Angst vor Rache und Gewalt! Nur 16 Prozent der Übergriffe werden angezeigt!
Man kann nicht anders, als es schlicht „bedrückend“ zu nennen, wenn man auf die aktuellen Zahlen der Fachstelle Strong! des Sub München blickt. Das Kommunikations- und Kulturzentrum ist seit rund 30 Jahren eine feste Anlaufstelle für LGBTI*-Menschen in Bayern. Die Zahl der Übergriffe auf queere Menschen hat sich im Vergleich zu den Vorjahren 2021 beinahe verdoppelt – aktuell sind 165 Fälle dokumentiert, obwohl die Dunkelziffer deutlich höher liegen dürfte. Zwei-Drittel davon direkt aus München. Ob der Anstieg der Meldungen tatsächlich auch eine zunehmende Gewalt gegenüber LGBTI*-Menschen widerspiegelt, will Strong! in seinem Jahresbericht nicht bestätigen: „Seit den 1990er Jahren dokumentieren wir Gewalt- und Diskriminierungsfälle. Die Zahl der gemeldeten Fälle ist zuletzt stark angestiegen. Das werten wir zunächst nicht als Beleg für zunehmende LGBTI*-Feindlichkeit in Bayern, sondern führen dies auf unsere erweiterten Kapazitäten und die höhere Sensibilität für den Themenbereich zurück. Seit Arbeitsbeginn von Strong! können viel mehr Vorfälle von LGBTI*-Feindlichkeit dokumentiert werden, die zuvor in der Dunkelziffer verschwunden wären.“

Ob sich die beinahe Verdopplung der Fälle nur durch eine bessere Dokumentation erklären lässt, darf bezweifelt werden. Der Großteil aller Übergriffe (90) steht in Verbindung mit Homosexuellenfeindlichkeit. Weit abgeschlagen dagegen sind Fälle von Transfeindlichkeit (24), Mehrfachdiskriminierung (10) oder häusliche Gewalt in einer Partnerschaft (9). Auffällig an den Ergebnissen ist, dass sexuelle Kontakte inklusive Chemsex-Praktiken ein besonders hohes Risiko für schwule Männer mit sich bringen, Opfer eines Übergriffs zu werden. Des Weiteren zeigt sich, dass lesbische und trans-Frauen oftmals mit Vergewaltigungen bedroht werden – und dies zumeist von cis-männlichen Tätern. Zudem hat Strong! auch mehrere Fälle dokumentiert, in denen erwachsene LGBTI*s von Erlebnissen sexualisierter Gewalt in Jugendjahren berichteten, die sie bis heute traumatisieren.
Rund die Hälfte aller Übergriffe geschah auf der Straße und im öffentlichen Nahverkehr. Jeweils rund ein Viertel verteilen sich auf Übergriffe im privaten Wohnbereich oder in einer Flüchtlingsunterkunft. Die restlichen Angriffe erlebten queere Bayern zumeist im Elternhaus, am Arbeitsplatz oder der Schule sowie unterwegs in einer Bar oder einem Club. Die Formen von Gewalt verteilen sich zu gleichen Teilen auf Bedrohungen, Diskriminierung, tätlichen und sexuellen Angriffen. Etwas abgeschlagen statistisch gesehen folgen dann das Nicht-Anerkennen der sexuellen oder geschlechtlichen Identität und Beleidigungen.

Auffällig in besonderem Maße ist dabei eine Tatsache: Nur rund 16 Prozent aller Übergriffe werden überhaupt bei der Polizei angezeigt. Strong! dazu: „Wir müssen davon ausgehen, dass unsere Fallzahlen nur die Spitze des Eisbergs sind und die Dunkelziffer um ein Vielfaches höher liegt. Es wurden nur 26 Anzeigen bei der Polizei gemeldet. Die Gründe für diese niedrige Quote sind unter anderem die Unwissenheit darüber, dass eine Straftat vorlag, Angst vor weiterer Gewalt durch den Täter, Angst vor Diskriminierung durch die Polizei und die Annahme, die Polizei würde ohnehin nichts unternehmen.“