorf

Zehntausende feiern Vielfalt

Zehntausende Menschen feierten am Wochenende in Dresden und Düsseldorf den Pride. Nach Anfeindungen im Vorfeld blieben die CSDs selbst störungsfrei.
Männlichkeit in Millilitern

Neuer Trend unter jungen Männern

Unter jungen Männern zieht ein neuer Trend gerade immer größere Kreise – es geht dabei um die Menge des Ejakulats und damit verbundene Männlichkeit.
Allen Ginsberg wird 100

Pionier schwuler Sichtbarkeit

Vor hundert Jahren wurde der Dichter Allen Ginsberg geboren. Bis heute gilt er als eine der wichtigsten schwulen Stimmen der Literatur.
Hasswelle in Italien

10 Jahre Partnerschaftsgesetz

Mit Beginn der Pride-Saison zum zehnjährigen Jubiläum des Partnerschaftsgesetzes nehmen in Italien homophobe Hasskommentare online rapide zu.
Feuertaufe bei Rob Jetten

Erste Konflikte nach 100 Tagen

Hundert Tage nach seinem Amtsantritt hat der niederländische schwule Ministerpräsident Rob Jetten viel Stress mit seiner Minderheitsregierung.
Russlands Schulpolitik

Kritik von Amnesty International

Amnesty International wirft Russland vor, Schulen gezielt zur politischen Indoktrination zu nutzen – einschließlich einer Propaganda gegen LGBTIQ+.
Nuclear Family Month

Bizarre Aktion gegen Pride Monat

Mit einer doppeldeutigen Proklamation zum „Monat der Kernfamilie“ hat Indianas Gouverneur Braun eine politische Debatte ausgelöst.
Prozess in der Schweiz

Dating-Masche in Genf

In Genf stehen zwei junge Männer wegen mutmaßlicher Gewalt- und Betrugsdelikte vor Gericht. Die Opfer waren schwule Männer mittels der Dating-Masche.
Belastung von trans* Eltern

Sorgen um Sicherheit und Rechte

Eine neue US-Studie zeigt, dass viele trans* Eltern das gesellschaftliche Klima als starke Belastung für Familienplanung und Sicherheit empfinden.