Homophober Hass an polnischen Schulen Studie zeigt, wie queere Schüler in Polen leben. Ab 2023 europaweite Studie geplant
Die LGBTI*-Organisation Forbidden Colours hat in Zusammenarbeit mit der polnischen Organisation GrowSPACE einen Bericht über die Situation von LGBTI*-Schülern in Polen veröffentlicht. Zudem wurde auch ein Ranking der Schulen präsentiert - das sogenannte LGBTI*-Friendly Schools Ranking wurde zum ersten Mal 2018 von Dominik Kuc initiiert, der damals selbst noch Schüler an einem Warschauer Gymnasium war. Dank der Finanzierung durch Forbidden Colours und ILGA-Europe fand 2021 die erste landesweite Auflage der Studie statt.
Laut den aktuellen Ergebnissen der landesweiten Ausgabe des LGBTI*-Schulrankings ist die Sichtbarkeit von LGBTI*-Menschen in polnischen Sekundarschulen hoch – 90 Prozent der befragten Schüler gaben an, mindestens eine queere Person in ihrer Schule zu kennen, 48 Prozent auch eine Transgender-Person. Ähnlich positiv sieht die Situation bei den Lehrern aus – 85 Prozent kennen ebenso eine LGBTI*-Person. Trotz dieser hohen Sichtbarkeit von queeren Lebenswelten an polnischen Schulen, ist die Situation für queere Schüler deswegen bei weitem nicht gut. Etwa jeder dritte Schüler (32 Prozent) hat bereits erlebt, wie eine Lehrkraft einen queeren Menschen diskriminiert hat. In den meisten Fällen kommt es dabei zu Sticheleien und homophoben Äußerungen.

Trotz der hohen Sichtbarkeit von LGBTI*-Personen zeigt und erlaubt das schulische Umfeld immer wieder auch offene Diskriminierung - auch vonseiten der Schulmitarbeiter. Queere Jugendliche können nicht per se auf die Unterstützung von Erwachsenen zählen. So ist auch für 30 Prozent der Schüler klar, dass es massive Einwände geben würde, wenn ein schwuler Junge beispielsweise mit seinem Partner zum Abschlussball gehen würde. Insgesamt zeigt sich in der Studie zudem wenig überraschend, dass es regional große Unterschiede gibt. Betrachtet man das Gesamtbild, so kann man feststellen, dass in der Hauptstadt und in anderen Großstädten, insbesondere in der westlichen Hälfte Polens, die Sichtbarkeit und die Unterstützung für LGBTI*-Menschen deutlich höher ist.
Forbidden Colours führte heute ein Top-10-Ranking jener Schulen auf, die jeweils am besten und am schlechtesten bewertet wurden. Die Gründe für die jeweiligen Platzierungen der Einrichtungen auf den oberen oder unteren Plätzen sind zum Beispiel der Umfang der Unterstützung und des Engagements der Schulgemeinschaft für die Rechte von LGBTI*-Personen sowie auch die Erfahrungen, die Schüler an den jeweiligen Schulen mit Lehrern und Mitschülern gemacht haben. Gerade bei den schlecht bewerteten Schulen zeigt sich, dass es massiv in puncto Respekt und Gleichberechtigung gegenüber LGBTI*-Menschen mangelt. Viele queere Schüler dort haben Angst vor negativen Reaktionen der Lehrer oder der Schulleitung – sie befürchten, schlechter behandelt und benotet sowie generell massiv gemobbt zu werden. Auch sei es vorgekommen, dass Lehrer bewusst wie unbewusst anderen Schülern quasi eine Art Erlaubnis erteilt hatten, Gewalt gegenüber queeren Menschen anzuwenden.
Drei Mal wurde das landesweite Ranking bereits durchgeführt, noch nie haben dabei so viele Schüler teilgenommen – insgesamt beteiligten sich rund 22.000 Jugendliche. Nach den vorangegangenen Ergebnissen war den Schulen auch die Möglichkeit gegeben worden, Maßnahmen zur Verbesserung der Situation für LGBTI*-Menschen zu ergreifen – in einigen Einrichtungen fand auch in der Tat eine bessere Inklusion von queeren Lebensweisen statt.
Wie sich die Situation vor Ort entwickelt, hängt dabei immer auch von der politischen Beeinflussung der Region ab. Diese Ungleichheiten lassen sich im Zusammenhang mit den "LGBT-freien Zonen" feststellen, die in Polen immer noch existieren. Zwar leitete 2021 die Europäische Kommission ein Verfahren in dieser Angelegenheit ein, das derartige lokale Beschlüsse aufheben sollte, doch dieses wird nicht flächendeckend umgesetzt. Zudem wurde erst im Januar ein neues Gesetz vom polnischen Parlament verabschiedet, das künftig jedwede Information über LGBTI* an Schulen unter Strafe stellt (SCHWULISSIMO berichtete).

Es wird befürchtet, dass das neue Gesetz die Situation für queere Menschen an polnischen Schulen wieder verschlechtert, dabei zeigte die bisherige Sozialforschung beziehungsweise das Ranking eine Verbesserung der Sachlage an den Bildungseinrichtungen. Immer wieder gaben in der Studie auch junge queere Menschen an, das Ranking aktiv als Information zu benutzen, um zu entscheiden, welche Schule sie künftig besuchen wollen. Neben einer umfassenden Diagnose der Situation von LGBTI*-Menschen in polnischen Schulen, brachte das Ranking auch soziale, pädagogische und politische Auswirkungen mit sich. In vielen Schulgemeinschaften wurde durch das Projekt das Thema LGBTI* erstmals ausführlicher besprochen. Zudem betont die Studie die Existenz und die Bedürfnisse von queeren Menschen. Das Projekt hat in Polen und international viel Anerkennung gefunden.
Langfristiges Ziel des Projektteams ist es dabei, das Ranking auf andere Mitgliedsstaaten der Europäischen Union auszuweiten – gerade im Fall Ungarn ein spannendes Vorhaben. Rémy Bonny, geschäftsführender Direktor von Forbidden Colours dazu: "Der Bericht zeigt deutlich, dass das LGBTI*-Schulranking einen positiven Einfluss auf Schulen in Polen hatte. Deshalb werden wir das Projekt im Jahr 2023 auf den Rest der Europäischen Union ausweiten. Die Vorbereitungen dafür beginnen jetzt, und wir brauchen die Zusammenarbeit von politischen Entscheidungsträgern und Organisationen in ganz Europa, um dies zu ermöglichen."